Indiens Wende zu sauberer Energie

Nach dem klimapolitisch gescheiterten G7-Gipfel ist ab Montagabend der indische Premierminister Narendra Modi auf Deutschland-Besuch. Bei den Gesprächen geht es vor allem um die Wirtschaftsbeziehungen und den bevorstehenden G20-Gipfel.

Von Sandra Kirchner und Jörg Staude

Mit einem losrennenden Elefanten vergleicht Christian von Hirschhausen, Forschungsdirektor beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), im jüngsten Wochenbericht die Energiewende in Indien. Das Potenzial an erneuerbaren Energien in dem Land, vor allem Sonne, aber auch Wind und Biomasse, sei riesig. Bisher hätten diese Energiequellen aber in Indien nur eine geringe Bedeutung.

BildSeine Europareise führt Indiens Premierminister als erstes nach Deutschland, dann will Modi nach Spanien, Russland und Frankreich weiterreisen. (Foto: Büro Narendra Modi/​Twitter)

Aktuelle Zahlen des US-Analysedienstes Bloomberg New Energy Finance bestätigen dies. So nahm im Jahrzehnt von 2006 bis 2016 der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Quellen an der gesamten indischen Erzeugung lediglich von vier auf sechs Prozent zu. Neue große Wasserkraftwerke blieben dabei unberücksichtigt.

Mit diesem recht geringen Zuwachs steht Indien unter den bedeutenden Treibhausgas-Emittenten fast als Schlusslicht da. Nur Südafrika mit einem Ökostrom-Wachstum von einem auf drei und Kanada mit einem von fünf auf sechs Prozent Anteil weisen laut den Bloomberg-Analysten eine ähnlich schlechte Entwicklung auf. China schaffte es immerhin, den Anteil des erneuerbaren Stroms von sechs auf zehn Prozent zu erhöhen.

Zu Recht weist DIW-Experte von Hirschhausen darauf hin, dass Indien – den Industriestaaten im 20. Jahrhundert gleich – bisher vor allem auf die heimische Kohle setzte. 180.000 Megawatt Kohlekraft-Kapazität stünden lediglich 20.000 Megawatt an Erneuerbaren gegenüber, von denen Windkraft und Sonnenstrom jeweils die Hälfte ausmachten.

"Wir wollen unser Know-how teilen"

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel und Indiens Ministerpräsident Narendra Modi zusammenkommen, dann geht es aber auch immer um den Ausbau der Erneuerbaren. Seit 2011 treffen sich Deutschland und Indien alle zwei Jahre zu Regierungkonsultationen. Nur zu wenigen Ländern pflegt Deutschland derart intensive Beziehungen. Als Merkel vor zwei Jahren nach Indien reiste, wurde eine Solarpartnerschaft geschlossen. Knapp eine Milliarde Euro hatte Deutschland für den Klimaschutz zugesagt.

Bei den jetzigen Regierungskonsultationen soll es neben den Themen des bevorstehenden G20-Gipfels in Hamburg vor allem um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern gehen. Der deutsche Anteil an den ausländischen Investitionen in Indien  liegt bei weniger als vier Prozent. Modi will deshalb um deutsche Investitionen werben – unter anderem soll es auch um Klimapolitik und erneuerbare Energien gehen.

"Indien interessiert sich für deutsche Technologien und Know-how, und wir sind daran interessiert, dies zu teilen", sagte der deutsche Botschafter in Indien Martin Ney zu dem Treffen. Auch Indiens Ministerpräsident geht mit Erwartungen in das Treffen mit Merkel: "Deutsche Kompetenzen passen gut zu meiner Vision für Indiens Transformation."

Bis 2030 will Indien 33 bis 35 Prozent seiner Treibhausgase einsparen – im Verhältnis zu seinem Bruttosozialprodukt. Basisjahr ist 2005. Zugleich sollen die Erneuerbaren-Kapazitäten massiv ausgebaut werden. Bis 2022 strebt Indien eine Kapazität von 175.000 Megawatt Erneuerbaren an, darunter 100.000 Megawatt Photovoltaik. 2030 sollen Erneuerbare 40 Prozent des Stroms liefern.

Preisrutsch bei Erneuerbaren macht Energiewende möglich

Mit seiner gegenwärtigen Energiepolitik könnte Indien seine Klimaziele, die sogenannten NDCs, bequem erfüllen, ergab denn auch eine Kurzstudie dreier deutscher Institute. Der Anteil der Erneuerbaren an der installierten Kraftwerks-Kapazität ist tatsächlich schon recht hoch – er lag 2016 bei rund 15 Prozent. Dennoch muss auch künftig weiter kräftig in Erneuerbare investiert werden.

Nach den Bloomberg-Daten wurde der Spitzenwert bei den indischen Investitionen in Erneuerbare schon 2011 mit jährlich mehr als 13 Milliarden US-Dollar erreicht, in den letzten drei Jahren haben sich die entsprechenden Ausgaben pro Jahr zwischen acht und neun Milliarden Dollar eingependelt. Allerdings muss das angesichts der sinkenden Preise nicht zugleich bedeuten, dass die Zubauzahlen gleichermaßen zurückgehen.

Als ein weiteres Motiv für die Hinwendung zu sauberer Energie macht DIW-Experte von Hirschhausen die enorme Luftverschmutzung in den Großstädten des Subkontinents aus, vor allem mit Schwefeldioxid, Stickoxiden und Feinstaub. Diese, zitiert er Studien, hänge eng mit der Dichte fossiler Kohlekraftwerke zusammen.

BildIndien ist an Technologien aus Deutschland interessiert. (Foto: Abbie Trayler-Smith/​Panos/​DFID/​Flickr)

Für von Hirschhausen werden auch private Verbraucher und Kleinunternehmen künftig von der Wende zu den Erneuerbaren profitieren. "Noch ist in Indien Kohlestrom preiswerter als Strom aus erneuerbaren Quellen, aber wenn die staatlichen Programme greifen, könnte sich der Preis für Strom aus Solar­-Dachanlagen schnell halbieren und das Niveau des schmutzigen Stroms aus Kohle erreichen", betont der DIW-Experte.

Bislang gingen viele Prognosen davon aus, dass der Energiesektor in Indien wie in China vor allem durch Kohlekraftwerke wachsen würde. Doch mit den sinkenden Preisen bei erneuerbaren Energien hat nun auch Indien begonnen umzusteuern. Erst Mitte Mai habe die indische Regierung wieder den Neubau eines Kohlekraftwerks abgesagt und schon im Dezember angekündigt, ihre Kraftwerksplanung zu überdenken, erklärte die Energiefachfrau Yvonne Deng vom Londoner Beratungsunternehmen Ecofys unlängst bei den Vorverhandlungen zur nächsten UN-Klimakonferenz.

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