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Kompensation geht nur mit Transparenz

Kompensationsprojekte sollen die Treibhausgas-Emissionen senken. Doch wie die Märkte ausgestaltet sein müssen, damit die Projekte ihren Anspruch einlösen, ist unklar. Seit Jahren streiten die Delegierten auf den Klimakonferenzen um die Vorgaben für die Märkte. Künftig will auch die Luftfahrtbranche ihre Emissionen mit den Ausgleichsmechanismen herunterrechnen.

Aus Bonn Sandra Kirchner

Ohne Kompensation geht fast nichts in der internationalen Klimapolitik. Nur zu gern nutzen Industriestaaten die Möglichkeit, durch die Finanzierung von Projekten zum Ausbau erneuerbarer Energien oder zur Reduzierung von Methan in Entwicklungsländern ihre Emissionen herunterzurechnen. Im Gegenzug wollen etliche Entwicklungsländer nicht auf die Einnahmen verzichten.

BildDie Luftfahrtbranche erfreut sich üppiger Wachstumsprognosen und will nach 2020 Emissionen einsparen – zumindest auf dem Papier. (Foto: Schulze von Glaßer)

Dabei weisen die unter dem Dach des Kyoto-Protokolls entwickelten Instrumente wie der Clean Development Mechanism (CDM) fundamentale Mängel auf. Der Großteil der beim UN-Klimasekretariat registrierten CDM-Projekte liefert keine messbaren und zusätzlichen Emissionseinsparungen.

Nach Erkenntnissen von Forschern des Öko-Instituts haben Kompensationsprojekte zwar eine wichtige Rolle in Entwicklungsländern, die nur wenige klimapolitische Maßnahmen eingeführt haben. Dennoch wollen die Wissenschaftler die Anwendung der Ausgleichsmechanismen begrenzt sehen, denn bei nicht einmal zehn Prozent der untersuchten Projekte konnte nachgewiesen werden, dass sie zusätzliche Emissionen einsparen.

Seit Jahren keine Einigung beim Marktmechanismus

Trotz der ins Auge springenden Mängel sollen die Marktmechanismen nun auch für den Pariser Klimavertrag installiert werden. Doch über die Einzelheiten fallen die Meinungen der noch bis morgen zu ihrer Frühjahrskonferenz in Bonn versammelten Klimadiplomaten weit auseinander. Während Länder wie Japan, Kanada oder Neuseeland ihre Flexibilität erhalten und so wenig Vorgaben wie möglich vereinbaren wollen, fordern andere Länder, erst die Regeln für die Marktmechanismen zu klären, bevor Staaten neue Emissionszertifikate einkaufen und so mit internationalen Projekten ihre Netto-Emissionen herunterrechnen können.

Bei den Regeln sind noch etliche Details offen. Bislang haben sich die Länder lediglich verpflichtet, ihre Emissionen zu senken. Die Form ihrer nationalen Beiträge, der sogenannten NDCs, unterscheidet sich erheblich. Um die Emissionseinsparungen handeln zu können, braucht es Vergleichbarkeit.

"Wir brauchen mehr Klarheit, Tranzparenz und Verständlichkeit", sagt Aki Kachi von der europäischen Nichtregierungsorganisation Carbon Market Watch. "Unterschiedliche Regeln für die nationalen Beiträge machen es schwieriger, dass mit den Emissionsminderungen gehandelt werden kann." Unter den jetzigen Bedingungen sei ein solcher Marktmechanismus im Rahmen des Pariser Klimavertrages nur schwer möglich oder führe dazu, dass Emissionen buchhalterisch zweimal abgezogen würden – einmal bei dem Land, das die Zertifikate in Umlauf bringt und ein weiteres Mal bei dem Land, das die Zertifikate erwirbt. Bisher gibt es keine Vorgaben, die das wirksam verhindern.

Die Marktmechanismen sind schon länger Thema bei den UN-Klimaverhandlungen, doch bisher konnten nur wenige Fortschritte erzielt werden. Seit dem Beschluss des Klimagipfels von Durban 2011, einen neuen marktbasierten Mechanismus einzuführen, der es auch Entwicklungsländern ermöglicht Emissionszertifikate zu erwerben, sind die Staaten nicht viel weitergekommen.

Projekte könnten doppelt gezählt werden

Dabei müssen entsprechende Vorgaben bald vorliegen – spätestens, wenn die Nachfrage nach Kompensationspapieren durch die Luftfahrtbranche steigt. Im vergangenen Jahr hatte die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO beschlossen, dass die CO2-Emissionen aus dem Flugverkehr ab 2020 nicht weiter ansteigen sollen – zumindest auf dem Papier.

Der dabei verhandelte Ausgleichs- und Reduktionsmechanismus Corsia (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) – soll es ermöglichen, dass das Wachstum des Flugverkehrs und damit auch der Emissionen weitergeht, aber durch "Offsets" kompensiert wird. Bis Ende des Jahres will die ICAO die maßgeblichen Vorgaben für Corsia festlegen, wie die Art der Kredite sowie Regeln zur Messung und Berichterstattung. 

Da sich die Luftverkehrsunternehmen im Rahmen von Corsia künftig Ausgleichsmaßnahmen anrechnen lassen können, die von Projekten in Ländern mit NDCs stammen, besteht die Gefahr, dass die Einsparungen doppelt gezählt werden. Experten wie Annie Petsonk von der US-Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF) und Reimund Schwarze vom deutschen Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung warnen vor der doppelten Bilanzierung. "Es darf nicht passieren, dass Airlines Emissionseinsparungen angerechnet bekommen können, die bereits von Staaten erbracht wurden", sagt Petsonk in Bonn. Andernfalls schade das der Integrität des Pariser Klimavertrags.

BildCDM-Projekte – wie dieses zur Methanvermeidung in Brasilien – sollen Emissionen mindern, doch ihre Leistungsfähigkeit ist oft nicht belegt. (Foto: Julio Alberto Pavese/​UNFCCC)

Ob das die Delegierten in Bonn berücksichtigen, bezweifeln Kachi und Petsonk, denn die Delegationen bei den Klimakonferenzen und bei den Verhandlungen der ICAO sind unterschiedlich besetzt. Während sie bei den Klimakonferenzen in der Regel von den Umweltministerien geleitet werden, waren beim Aushandeln des Ausgleichs- und Reduktionsmechanismus für die Luftfahrtbranche die Verkehrsministerien federführend. Und nicht in allen Ländern sind die Absprachen der jeweiligen Delegationen ausreichend.

"Bei der Ausarbeitung der Marktbestimmungen des Pariser Klimavertrags müssen die Delegierten das Ausgleichssystem der Luftbranche berücksichtigen", fordert Kachi. Nur so könnten Doppelzählungen verhindert und Transparenz und Qualität der Kompensationskredite verbessert werden. 

Alle BildTexte zur diesjährigen 
vorbereitenden Frühjahrskonferenz 
der Klimadiplomaten finden Sie in 
unserem Dossier "Bonn Mai 2017"
 

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