Schwerpunkte

G20 | Trump | Wahl

Minus CO₂ gleich minus Fossile

Noch immer kann Deutschland mit einer relativ sanften Transformation die Klimaziele für 2030 erreichen, zeigt die heute von der Denkfabrik Agora Energiewende vorgestellte Studie "The Big Picture". Allerdings nehmen der Zeit- und der politische Handlungsdruck enorm zu.

Von Jörg Staude

Über hundert Studien zur Energie- und Verkehrswende habe die Denkfabrik Agora Energiewende in den vergangenen Jahren veröffentlicht. Jetzt sah Direktor Patrick Graichen die Zeit gekommen, aus all den Einzelstudien ein "Gesamtbild" zu entwerfen – und zwar für die zweite Phase der Energiewende ab jetzt bis zum Jahr 2030. Vorgestellt wurde das Papier mit dem Titel "Energiewende 2030 – The Big Picture" am Donnerstag in Berlin. Auf 80 Seiten macht die Denkfabrik ein Panorama auf, wie Deutschland sein Klimaschutzziel für 2030 – minus 55 Prozent CO2 gegenüber 1990 – erreichen und zugleich eine sichere und bezahlbare Energieversorgung gewährleisten kann.

Bild Podiumsdebatte bei der öffentlichen Präsentation der "Big Picture"-Studie. (Foto: Screenshot/​Livestream/​Agora Energiewende)

Aus der ersten Wende-Phase habe man einiges gelernt, sagte Graichen. Deutschland sei weltweit noch immer "Vorreiterland", wenn es um fluktuierende Wind- und Solarenergie geht. Hingegen sei ab 2007, 2008 klar geworden, dass die Biomasse ihr Versprechen nicht halten kann, als Ersatz für fossile Energien einzuspringen. "Wind und Sonne sind die entscheidenden Technologien, auch für den Wärmesektor", sagte Graichen.

Graichen skizzierte auch, wie sich – gegenüber früheren Annahmen – die Rahmenbedingungen für die Dekarbonisierung verschoben haben. So sei erstens der einstige Glaube passé, zu Ende gehende Reserven an Gas und Öl würden die Energiewende quasi automatisch mit sich bringen. Stattdessen würden die fossilen Energien dauerhaft billig bleiben. Sobald der Ölpreis über 50 Dollar steige, so Graichen, würden in den USA neue Schiefergasbohrungen niedergebracht.

Zweitens sei Energie von Wind und Sonne inzwischen so günstig, dass diese zum Beispiel im arabischen Raum schon als Preisobergrenzen für Flüssigerdgas (LNG) fungierten, so Graichen weiter. Anders gesagt: LNG kann dort inzwischen nicht mehr teurer sein als die Erneuerbaren. Und nicht zuletzt wisse man – drittens – inzwischen, dass aus Klimschutzgründen sowieso 80 Prozent der fossilen Reserven in der Erde bleiben müssen.

Klimaschutz nur mit weniger Öl, Kohle und Gas

Auch nach den Hunderten von Studien reduziert sich Graichen zufolge die Energiewende auf die einfache Formel: Minderung von CO2 bedeutet Minus bei den Fossilen. Um das Klimaziel für 2030 zu erreichen, müsse Deutschland den Einsatz fossiler Energien um 40 Prozent senken – und weil die CO2-intensiven Energieträger zuerst angepackt werden müssen, bedeute das, die Nutzung von Kohle und Öl zu halbieren und die von Gas um 15 bis 20 Prozent zu reduzieren.

Zum beschriebenen "Big Picture" gehören sieben Energie-Megatrends sowie zehn konkrete Agenda-Punkte für die weitere Gestaltung der Energiewende. Im Kern hält die Denkfabrik aber an ihrer bisherigen Auffassung fest, dass politisch noch immer ein sanfter Übergang zu einer erneuerbaren Energiebasis möglich ist.

So wiederholte Graichen den Vorschlag aus dem schon im vergangenen Jahr präsentierten Kohle-Ausstiegskonzept, laut dem jährlich 3.000 Megawatt Kohlestrom-Kapazität stillzulegen seien. Wie bei anderen Debatten fiel auch am Donnerstag das Stichwort Effizienz immer öfter. Man brauche eine effiziente Stromnutzung, damit genügend Strom für den zusätzlichen Bedarf aus dem Wärme- und Verkehrssektor verfügbar ist, betonte Graichen.

Auch im Wärmesektor müsse man mit der Effizienz "endlich zu Potte kommen", um dort den noch erheblichen Einsatz von Öl und Gas zu verringern. Allerdings gilt für den Agora-Chef auch: "Man kann gar nicht so viel Erneuerbare in den Wärmesektor hineinschieben, wie man unsanierte Häuser damit heizen kann."

Keine Verkehrswende ohne Vermeidung

Klingt das alles noch irgendwie plausibel, zeigt sich das "Big Picture" im Verkehrssektor wenig glaubwürdig. Bis 2030 will das Agora-Papier in Deutschland zehn bis zwölf Millionen E-Autos auf die Straße bringen, im Schnitt also künftig jedes Jahr eine Million. Und weil selbst diese Millionen an E-Pkw wegen des übemächtigen Güterverkehrs nicht viel am Gesamtbild änderten, so Graichen. müsse auch im Verkehr das Prinzip "Efficiency First" gelten. Laut dem Papier muss der Energieverbrauch insgesamt um 30 Prozent im Vergleich zu heute reduziert werden.

Nicht nur bei Graichen, sondern auch in der Podiumsdebatte am Vormittag fielen zur Verkehrswende stets die Stichworte Vermeidung, Effizienz und Verlagerung auf die Schiene. Den Einsatz "grüner" Flüssigkraftstoffe sieht Graichen erst in der dritten Phase der Energiewende nach 2030 – und dann vor allem im Flug-, Güter- und Schiffsverkehr.

In der Diskussion erinnerte DIW-Ökonomin Claudia Kemfert daran, dass es jetzt erst einmal darum gehe, die Energiewende zu verteidigen. Das sei ein Marathonlauf, in dem Deutschland im Strombereich eine guten Sprint hingelegt habe, nun aber würden Steine in den Weg gelegt, die auch einen Marathonläufer ins Stolpern bringen können. Zudem habe man, kritisierte Kemfert, im Gebäude- und Verkehrssektor nicht einmal "ansatzweise" im Blick, wie die Emissionsziele zu erreichen seien.

Reform-Katalog für neue Regierung immer länger

Kurzfristig muss für Kemfert der Kohlekonsens Realität werden und der Kohleausstieg am besten schon "gestern" beginnen. Skeptisch beurteilt sie die Chancen für eine CO2-Bepreisung bei der bundesdeutschen Politik – trotz aller Unterstützung durch Wissenschaft und Verbände –, auch weil der Preis mindestens 60 Euro pro Tonne betragen müsse. Selbst die rot-grüne Ökosteuer, meinte Kemfert, habe nicht gerade "sehr, sehr viel" gebracht.

Kemfert und Graichen verhakten sich in der sonst nicht sehr kontroversen Vormittagsdebatte noch in der Frage, ob die großen Nord-Süd-Stromtrassen wirklich gebraucht werden. Graichen stellte infrage, ob sich im Süden, besonders in Bayern, die beim Trassen-Nichtbau notwendigen Windkraft-Kapazitäten durchsetzen ließen. Kemfert forderte das nicht nur, sondern machte auch deutlich, dass der Bau dieser Stromtrassen quasi den jetzigen Zustand fortschreibe, dass wir uns im Grunde zwei Stromsysteme leisten: ein dezentral-erneuerbares und ein zentralistisch-fossiles.

Ein ums andere Mal wurde auch klar, dass der Wunschkatalog der Energiewende-Fans an die ab Herbst amtierende Bundesregierung immer länger wird: Da geht es längst nicht mehr nur um den Kohleausstieg oder einen CO2-Preis oder darum, endlich die steuerliche Absetzbarkeit der Gebäudesanierung hinzubekommen. Reformiert werden müssen auch die Stromsteuer, die Förderung der Erneuerbaren und das ganze Design des Strommarkts.

BildAm Ende der ersten Phase der Energiewende ist klar: Sonne und Wind sind die entscheidenden Träger einer klimaneutralen Energieversorgung. (Foto: Australian Greens MPs/Flickr)

Wie unsicher allerdings das politische Geschäft ist, darauf machte in der Debatte allein Sabine Nallinger von der Zwei-Grad-Stiftung deutlich: Für sie hat die Wahl in Nordrhein-Westfalen gezeigt, wie schnell Energiewendeinstrumente gekippt werden könnten.

Was da im Herbst im Bund passieren könnte – daran will offenbar derzeit noch niemand so recht denken. Denn dann müsste man ja das Große Bild noch mal ändern.

Redaktioneller Hinweis: Die DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von klimaretter.info

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen