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Verhandlungsmasse Negativemissionen

Bisher feilschen die Länder der Welt darum, wie schnell sie ihre fossile Industrie herunterfahren müssen. Für die Zukunft zeichnet sich jetzt schon eine andere Debatte ab: Wie viel CO2 soll jedes Land aus der Atmosphäre filtern? Kritiker warnen vor "Illusionen".

Von Eva Mahnke

Shanghai im Jahr 2050. Die Staaten aus aller Welt treffen sich zur 56. UN-Klimakonferenz, die noch immer jedes Jahr stattfindet. Längst verhandeln die Diplomaten nicht mehr darüber, wie schnell die Länder ihre fossile Industrie herunterfahren müssen, um ihren Treibhausgas-Ausstoß zu begrenzen. Denn die Weltwirtschaft ist weitestgehend auf Windenergie und Photovoltaik umgestellt.

BildDer Weltklimarat zeigt in seinem Fünften Sachstandsbericht, welche Emissionspfade welche Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre nach sich ziehen (Grafik vergrößern). Nur der blaue Emissionspfad bietet die Chance, das Zwei-Grad-Limit einzuhalten. (Grafik: IPCC)

Das Geschacher aber geht noch immer weiter: Denn jetzt geht es darum, wie viele CO2-Emissionen jedes Land aus der Atmosphäre filtern muss. Zu lange hat die Welt gebraucht, um klimaneutral zu werden; zu viel CO2 hat sich in der Atmosphäre angesammelt, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts noch auf zwei Grad zu begrenzen. Deshalb braucht es nun die sogenannten Negativemissionen.

Das Szenario ist kein unwahrscheinliches; es deutet sich schon jetzt an, wie ein im Fachmagazin Nature Climate Change erschienener Artikel zeigt. Darin veröffentlichen Glen Peters vom Cicero Center for International Climate Research in Oslo und Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin Zahlen, die zeigen, welchen politischen Sprengstoff das Thema Negativemissionen birgt.

Die meisten Zwei-Grad-Modelle des Weltklimarats IPCC kommen schon gar nicht mehr ohne negative Emissionen aus. Für eine gewisse Zeit, so die Idee, kann sich mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre anreichern, als für die zwei Grad erlaubt ist. Irgendwann werden diese dann wieder aus der Atmosphäre entfernt – mithilfe von Aufforstung oder neu zu entwickelnden Großtechnologien. "Es gibt unter Klimapolitikern den stillen Konsens, dass wir zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels über klassische Emissionsvermeidung hinaus auch negative Emissionen benötigen", sagt Geden.

Dazu kommt dem Weltklimarat zufolge vor allem die Verbrennung von Biomasse mit anschließender unterirdischer Speicherung des anfallenden CO2 in Frage. Das Verfahren nennt sich Bioenergy with Carbon Capture and Storage, kurz BECCS oder "Bio-CCS". Die Großtechnologie birgt indes kaum überschaubare Risiken, wie eine Untersuchung der Entwicklungsorganisation Brot für die Welt und mehrerer Naturschutzorganisationen auflistet.

"Ohne Negativemissionen hätte der Weltklimarat längst sagen müssen, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist"

So gibt es keine Garantie dafür gibt, dass das unterirdisch gespeicherte CO2 dauerhaft im Boden bleibt. Der Anbau der Biomasse würde im großindustriellen Maßstab mit hohem Dünger- und Pestizideinsatz stattfinden und müsste wertvolle Agrarflächen mindestens in der Größe Indiens belegen, um Wirkung zu entfalten. Neue Konflikte um Land und eine Verschlechterung der Ernährungssicherheit wären die absehbare Folge.

Ohne eine radikale Reduktion der Emissionen müssten bis zum Ende des Jahrhunderts 400 bis 800 Gigatonnen Kohlendioxid aus der Luft gezogen und dauerhaft gespeichert werden. Ab 2020 wären das jährlich zehn bis 20 Gigatonnen – das entspricht 25 bis 50 Prozent dessen, was die Welt heute jährlich ausstößt. Anderenfalls hätte der Weltklimarat längst sagen müssen, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist, stellt Geden klar.

Bislang aber spricht niemand darüber, welches Land und welcher Sektor dafür verantwortlich sein soll. "Wenn die Menschheit es ernst meint mit den zwei Grad, brauchen wir jetzt dringend eine offene Diskussion darüber, wie wir das hinbekommen", fordert Glen Peters. Um diese Debatte anzustoßen, liefern die beiden Wissenschaftler erste Zahlen, wie solch eine Verteilung aussehen könnte.

BildSeit Beginn der UN-Klimaverhandlungen im Jahr 1995 wird über historische Verantwortung und Verteilung von Lasten gerungen – in der Zukunft wohl auch über Negativemissionen. (Grafik: Heinrich Seufferheld/​Wikimedia Commons)

Die EU müsste demnach im Laufe dieses Jahrhunderts mindestens 50 Gigatonnen CO2 aus der Atmosphäre tilgen – das entspricht mehr als dem Zehnfachen ihres heutigen Jahresausstoßes. Und es könnte noch mehr werden. "Vermutlich würden Schwellen- und Entwicklungsländer in politischen Verhandlungen noch einen höheren Beitrag der klassischen Industrieländer fordern", ist Geden überzeugt.

Und auch innerhalb der EU, die für alle ihre Mitgliedsländer gemeinsam verhandelt und die Verpflichtungen dann intern aufteilt, würde das Geschacher losgehen. Legt man den derzeitigen Anteil Deutschlands an den EU-Emissionen von etwa einem Fünftel zugrunde, müsste allein die Bundesrepublik bis 2100 etwa zehn Gigatonnen an Negativemissionen beisteuern – das Zehnfache des heutigen Jahresausstoßes. Konkret würde das bedeuten, dass Deutschland ein Reduktionsziel von mehr als einhundert Prozent beschließen müsste. "Eine aus heutiger Sicht paradox anmutende Forderung", meint Geden.

Warnung vor neuen Landkonflikten

An die Konsequenzen will heute noch niemand denken. So hat die CCS-Technologie zur unterirdischen Speicherung von CO2 aus Kohlekraftwerken aufgrund ihrer hohen Risiken in Deutschland breiten Protest entfacht. Daraufhin wurden Erkundungsprojekte wie das im brandenburgischen Ketzin nicht weiterverfolgt.

Wenn aber die Bundesrepublik selbst nicht zur CO2-Eliminierung beitragen kann oder will, müsste sie Negativemissionen im Ausland "einkaufen". Das aber ist problematisch. "Dort, wo im großen Stil Baumplantagen entstehen oder Energiepflanzen für BECCS angebaut werden, wachsen keine Nahrungsmittel mehr", gibt Eike Zaumseil von Brot für die Welt zu bedenken. Die Entwicklungsorganisation lehnt zwar Forschung im Bereich Negativemissionen nicht grundsätzlich ab, warnt jedoch vor den damit einhergehenden Konflikten. "Einmal mehr besteht die Gefahr, dass Menschen vertrieben und sensible Ökosysteme zerstört werden", sagt Ernährungsexperte Zaumseil. Leidtragende wären vor allem Menschen in ärmeren Ländern, in denen Land billig ist und es oft keine gesicherten Landtitel gibt.

Zaumseil fordert deshalb, sich nicht auf "spekulative Negativemissionen in der Zukunft" zu verlassen. "Eine ehrliche Debatte über die Grenzen der Realisierbarkeit von Negativemissionen und die damit verbunden Risiken ist dringend nötig: Sie muss uns endlich die Illusion nehmen, wir könnten so weiterwirtschaften wie bisher."

Auch die britische Waldschutzorganisation FERN nennt Negativemissionen "eine Illusion". Sie verweist auf das CO2-Speicherpotenzial gesunder Wälder und intakter Böden. "Bestehende Wälder sind die verlässlichste 'Technologie, die wir haben, um negative Emissionen zu generieren", sagt Wald-Campaignerin Hanna Aho. Sie fordert von der Politik, sehr viel stärker für den Schutz von Wäldern und für Wiederaufforstung zu sorgen.

"Das Agrosprit-Experiment zu wiederholen wäre Wahnsinn"

Schwere Bedenken hat auch die britische Umweltorganisation Biofuelwatch. "Es ist absurd, Verhandlungen zur Lastenverteilung bei Negativemissionen zu fordern, die auf Technologien basieren, die noch nicht entwickelt wurden und die wahrscheinlich im großen Maßstab niemals funktionieren werden", sagt Biofuelwatch-Expertin Almuth Ernsting. Um mithilfe von BECCS bis 2100 rund 400 bis 800 Gitatonnen Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu holen, müssten hunderte Millionen Hektar Land in Baumplantagen umgewandelt werden.

"Nur mal zum Vergleich", so Ernsting, "bisher wurden circa 30 Millionen Hektar Land für die Produktion von Agrosprit umgewandelt." Das habe die die Abholzung tropischer Wälder massiv vorangetrieben, den Verlust von Biodiversität beschleunigt sowie Landgrabbing und Schwankungen auf den Nahrungsmittelmärkten weiter angeheizt. "Es wäre Wahnsinn, dieses verfehlte Experiment mit der Umnutzung von Land für Agrosprit in zwanzig- bis dreißfachem Ausmaß zu wiederholen."

BildSieht nur von Weitem wie ein Wald aus: Agroforstplantage in Uganda. Zusammen mit CCS soll daraus BECCS werden. (Foto: Susanne Götze)

BECCS und auch andere Technologien, um Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre zu holen, lenken aus Ernstings Sicht gefährlich davon ab, wie dringend die Verbrennung fossiler Ressourcen beendet werden muss. "In einer Zeit, wo die globale CO2-Konzentration schneller steigt als jemals zuvor und die Temperaturen auf Rekordhöhe liegen, können wir es uns einfach nicht leisten, dass sich Politiker und Wissenschaftler in endlosen Diskussionen über diese sogenannten 'Lösungen' ergehen, die nichts anderes sind als der Glaube an Wunder."

[Erklärung]  
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