"Wir wollen den alten Energiemix"

BildDie AfD will die Förderung der erneuerbaren Energien abschaffen, befürwortet einen Ausstieg aus dem Atomausstieg und hält die offizielle Klimaforschung für Humbug – so Michael Limburg, Mitglied im "Bundesfachausschuss Energiepolitik" der Partei. Wahlforscher sagen voraus, dass die AfD mit einem zweistelligen Ergebnis in den Bundestag einziehen wird. Damit wäre zum ersten Mal eine Partei im Parlament vertreten, die offen die Position von Klimaleugnern bezieht und die Energiewende stoppen will.

Michael Limburg ist auch Vizechef des Klimaskeptiker-Vereins "Europäisches Institut für Klima und Energie e.V.", kurz EIKE. EIKE bezeichnet den Begriff "aktueller Klimawandel" als "irreführend" und "Klimaschutz" als "ideologischen Begriff, der wissenschaftlich sinnlos ist". Limburg ist Diplomingenieur der Fachrichtung Elektrotechnik/​Informationstechnik.

klimaretter.info: Herr Limburg, US-Präsident Trump hält den menschengemachten Klimawandel für eine Erfindung der Chinesen. Stimmen Sie dem zu?

Michael Limburg: Das ist albern. Das war nur ein Witz von Herrn Trump. Natürlich ist der menschengemachte Klimawandel keine Erfindung der Chinesen.

In Deutschland sprechen sich die anderen Parteien praktisch geschlossen für den Klimaschutz und den Umbau des Energiesystems aus. Was hält die AfD denn von der Energiewende?

Überhaupt nichts. Wir wollen die Energiewende stoppen.

Sie wollen Förderung der erneuerbaren Energien streichen?

Ja. Wind- und Solarenergie können bestehen bleiben, wenn sie sich marktwirtschaftlich bewähren. Aber wenn nicht, dann nicht.

Wie sieht denn Ihr Wunsch-Energiemix aus?

So, wie wir ihn vor der Energiewende hatten.

Die Braunkohle, die heute noch 23 Prozent des Stroms liefert, ist also aus Ihrer Sicht unverzichtbar?

Absolut. Wer heute von dreckiger Kohle spricht, der hat noch nie ein modernes Kohlekraftwerk von innen gesehen. Da können Sie fast vom Fußboden essen. Dass Kohle "dreckig" ist, gehört zu den Metaphern, mit denen versucht wird, die heimischen Energieträger zu diffamieren.

Sie wollen also die Braunkohle-Verstromung in die zweite Hälfte des Jahrhunderts retten?

Ich bin kein Hellseher. Aber die nächsten 20, 30 Jahre werden wir unsere Kohle schon noch nutzen. Es sei denn, dass Deutschland anders mit der Kernenergie umgeht, so wie das in anderen Ländern schon geschieht. Oder dass ganz neue Energieformen zum Einsatz kommen, die vielleicht irgendwann billiger sind als die Kohle.

Sie sehen eine Zukunft für die Atomkraft?

Durchaus. Wenn auch kaum hierzulande. Es gibt mittlerweile schon Kernreaktoren der dritten Generation. In Russland ist davon bereits ein kommerzieller Reaktor in Betrieb gegangen, der den eingesetzten Kernbrennstoff viel besser ausnutzt als bisher üblich. In den normalen Reaktoren wird der Brennstoff nur zu einem Prozent verwertet. In der russischen Anlage liegt dieser Wert bei über 95 Prozent.

BildDen Atomausstieg findet Michael Limburg falsch. Hier im Bild: Das Abklingbecken des AKW Brunsbüttel, das Ende Mai 2011 endgültig stillgelegt wurde. (Foto: Michael Danner)

Wollen Sie den Atomausstieg in Deutschland rückgängig machen?

Der erste Schritt wäre in der Tat, die vorhandenen sicheren Kernkraftwerke – die anders als die Fukushima-Reaktoren keinesfalls Tsunami-bedroht sind – weiterlaufen zu lassen. Ich bezweifle allerdings, dass sich hierzulande nochmal ein Wirtschaftsunternehmen findet, das in Kernkraft investieren will.

Der Atomausstieg war also falsch?

Total falsch. Die Argumentation baut auf Ängste auf, die nicht gerechtfertigt und der Faktenlage nach falsch sind.

Zurück zu den erneuerbaren Energien. In dieser Branche gibt es mittlerweile über 300.000 Arbeitsplätze. Wenn man die Energiewende stoppt, werden viele Menschen arbeitslos. Kein Problem?

Die Arbeitsplätze in dieser Branche sind hochsubventioniert, nicht wertschöpfend, und sie vernichten Arbeitsplätze in der übrigen Wirtschaft. Sie können das Geld eben nur einmal ausgeben. Wir können Arbeitsplätze schaffen, indem sie dem einem Arbeiter sagen, grabe mal ein Loch, und dem zweiten Arbeiter sagen, mach das Loch wieder zu. Solche Arbeitsplätze sind zu 100 Prozent subventioniert.

Bei den Erneuerbaren kommen die Subventionen durch die EEG-Umlage, es sind über 25 Milliarden Euro pro Jahr, mit stark steigender Tendenz. Das Geld wäre woanders viel besser ausgegeben, wo es wirkliche Wertschöpfung gibt.

Es aber auch ganz andere Berechnungen. Wenn die Umwelt- und Gesundheitskosten der fossilen Energien berücksichtigt werden, sind die Erneuerbaren teilweise bereits rentabel. Einkalkuliert werden müssen auch die Subventionen, die an fossile Energieträger oder Atomkraft fließen beziehungsweise in den letzten Jahrzehnten geflossen sind. Unter anderem das Umweltbundesamt (UBA), eine Regierungsbehörde, hat entsprechende Studien vorgelegt.

Diese Zahlen zu den sogenannten externen Kosten sind in der Höhe nur durch die Fantasie begrenzt. Greenpeace und auch das UBA sind da besonders kreativ. Was nicht heißt, dass die Einrechnung externer Effekte grundsätzlich falsch ist. Man muss sie allerdings sehr diszipliniert einsetzen. Und das tun die Genannten nicht. Da werden Phantasiezahlen verwendet. Der Markt ist da klarer und einfacher: Man zahlt, was es kostet.

Die erneuerbaren Energien setzen sich inzwischen weltweit durch, weil die Kosten stark gefallen sind und die Technik sogar schon ohne Einrechnung der externen Kosten marktfähig wird. Es werden inzwischen mehr Kraftwerke für erneuerbare als für fossile Energien gebaut. Die Kosten der Solarenergie zum Beispiel sind im letzten Jahrzehnt um mehr als 60 Prozent gesunken.

Wenn das so wäre, dann können wir ja das EEG sofort abschaffen. Einverstanden? Und dann; was machen Sie nachts? Schließlich gibt es Sonnenenergie nur tagsüber. Und Windstrom auch nur, wenn der Wind weht.

Wenn die AfD in den Bundestag einzieht, wird sie dort nur mit Parteien zu tun haben, die sich für die Energiewende aussprechen, weil sie erwarten, dass diese Probleme lösbar sind. Und dies ebenso für den Klimaschutz. Sind alle Politiker außer die der AfD denn verblendet oder gekauft?

Es liegt daran, dass die Politiker sich von den Klimaforschern täuschen lassen. Die Politiker haben wie jeder Mensch zwar Sinne für das Wetter, aber keinen für das Klima. Viele wissen nicht, dass Klima ein statistisch künstlicher Begriff ist, der lokale Wetterdaten über mindestens 30 Jahre benötigt, um nur eine einzige Klimaperiode zu errechnen.

Die Klimatologen, die sich öffentlich zu Wort melden, stellen einzelne Extremwetter-Ereignisse als Beleg für den menschgemachten Klimawandel hin – wie jetzt bei den Hurrikanen "Harvey" und "Irma". So lässt sich sehr leicht Panik verbreiten.

Hinzu kommt, dass das Thema für Politiker unbequem ist, weil es naturwissenschaftliche Kenntnisse voraussetzt. Die haben die meisten nicht, was man ihnen allerdings nicht vorwerfen kann. Es ist also eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Opportunismus, oft steckt aber auch eine bestimmte politische Agenda dahinter.

Die Klimaforscher unterscheiden doch gerade genau zwischen Wetter und Klima. Sie untersuchen, wie die langfristige globale Erwärmung sich auf die Häufigkeit oder Stärke bestimmter Wetterphänomene auswirkt. Jüngere Studien etwa des Potsdam-Instituts zeigen, dass Hitzewellen und Extremregen in den letzten Jahrzehnten weltweit signifikant zugenommen haben.

Weder Hitzewellen noch Extremwetter haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Das hat auch der UN-Klimarat IPCC in seinem Report von 2013 festgestellt. Darin steht: "Es gibt begrenzte Hinweise auf Veränderungen der Extreme, die mit anderen Klimavariablen seit Mitte des 20. Jahrhunderts verbunden sind."

Der IPCC-Report gibt den Forschungstand von 2012/13 wieder. Die Potsdamer Erkenntnisse und andere neuere Forschungen zur Verstärkung von Extremwetter können darin doch noch gar nicht aufgearbeitet sein.

Wir reden vom Klima, schon vergessen? Und nicht von Wetter und auch nicht von Witterung! Übrigens hat auch die Stärke der Wirbelstürme im Trend abgenommen und nicht zugenommen.

Erklären Sie uns: Wenn die offizielle Klimaforschung und alle anderen Parteien angeblich falsch liegen, was macht Sie denn so sicher, dass Sie selbst sich nicht irren?

Wissenschaft ist keine demokratische Veranstaltung, bei der die Mehrheit entscheidet, was richtig oder falsch ist. Ich zitiere gerne Einstein, dem vorgehalten wurde, dass 200 Wissenschaftler seine Relativitätstheorie für falsch hielten. Er entgegnete darauf nur lapidar, wenn die recht hätten, genügte einer. Will sagen: Wenn eine Theorie falsch ist, genügt ein einziger Gegenbeweis, um sie zu falsifizieren.

Weltweit gibt es tausende Klimaforscher. Von denen stimmt die große Mehrheit darin überein, dass der Klimawandel menschengemacht ist.

Das bezweifle ich. Denn die große Zahl der tausenden von Klimawissenschaftlern, die anderer Meinung sind, kommen weltweit nicht öffentlich zu Wort. Und sie erleben sogar Drangsalierungen an ihren Arbeitsplätzen. Auch dafür gibt es viele Beispiele.

Im Ernst: Es gibt tatsächlich tausende Klimawissenschaftler, die trotz der in der Wissenschaft eigentlich üblichen Debattenkultur nicht zu Wort kommen?

Ich habe ständig mit ihnen zu tun. Es gibt eine ganze Latte von offenen Briefen und Petitionen, die von hunderten Experten, insbesondere von Geologen, Physikern und Meteorologen unterzeichnet wurden. Sie wenden sich alle gegen die IPCC-Diktatur.

Wie viele aktive Klimaforscher sind darunter?

Zum Beispiel Richard Lindzen, Habibullo Ismailowitsch Abdussamatow, Willie Soon, Roy Spencer – um nur einige wenige zu nennen. Eine Petition an US-Präsident Trump haben 300 weitere unterschrieben. Mike Hulme, ein Klimaforscher und selbst IPCC-Leitautor beim Weltklimabericht, sagte: Nur einige wenige Dutzend Leute im IPCC-Betrieb trieben die Hypothese vom menschgemachten Klimawandel voran.

Es ist doch undenkbar, dass die 2.500 Klimaforscher, die am letzten IPCC-Report mitgearbeitet haben, sich so einfach unterbuttern lassen.

Es ist aber so. Weil nur rund 800 von ihnen sich mit den physikalischen Grundlagen beschäftigen, der Rest baut darauf auf. Und von diesen 800 sind nur wenige die eigentlich treibenden Kräfte, wie Mike Hulme öffentlich machte.

BildDem Weltklimarat IPCC unterstellt Michael Limburg die Errichtung einer "Diktatur". Die Abbildung zeigt, wie das UN-Gremium Ende 2014 in Kopenhagen das Synthesekapitel seines jüngsten Sachstandsberichts beschließt. (Foto: IPCC; Porträtfoto Michael Limburg: Screenshot/​TV Berlin/​michikrueger/​Youtube)

Die auch von Ex-US-Präsident Obama zitierte Angabe, 97 Prozent der Klimaforscher seien vom menschengemachten Klimawandel überzeugt, ist ebenso falsch. Wir haben genauer in diese vielen Studien reingeschaut und mussten feststellen, dass keine 97 Prozent, sondern nur 0,3 Prozent diese Behauptung explizit rechtfertigen. Die Aussage "Die Wissenschaft ist sich sicher" könnte falscher nicht sein.

Es gibt insgesamt sechs Studien von verschiedenen Autorengruppen zu dem Thema, die in Fachzeitschriften erschienen sind. Sie kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass der Konsens unter den aktiv in der Klimaforschung tätigen Wissenschaftlern zur vom Menschen verursachten Erwärmung 90 bis 100 Prozent beträgt.

Ich kenne fünf dieser Studien. Deren Ergebnisse sind falsch. Deren Autoren missachten die grundlegenden Anforderungen an statistische Auswertungen und interpretieren die so erzielten Ergebnisse auch noch irreführend um. Sehr merkwürdig, dass sie den Peer-Review-Prozess durchlaufen haben.

Aber selbst wenn sie korrekt wären, in der Wissenschaft ersetzt ein Konsens niemals einen Beweis. Und der oder die wurden von niemanden, die in den Studien zitiert werden, geliefert.

Letzte Frage: Herr Limburg, Sie sind Vizevorsitzender des EIKE e.V., der sich gegen die offizielle Klimaforschung positioniert, und prägen das Thema Energie und Klima bei der AfD sehr stark. Wie kam das zustande?

Die AfD ist offensichtlich die Partei der Vernunft. In der Partei haben sich viele Leute getroffen, die die Themen genauso sehen und endlich in die politische Arena tragen wollten.

Interview: Joachim Wille

Redaktioneller Hinweis: Unser Magazin klimaretter.info hat zur Bundestagswahl eine Interviewserie aufgelegt, in der die energiepolitischen Positionen der Parteien behandelt werden. Wir haben uns entschieden, neben Union, SPD, Grünen, Linken, FDP und Piraten auch die noch nicht im Bundestag vertretene AfD anzufragen, da sie laut Umfragen nach dem 24. September dort mit hoher Wahrscheinlichkeit einziehen wird und ihre Positionen zu Energie und Klima damit eine neue Relevanz bekommen.

Das Interview wurde telefonisch mit Michael Limburg geführt, der Mitglied des "Bundesfachausschusses Energiepolitik" der AfD ist und sich als "einen ihrer energiepolitischen Ideengeber" bezeichnet. Limburg ist auch Vizechef des 2007 als Verein gegründeten "Europäischen Instituts für Klima und Energie" (EIKE), das den menschengemachten Kimawandel negiert und jegliche Klimapolitik ablehnt. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um ein wissenschaftliches Institut, sondern um einen Verein, in dem sich Klimaskeptiker zusammengeschlossen haben. Laut Umweltbundesamt verbreitet EIKE Thesen, die dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen.

Inhalte des Interviews waren die Positionen zur Energiepolitik und zum Klimaschutz. Die Redaktion traf eine Auswahl aus dem Gespräch gemäß dem Konzept der Interviewserie, die Energiepolitik ins Zentrum zu stellen. Limburg erklärte sich mit dieser Auswahl nicht einverstanden und fertigte selbst einen Textentwurf an, in dem das Thema Klimaforschung mehr Raum erhielt. Nach einem längeren kontroversen Mailverkehr zu den aufgeworfenen klimawissenschaftlichen Fachfragen, dessen Wiedergabe das Format der Interviewserie gesprengt hätte, einigten Limburg und klimaretter.info sich auf die nun veröffentlichte Fassung.

[Erklärung]  
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