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"Es fließt zu wenig Klimageld"

BildIn Paris treffen sich morgen Politiker, Umweltschützer und Wirtschaftsvertreter zum "One Planet Summit", um über klimafreundliche Finanzen zu reden. Der Klimaexperte der Entwicklungsorganisation Oxfam Jan Kowalzig erläutert, was von dem Gipfel zu erwarten ist.

klimaretter.info: Herr Kowalzig, für Dienstag haben Frankreichs Präsident Macron, UN-Chef Guterres und Weltbank-Chef Kim zu einer Konferenz über Klimagelder nach Paris geladen. Gerade erst haben die UN-Staaten doch auf dem Weltklimagipfel in Bonn darüber gesprochen – was soll das neue Treffen bringen?

Jan Kowalzig: Emmanuel Macron will mit diesem Treffen unter anderem einen politischen Impuls gegen den US-Präsidenten Donald Trump setzen, der aus dem Pariser Weltklimaabkommen austreten möchte. Außerdem soll es nicht nur um die Klimafinanzierung im engeren Sinne gehen, bei der die reichen die armen Länder beim Klimaschutz unterstützen, sondern auch um das Umlenken der weltweiten Finanzströme. Momentan gibt es noch viermal so viele Investitionen in fossile Energien wie in erneuerbare. Das Verhältnis müsste sich genau umkehren.

Wer genau trifft sich eigentlich in Paris?

Persönlich eingeladen sind natürlich die Staats- und Regierungschefs aller Länder. Etwa 50 haben auch schon angekündigt zu kommen, vor allem aus Europa, Afrika und von den pazifischen Inselstaaten. Deutschland gehört wohl leider nicht dazu: Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich in Paris von Umweltministerin Barbara Hendricks vertreten. Auch weitere große Player schicken nicht ihre politische Spitze, sondern andere Politiker und fachliche Experten, Japan und Kanada zum Beispiel.

Die USA gehören sicher auch zur letzten Gruppe.

Donald Trump kommt selbstverständlich nicht, dafür allerdings mehrere Vorreiter der Klimaschutz-Initiative US-amerikanischer Bundesstaaten, Städte und Unternehmen – etwa der kalifornische Gouverneur Jerry Brown und der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Außerdem haben sich Prominente wie Arnold Schwarzenegger und Leonardo DiCaprio angekündigt sowie Vertreter der Wirtschaft.

Wie könnte denn das Ergebnis dieses Gipfels aussehen?

Es wird hoffentlich neue Initiativen und Länderbündnisse bringen, vielleicht zur Bepreisung von CO2-Emissionen. Möglicherweise werden auch neue Finanzzusagen von Staaten kommen für die Unterstützung armer Länder.

Schon 2009 haben die Industrieländer versprochen, dass sie ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellen wollen. Wie viel Geld liegt derzeit auf dem Tisch?

Die Geberländer selbst würden sagen, dass sie auf einem guten Weg sind. Da findet man die Zahl 57 Milliarden US-Dollar. Methodisch ist diese Berechnung aber meines Erachtens nicht sauber: Man kommt auf diese Zahl nur, wenn man beispielsweise vergünstigte Kredite komplett miteinrechnet – also auch den Teil, den die Kreditnehmer zurückzahlen. Das ist nicht sinnvoll, es dürfte nur die Einsparung im Vergleich zu einem marktüblichen Kredit zählen. Wir haben bei Oxfam eine eigene Berechnung angestellt und kommen auf bestenfalls 21 Milliarden US-Dollar an echten Finanztransfers.

In Paris soll es nun nicht nur um öffentliches, sondern auch um privates Geld gehen. Der Streitpunkt, ob Investitionen von Unternehmen nun als Klimafinanzierung verstanden werden sollen, taucht zwischen Industrie- und Entwicklungsländern immer wieder auf.

Ja, so wichtig private Mittel sind: Industrieländer lenken durch den Verweis auf private Geldströme gern davon ab, dass noch zu wenig öffentliches Geld fließt.

Die Argumentation lautet oft: Es ist doch gut, wenn man mit wenig Geld aus den Staatskassen gezielt einen Hebel setzen kann für private Investitionen. Ein Beispiel dafür ist die Globale Partnerschaft für Klimarisikoversicherungen, die in Bonn gegründet wurde. Deutschland hat dafür 125 Millionen Dollar versprochen.

Innerhalb der Partnerschaft sollen Versicherungsmodelle für Klimarisiken entwickelt werden. Menschen in Entwicklungsländern und auch die Staaten selbst können sich dann besser absichern – beispielsweise nach einem zerstörerischen Wirbelsturm können sie so schneller ihre Existenz wieder aufbauen. An sich ist das natürlich wünschenswert.

BildParis – nach 2015 wieder der Tagungsort für eine Klimakonferenz. (Foto: Kamiel Choi/​Pixabay)

Wo liegen die Grenzen?

Nicht alle Risiken sind versicherbar. Ein Versicherungssystem funktioniert ja nur, wenn viele einem geringen Risiko ausgesetzt sind und einzahlen – und der Schaden letztendlich nur bei wenigen eintritt. Wenn ein Schaden aber mit ziemlicher Sicherheit bei allen Einzahlern eintreten wird, wie es mit Fortschreiten des Klimawandels bei immer mehr seiner Folgen der Fall ist, dann kann eine Versicherung nicht funktionieren. Unternehmen werden schließlich nur tätig, wenn sie Profit machen.

Können sich afrikanische Kleinbauern überhaupt die Versicherungsprämien leisten?

Viele nicht. Zumindest müssen die reichen Länder die Angebote also subventionieren – ob das ausreichend passieren wird, ist noch nicht klar. Selbst wenn, bleibt aber ein Gerechtigkeitsproblem: Effektiv verkauft man armen Menschen im globalen Süden Versicherungen für den Schutz gegen den Klimawandel, den die überhaupt nicht mit verursacht haben, während hier noch die Kohlekraftwerke laufen.

Interview: Susanne Schwarz

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