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Mehr russische Gasfelder für Europa

Die Bundesregierung spricht sich für neue Erdgasfelder in Russland aus. Das widerspricht den Pariser Klimazielen, kritisieren Experten. Ob sibirisches Gas von Putin oder gefracktes LNG von Trump: Wo Erdgas gefördert und transportiert wird, haben Umwelt und Klima oft das Nachsehen.

Von Susanne Götze

Ilya Zaslavskiy ist nicht gut auf Russland zu sprechen. Und noch schlimmer findet er die Vorstellung, dass ein Rechtsstaat wie Deutschland mit einem "korrupten Netzwerk" wie Gazprom zusammenarbeitet. "Auf der einen Seite verhängt Europa Sanktionen und auf der anderen Seite bindet sich Deutschland noch enger an Moskau und schaufelt noch mehr Geld dorthin", schimpft der Energieexperte auf einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

BildBei Gaspipelines geht es nicht um Klimaschutz. (Foto: Nord Stream)

Zaslavskiy arbeitet für die Free Russia Foundation in Washington und spricht über die geplante Pipeline Nord Stream 2, die Russland mit Deutschland verbinden soll. Dabei ist er kein Gegner der Erdgasförderung. Er will nur nicht, dass das Gas aus Russland kommt. Die Bundesregierung sieht das bekanntlich anders. Kanzlerin Angela Merkel bezeichnet das Politikum als "rein wirtschaftliches Projekt".

Doch auch andere Lieferanten wie die USA mit ihrem Flüssigerdgas (LNG) drängen auf den europäischen Markt. Sie wollen etwas von dem Kuchen abhaben, der in der Europäischen Union unter dem Label "Brückentechnologie der Energiewende" verkauft wird. Für die Übergangsphase zu einer CO2-neutralen Wirtschaft, zwischen dem Ausstieg aus Kohle und Atomkraft und 100 Prozent erneuerbarer Energieversorgung, brauche Europa das Erdgas als Lückenfüller, heißt es in Brüssel und Berlin. 

Zusätzliche Lagerstätten erschließen

Problematisch wird es nur, wenn Deutschland mit der Nord-Stream-Pipeline eine Infrastruktur festklopft, die Fakten bis zum Jahr 2080 schafft. Das jedenfalls befürchten Klimaexperten wie Andrzej Ancygier vom Berliner Institut Climate Analytics. "Diese Überschätzung des Bedarfs an neuer Erdgas-Infrastruktur führt entweder dazu, dass viel zu lange klimaschädliches Gas verbrannt wird, oder es führt zu vielen sich nicht amortisierenden Anlagen."

Die Bundesregierung will nicht nur bestehende Gasfelder in Russland nutzen, sondern sogar "mit einer zusätzlichen Infrastruktur neue Lagerstättenfelder in Russland für Europa" erschließen. So steht es in ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag.

Einen "klimapolitischen Offenbarungseid" nennt das Annalena Baerbock, die Klimasprecherin der Fraktion. "Die Aussage, dass man mit der neuen Pipeline auch auf die Erschließung neuer Lagerstätten in Russland setze, unterstreicht, dass dieses auf 60 Jahre angelegte fossile Infrastrukturprojekt im massiven Widerspruch zu den europäischen Klimazielen und erst recht zum Pariser Klimaabkommen steht."

Erdgas nicht unbedingt sauberer 

Nicht nur Deutschland scheint sich zu verschätzen. Klimaanalytiker Ancygier hat an einer Studie mitgeschrieben, die zeigt, dass langfristig angelegte Erdgasprojekte in ganz Europa die Weichen in die falsche Richtung stellen. Denn will die Welt das 1,5-Grad-Ziel noch schaffen, darf Erdgas nicht so lange verbrannt werden, wie es die meisten Länder derzeit vorhaben.

Zwar erzeugt Erdgas bei seiner Verbrennung weniger CO2 als Kohle und Öl, aber die Studien-Autoren warnen: Für das Paris-Abkommen dürfe die Weltwirtschaft schon 2050 keine Emissionen mehr verursachen – heutige Investitionen in neue Pipelines und Kraftwerke seien auf deutlich längere Zeiträume gerichtet. 

Dabei sind die Umwelt- und Klimafolgen der Erdgasförderung noch gar nicht umfassend untersucht. Das gilt für die USA, wo nach Schiefergas gefrackt wird, genauso wie für die Tundra-Regionen Russlands. Unbestritten ist, dass bei der Gasförderung und beim Transport große Mengen an Methan freigesetzt werden, dem Hauptbestandteil von Erdgas. Das starke Klimagas ist laut Weltklimarat IPCC für etwa ein Viertel der menschengemachten Erderwärmung verantwortlich.

BildNeue Erdgaspipelines werden im besten Fall zu Investitionsruinen, im schlimmsten beschleunigen sie die Klimakatastrophe. (Foto: Eduard Kornijenko/​Gazprom)

Jüngste Studien zeigen, dass bisherige Schätzungen über den Umfang der Leckagen in den USA in dramatischer Weise zu niedrig angesetzt sind. Noch weniger weiß man aus Russland über das Ausmaß von Leckagen in Pipelines und verseuchte Regionen durch schlampige Fördertechnik. Insider berichten, dass gerade bei rein russischen Erdgasprojekten Umwelt-Standards dramatisch vernachlässigt werden.

[Erklärung]  
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