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Klimaversicherungen: Abgesichert leiden

BildExtreme Dürren, Stürme oder Fluten bringen arme Länder in große finanzielle Not. Eine Initiative, an der sich auch Deutschland beteiligt, will neue Versicherungsmodelle dagegen stärken. Entwicklungshelfer warnen: Versicherungen könnten längst nicht vor allen Risiken des Klimawandels schützen.

Aus Bonn Susanne Schwarz

42 Tote, tausende zerstörte Häuser, kaputte Straßen, durchtrennte Stromleitungen – der Zyklon "Winston" hat Fidschi im vergangenen Jahr stärker getroffen als je ein Sturm zuvor. Für den pazifischen Inselstaat bedeutet der extreme Wirbelsturm allerdings nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch eine wirtschaftliche.

BildDer Inselstaat Fidschi hat sich immer noch nicht von den Folgen des Zyklons "Winston" erholt. (Foto: Benjamin von Brackel)

Winstons Zerstörungswut hat Kosten verursacht, die in etwa einem Drittel von Fidschis Bruttoinlandsprodukt entsprechen. "Davon haben wir uns immer noch nicht erholt", sagte Fidschis Premierminister Voreqe Bainimarama auf dem Weltklimagipfel in Bonn. Außerdem gibt es nur eine Entwarnung auf Zeit: Die Klimawissenschaft geht davon aus, dass extreme Stürme mit Fortschreiten des Klimawandels heftiger ausfallen."Ich weiß wirklich nicht, wie wir so ein Unwetter noch mal verkraften könnten", so Bainimarama.

Eine am Rande des Klimagipfels vorgestellte Initiative verspricht, Abhilfe zu schaffen: Die neue "Globale Partnerschaft für Klima- und Katastrophenversicherungen und Risikofinanzierung" soll helfen, Versicherungsmodelle zu stärken oder überhaupt zu entwickeln, mit denen sich arme Menschen oder ganze Staaten vor dem Existenzverlust im Falle eines Extremwetterereignisses schützen können.

Auch Deutschland beteiligt sich an der Initiative und hat angekündigt, dafür 125 Millionen US-Dollar auf den Tisch zu legen. Neben verschiedenen Staaten unterstützen auch die Weltbank sowie private Versicherer wie die Münchener Rück die Initiative.

"Nur drei Prozent der klimabedingten Schäden sind versichert"

Die Idee: Ein versicherter Kleinbauer auf Fidschi kann sich nach einem erneuten Sturm beispielsweise Ernteausfälle bezahlen lassen – und das schnell. "Erfahrungsgemäß dauert es zu lange, erst nach einem Extremwetterereignis Geld zu sammeln", sagte Thomas Silberhorn, Staatssekretär im deutschen Entwicklungsministerium, dazu in Bonn. Nach Zahlen der Münchener Rück sind bislang nur drei Prozent der klimabedingten Schäden versichert.

Nicht in allen armen Ländern gibt es überhaupt passende Versicherungen. Hier will die neue Partnerschaft ansetzen: Mit deren Geldern – insgesamt sind bislang 550 Millionen US-Dollar von verschiedenen Staaten zusammengekommen – sollen Daten zu den Risiken des Klimawandels verbessert, bisherige Versicherungsmodelle überprüft, neue entwickelt werden.

Die Initiative gibt es in ähnlicher Form schon seit 2015. Jetzt hat sie sich neu aufgestellt. Auch mehrere Entwicklungsländer wie Fidschi sind nun dabei. Ihre Hoffnung ist, dass die Partnerschaft sich auch, aber nicht nur auf Versicherungen konzentriert.

Schließlich entstehen durch den Klimawandel auch Schäden und Verluste, die nicht versicherbar sind. Wenn es beispielsweise so gut wie sicher ist, dass ein Land oder eine Region ständig unter extremen Dürren leiden wird, wird es zumindest schwer, eine Versicherung zu entwickeln. Versicherungen rechnet sich schließlich nicht, wenn alle Einzahler auf jeden Fall auch Auszahlungen bekommen.

"Markterweiterung darf nicht im Vordergrund stehen"

Für Sabine Minninger, Klimaexpertin der Entwicklungsorganisation Brot für die Welt, kommt es bei der Initiative deshalb darauf an, wie sie letztendlich in die Praxis umgesetzt wird: "Die von Klimaschäden Betroffenen müssen im Vordergrund stehen, nicht aber die Markterweiterung der Versicherungswirtschaft", sagt sie.

Außerdem würden Versicherungen nicht vor den schleichenden Veränderungen wie dem Anstieg des Meeresspiegels schützen – die aber nicht weniger desaströs für die Betroffenen sind. Insgesamt lobt Minninger die Initiative aber als "gutes Beispiel dafür, wie arme Staaten bei der Bewältigung von klimabedingten Zerstörungen unterstützt werden können".

Jan Kowalzig, der die Klimaverhandlungen für die Entwicklungsorganisation Oxfam beobachtet, sieht das ähnlich. Er warnt zudem davor, die Versicherungen als Ausrede zu benutzen, um Entwicklungsländern an anderer Stelle Geld zu versagen: "Industrieländer haben in den Verhandlungen auf die neue Partnerschaft verwiesen, um Forderungen der Entwicklungsländer nach finanzieller Kompensation der Schäden und Verluste durch den Klimawandel abzuwehren."

BildNicht alle Schäden sind versicherbar – und besonders "arme" Länder können sich solche Versicherungen nicht leisten. (Foto: Marco Dormino/​UN Photo)

Auch Gerechtigkeitsfragen spielen auf den Klimakonferenzen immer eine Rolle: Die Industrieländer haben den Klimawandel durch ihre immensen Treibhausgasemissionen zum großen Teil verursacht, während Entwicklungsländer durch ihre geografische Lage besonders darunter leiden. Versicherungen sind nach diesem Verständnis vielleicht hilfreich und ein pragmatischer Weg – allerdings kein gerechter Ausgleich. Schließlich müssen die Betroffenen sie ja letzten Endes selbst bezahlen.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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