"Nicht den Kopf in den Sand stecken"

BildHalbzeit beim Klimagipfel in Bonn: Deutschland und die EU haben ihre Vorreiterrolle im Klimaschutz verloren. Auch weltweit steigen die Emissionen nach Jahren der Stagnation wieder an. Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fordert von den "Jamaika"-Parteien deshalb ehrgeizige Ausbauziele für erneuerbare Energien, schärfere Vorgaben zum Energiesparen und eine Quote für Elektroautos.

Claudia Kemfert leitet die Energieabteilung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und berät als Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen die Bundesregierung.

klimaretter.info: Frau Kemfert, der Paris-Gipfel 2015 galt als der große Durchbruch für den Klimaschutz. Doch statt auf maximal zwei Grad Erwärmung steuert die Welt auf drei Grad oder mehr zu. Macht der Bonn-Gipfel Hoffnung, dass das Limit doch zu halten ist?

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Claudia Kemfert: Durchaus, auch wenn es mühselig vorangeht. Dennoch sind die Gipfel wichtig, da man Zeit für gemeinsame Vereinbarungen braucht.

Die Emissionen der Hauptverursacher mit dem größten Emissionsrucksack sinken leider so gut wie gar nicht. In Europa sinken sie nur um 0,2 Prozent pro Jahr, in den USA – und zwar trotz Trump – um immerhin 0,4 Prozent, dabei müssten sie deutlich stärker zurückgehen.

In stark wachsenden Volkswirtschaften wie China und Indien steigen die Treibhausgase weiter. Höchste Zeit, umzusteuern. Bloß nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern jetzt erst recht deutlich ambitionierter loslegen.

Der globale CO2-Ausstoß dürfte in diesem Jahr nach drei Jahren Stagnation erstmals wieder steigen. War die Hoffnung auf eine Trendwende verfrüht?

Leider ja, da vor allem die Öl- und Gasverbräuche wieder zunehmen, dank der niedrigen Preise. Daher ist es um so wichtiger, dass alle Länder – auch Deutschland und Europa – konkrete Klimaschutzziele setzen und effektive Maßnahmen einsetzen, um diese dann auch zu erfüllen.

Was muss geschehen, um die CO2-Kurve nach unten zu kriegen?

Vor allem sollte man auf den Ausbau erneuerbarer Energien setzen, die Mobilität elektrifizieren und optimieren und deutlich mehr tun, um in allen Sektoren mehr Energie einzusparen.

Auf welche Länder setzen Sie?

In puncto erneuerbare Energien auf Deutschland und Europa, aber auch China. Innovationen im Bereich Energiespeicher sollten aus Deutschland kommen. Erfolgreiche Individual-Elektromobilität kommt derzeit vor allem aus Kalifornien, dort wird auch mehr und mehr auf intelligente Mobilitätsdienstleistungen gesetzt. Aber auch China holt auf. Derzeit sind vor allem solche Länder Vorreiter, die es schaffen, sich ambitionierte Klimaschutzziele zu setzen und klimaschonende Technologien zu fördern.

Die EU hat vorige Woche wichtige Entscheidungen getroffen: Der Emissionshandel soll reformiert werden, um ihn wirksamer zu machen, und die neuen Autos sollen bis 2030 sparsamer werden. Gute Signale?

Na ja, eher Trippelschritte, aber zumindest in die grundsätzlich richtige Richtung.

Dass der Emissionshandel reformiert wird, ist gut, allerdings wirken die Reformen erst in einigen Jahren, so dass ein klimapolitisch wirksamer CO2-Preis in weiter Ferne ist. Die Autos sparsamer zu machen, ist zu begrüßen, doch begünstigt die EU mit den wenig ambitionierten prozentualen anstelle von absoluten Grenzwertzielen eher diejenigen Autohersteller, die bisher nicht viel gemacht haben.

Eine Quote für Elektroautos wäre wünschenswert gewesen, andere Länder machen es ja vor. So drohen die europäischen Autobauer die wirtschaftlichen Chancen zu verschlafen und anderen den Markt zu überlassen.

BildSolardach in Berlin: Deutschland muss den Deckel von den Erneuerbaren nehmen – und die Speicher dafür selbst produzieren, sagt Claudia Kemfert. (Foto: Stadt und Land Wohnbauten GmbH)

Die EU kann damit ihre frühere Vorreiterrolle beim Klimaschutz also nicht zurückerobern?

Leider nein. Wichtig wären ambitionierte Ausbauziele für erneuerbare Energien, schärfere Vorgaben zur Verbesserung der Energieeffizienz und, wie gesagt, eine Quote für Elektroautos.

Zudem müsste mehr Geld in klimaschonende Technologien und Infrastruktur fließen. Möglich ist das allemal und auch dringend notwendig.

Auf dem Bonner Gipfel schauen viele auf die "Jamaika"-Verhandlungen. Was sind die Mindestkriterien, die das neue Bündnis erfüllen müsste, um beim Klimaschutz im Zwei-Grad-Korridor zu bleiben?

Das Zwischenfazit der Jamaika-Sondierungen ist ernüchternd. Die FDP-Verhandler mimen die Ahnungslosen und verbreiten Energiewende-Mythen des vergangenen Jahrhunderts und zwingen so die Grünen in eine defensive Position. Die Grünen haben wichtige Ziele ohne Not aufgegeben und verschaffen den anderen Parteien so einen Vorteil. Sie sollten sich nicht über den Tisch ziehen lassen.

Die Klimaziele für 2020, 2030 und 2050 sollten nicht aufgegeben werden. Vielmehr sollten konkrete Schritte für einen Kohleausstieg sowie eine nachhaltige Verkehrswende auf den Weg gebracht werden. Alles andere wäre ein Rückschritt.

Interview: Joachim Wille

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von klimaretter.info

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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