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"Kohle verhagelt deutsche Klimapolitik"

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Dass US-Präsident Donald Trump beim Klimaschutz nicht mehr mitziehen will, bedeutet für den internationalen Klimaschutz wenig, sagt Hartmut Graßl. Viele andere Länder und auch US-Bundesstaaten sehen mittlerweile die ökonomischen Vorzüge der Energiewende. 

Professor Hartmut Graßl war bis 2005 Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Von 1994 bis 1999 leitete er das Weltklimaforschungsprogramm bei der Weltorganisation für Meteorologie WMO. Der Physiker und Meteorologe ist Vorstandsvorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und Mitherausgeber von klimaretter.info.

klimaretter.info: Herr Professor Graßl, der völkerrechtlich verbindliche Paris-Vertrag legt das Limit für die Erderwärmung auf 1,5 bis zwei Grad fest. Ist das überhaupt noch zu schaffen?

Hartmut Graßl: Das ist die Gretchenfrage an die Klimaforscher. Bisher können wir die Empfindlichkeit des Klimasystems gegenüber einem erhöhten Treibhauseffekt der Erdatmosphäre nur mit einer recht großen Spanne angeben. Das bedeutet: Um die zwei Grad ganz sicher einzuhalten, dürfen weltweit nur noch wenige Jahre Emissionen in heutiger Stärke ausgestoßen werden – dann wäre das Rest-Budget bereits erschöpft.

Reagiert das Klimasystem weniger empfindlich, dann reicht es, den Treibhausgas-Ausstoß in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts auf Null zu bringen. Aber auch das ist ambitioniert. Glücklicherweise steigen die Kohlendioxid-Emissionen seit 2014 kaum noch.

Was muss also passieren? Ein Grad plus gegenüber vorindustrieller Zeit ist ja bereits erreicht ...

Die Paris-Vereinbarung sieht ja vor, dass in Abständen von etwa fünf Jahren im Lichte neuer wissenschaftlicher Befunde über neue Emissionsminderungsziele verhandelt werden muss. Das bringt dann mehr Klarheit. Schon 2018 wird der Weltklimarat einen Bericht zu der Frage vorlegen, unter welchen Bedingungen das 1,5-Grad-Ziel noch einzuhalten ist, das besonders für stark vom Klimawandel bedrohte Staaten in Afrika und im Pazifik wichtig ist.

Bisher reichen die Zusagen der Regierungen nicht einmal, um die zwei Grad zu halten. Ist es denn realistisch, dass diese ihre Ziele schnell genug anschärfen?

Entscheidend wird sein, wie China sich verhält, das Land mit dem weltweit höchsten CO2-Ausstoß. Da es jüngst sogar bei einem Wirtschaftswachstum von fast sieben Prozent Emissionsminderungen aufweist, gibt es Hoffnung. Die wichtigste Grundlage für das Anschärfen der Ziele ist allerdings, dass Solarstrom inzwischen in vielen Länder billiger produziert werden kann als Strom aus Kohlekraftwerken. Die Energiewende ist bezahlbar.

Der Präsident der zweitgrößten Klimaeinheizer-Nation, Donald Trump, hat sich auch durch die jüngste schwere Hurrikan-Serie nicht beeindrucken lassen, er bleibt auf Klimaleugner-Kurs. Was bedeutet das für den internationalen Klimaschutz?

Sehr wenig, weil viele andere Länder und auch die US-Bundesstaaten ökonomisch denken und Klimaschutz eher als Chance denn als Belastung sehen. Klimaänderungsleugner zu sein ist aus der Sicht der meisten Bürger in einer Demokratie zwar erlaubt, aber der Klimaleugner nähert sich immer stärker der reinen Spinnerecke.

Ex-Klimaschutzvorreiter Deutschland, Gastgeber des Gipfels in Bonn, droht sich zu blamieren. Bei uns ist der CO2-Ausstoß zuletzt sogar wieder angestiegen ...

Das penetrante Festhalten einiger Bundesländer an der Braunkohle-Verstromung verhagelt unsere Klimapolitik, trotz Zuwachs beim erneuerbaren Strom, der ja für eine große Industrienation beispielhaft ist. Der so erzeugte Überfluss an Strom wird in die Nachbarländer exportiert – meist zwischen fünf und zehn Gigawatt bei einem Eigenverbrauch von etwa 65 Gigawatt Leistung. Die Emissionen werden aber bei uns mitgezählt. Die neue Bundesregierung muss hier rasch handeln und Noch-Bundesumweltministerin Hendricks folgen, die einen Kohleausstieg wünscht.

Eine Reihe EU-Länder hat das Ende der Kohleverstromung sowie der Produktion von Benzin- und Dieselmotoren beschlossen. Warum traut sich Deutschland nicht?

Wenn eine Regierung zu lange am Ruder ist, fehlt oft der Mut zu Entscheidungen für eine bessere Zukunft. Alte Kohlekraftwerke müssen vom Netz, am besten durch einen EU-Emissionshandel, der seinen Namen verdient. Und wir sollten nicht die veralteten Verbrennungsmotoren wie bisher immer etwas besser machen, sondern zum Gestalter der globalen Mobilitätswende werden, die ja auch soziale Innovationen enthalten muss.

Zusätzlich muss die Sozialpolitik die ungerechte Belastung der Geringverdiener durch hohe Strompreise abbauen, die überwiegend von der Freistellung energieintensiver Industriebetriebe etwa von der EEG-Umlage herrührt. Die roten Linien aus dem Wahlkampf der Parteien, die jetzt über Jamaika verhandeln, sollten gelöscht oder zumindest verschoben werden. 

Könnte Deutschland so wieder den Anschluss finden?

Durchaus. Wir brauchen neben dem Ausbau der Ökoenergien zwei weitere zentrale Säulen für die Energiewende: die Effizienzsteigerung bei der Energienutzung, wo noch viel zu holen ist, und besagten Kohleausstieg. Beides ist machbar. Laut dem Industrieverband Euracoal arbeiten in Deutschland knapp 15.500 Menschen in der Kohleindustrie, es handelt sich also um nur wenige Arbeitsplätze im Vergleich zu den über 300.000 Jobs im Bereich Öko-Energie.

BildSolaranlagen in Hongkong: "Entscheidend wird sein, wie China sich verhält", meint Hartmut Graßl. (Foto: WiNG/​Wikimedia Commons)

In Tschechien gibt es 8.000 Kohle-Jobs, in Polen 9.500, in Rumänien 10.600, in Bulgarien 11.700. Aber alte Industrien sind immer Verzögerer und haben starke, politisch einflussreiche Verbände. Doch eine Regierung, die die Paris-Vereinbarung bekräftigt, ohne einen Kohleausstiegsplan zu haben, denkt nicht logisch.

Gesetzt den Fall, das Zwei-Grad-Limit droht bereits 2050 erreicht zu werden, welche Möglichkeiten hat die Weltgemeinschaft dann noch, gegenzusteuern? Wissenschaftler haben vorgeschlagen, die Atmosphäre durch Schwefelinjektionen per Flugzeug zu kühlen. Andere Forscher sehen eine Düngung der Meere als Möglichkeit, um CO2 durch Algenwachstum zu absorbieren.

Der globale Kohlenstoff-Kreislauf gibt den Hinweis, was vernünftigerweise zu tun ist. Böden und Vegetation enthalten noch immer weit mehr Kohlenstoff als die Atmosphäre. Wer Wälder erhält und auf degradierten Böden aufforstet sowie Landwirtschaft ohne zusätzliche Emissionen oder sogar mit Humus-Aufbau betreibt, kann die Last in der Atmosphäre mindern – und er schadet auch den Nachbarländern nicht. Letzteres droht hingegen wegen der weiteren Klimaänderungen beim "Climate Engineering".

Interview: Joachim Wille

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