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Aufforsten für 1,5 Grad

Die Welt muss mehr für das 1,5-Grad-Ziel tun, fordern die besonders verletzlichen Staaten bei der Zwischen-Klimakonferenz in Bonn. Für sie ist das eine Frage des Überlebens. Neben der Vermeidung von Treibhausgasen können gezielte Aufforstung und ein nachhaltiger Umgang mit Holz dazu beitragen.

Aus Bonn Sandra Kirchner

Deutlich höhere Anstrengungen bei der Begrenzung der fortschreitenden Erderwärmung fordern die rund 40 Staaten des Climate Vulnerable Forum (CVF), einer Allianz der besonders vom Klimawandel betroffenen Länder. "Das 1,5-Grad-Limit einzuhalten ist für uns eine Frage des Überlebens", sagte der amtierende CVF-Vorsitzende Debasu Bayleyegn Eyasu aus Äthopien am Donnerstag in Bonn. "Für uns alle ist das Pariser Klimaabkommen unsere Rettungsleine."

BildIn der Atmosphäre sind schon zu viele Klimagase. Um sie wieder zu binden, gibt es auch umweltverträgliche Methoden. (Foto: Udo Springfeld/Flickr)

Rund eine Milliarde Menschen leben in den Ländern des CVF. Die Auswirkungen der Erderwärmung treffen sie besonders stark. Wetterextreme führen schon heute zu Ernteeinbußen und verstärken Hungersnöte, auch der ansteigende Meeresspiegel setzt den besonders verletzlichen Ländern zu.

Doch um das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen, reichen auch unrealistisch große Anstrengungen nicht mehr aus. "Selbst wenn wir morgen alle Emissionen stoppen, können wir das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichen", sagt Greenpeace-Waldexperte Christoph Thies. Rund 600 Gigatonnen Kohlendioxid sei in Vegetation gebunden, in der Atmosphäre befänden sich 800 Gigatonnen. Dieses Verhältnis müsse umgedreht werden.

Nachhaltig aufforsten statt CO2 verpressen

Doch dazu muss der Atmosphäre Kohlendioxid in erheblichen Mengen entzogen werden. Auch die Szenarien des Weltklimarates IPCC zum 1,5-Grad-Ziel rechnen mit solchen "negativen Emissionen". Doch wie das passieren soll, ist strittig. Diskutierte Technologien wie CCS oder BECCS, die auf Biomasse-Plantagen oder CO2-Verpressung setzen, haben ihre Wirksamkeit bislang nicht im großen Maßstab bewiesen und bergen zugleich erhebliche Risiken.

Für den Greenpeace-Waldexperten Thies liegt die Lösung auf der Hand beziehungsweise in den Wäldern. "Durch Aufforstung ließen sich gleich mehrere Ziele erreichen", sagt Thies. Damit könne man die CO2-Minderungsziele schaffen, den Artenrückgang stoppen und Ökosysteme wiederherstellen.

Auch der Berater Lars Laestadius sieht in Aufforstungen ein erhebliches Potenzial. Vor allem in Afrika und Südamerika könnten mehr Wälder gepflanzt werden. Doch auch in Europa, Nordamerika und Asien könne mehr Biomasse mehr CO2 binden.

Allerdings schwebt Laestadius keine großflächige Aufforstung vor, sondern eher ein mosaikartiges Aufforsten mit einem Mix aus Wald, Siedlungen, Äckern und anderen Nutzungsformen. Doch damit dies erfolgreich sein könne, müsse die lokale Bevölkerung vom Nutzen der Aufforstungen überzeugt sein.

Holz lange nutzen statt gleich verbrennen

Aber auch der Umgang mit Holz muss sich für den Greenpeace-Waldexperten Thies ändern. Statt kurzlebiger Produkte oder dem Verbrennen von Biomasse brauche es langlebige Produkte und Kaskaden der Nutzung, damit das CO2 möglichst lange im Holz gebunden bleibt.

Eine soeben erschienene Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) betont ebenfalls die Bedeutung von Aufforstungen, allerdings mit Einschränkungen. Bäume zu pflanzen sei eher ein "Nebendarsteller" bei der Klimastabilisierung, erläuterte Mitautor und PIK-Chef Hans Joachim Schellnhuber. Die "Hauptrolle" müsse das Vermeiden von Emissionen spielen. Wenn beides geschehe, sei es möglich, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen und damit den größten Teil der Klimarisiken noch zu vermeiden.

BildBäume pflanzen ist eine gute Idee, wenn die Belange der Ökologie und der Bevölkerung beachtet werden – und die Aufforstung nicht den Fossil-Ausstieg ersetzt. (Foto: Saperaud/Wikimedia Commons)

"Weniger fossile Brennstoffe zu nutzen ist die Vorbedingung, wenn wir das Klima stabilisieren wollen", betonte auch Tim Lenton von der Universität Exeter, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Aber wir müssen zusätzlich eine Reihe von Möglichkeiten nutzen, von der Wiederaufforstung bis zu Veränderungen beim Pflügen in der Landwirtschaft, von effizienteren Bewässerungssystemen bis zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung."

Alle BildTexte zur diesjährigen 
vorbereitenden Frühjahrskonferenz 
der Klimadiplomaten finden Sie in 
unserem Dossier "Bonn Mai 2017"

[Erklärung]  
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