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Deutschland übt arktische Diplomatie

In Alaska trifft sich derzeit der Arktische Rat der Anrainerstaaten, um über Klimawandel und Ölbohrungen zu sprechen. Deutschland ist als Beobachter dabei. Die Klimakrise in der Arktis ist der Bundesregierung sehr wohl bewusst, unternommen wird aber wenig, zeigt nun eine Anfrage der Grünen im Bundestag.

Von Verena Kern

Nirgendwo erwärmt sich die Erde so schnell wie in der Arktis. Die Rekorde beim Temperaturanstieg, die dort seit Jahren gemessen werden, haben tiefgreifende Folgen. Trägt man die wichtigsten Fakten über schrumpfendes Meereis, schmelzende Gletscher und tauende Permafrostböden zusammen, ergibt sich ein regelrechtes Schreckensszenario.

BildEis weg: Die Arktis wird immer grüner. (Foto: Cindy Starr/​NASA Goddard Space Flight Center)

Nämlich so: Das Polareis schrumpft, und das Schrumpfen vollzieht immer schneller. Im März 1995 betrug die winterliche Ausdehnung der arktischen Meereisbedeckung noch 15,4 Millionen Quadratkilometer. Im März dieses Jahres waren es nur noch 14,2 Millionen Quadratkilometer. Die verlorene Eisfläche entspricht der dreifachen Fläche Deutschlands.

Noch drastischer ist der Eisverlust im Sommer. Im September 1997 zeigten Satellitenbeobachtungen der mittleren monatlichen Meereisausdehnung noch 6,7 Millionen Quadratkilometer. Im September 2016 war die Eisfläche auf nur noch 4,5 Millionen Quadratkilometer geschrumpft.

Zudem wird das Eis immer dünner und fragiler. Im März 1985 waren noch 16 Prozent der gesamten Eisfläche vier Jahre und älter. 2016 traf das nur noch auf 1,2 Prozent zu. Einjähriges und damit wesentlich weniger dickes Eis macht nun 78 Prozent der Fläche aus, in den 1980er Jahren waren es erst 55 Prozent.

Auch Grönlands Gletscher werden immer kleiner, ebenfalls mit zunehmender Geschwindigkeit. In den Jahren 2003 bis 2009 betrug der Verlust pro Jahr 146 Kubikkilometer. Zwischen 2011 und 2014 waren es bereits 375 Kubikkilometer jährlich. Entsprechend ist der Beitrag der Gletscherschmelze zum Anstieg des Meeresspiegels von 0,09 Millimetern pro Jahr in der Zeitspanne von 1992 bis 2001 auf 0,59 Millimeter pro Jahr in der Zeitspanne von 2002 bis 2011 angestiegen.

Und dann sind da auch noch die Permafrostböden. Je wärmer es wird, desto mehr tauen sie auf. Das besonders aggressive Klimagas Methan, das in ihnen gespeichert ist, kann dann entweichen. Nach neusten Schätzungen enthalten die arktischen Permafrostböden mehr als 1.500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Das entspricht fast dem Doppelten des derzeit in der Atmosphäre enthaltenen Kohlenstoffs – und übertrifft bei Weitem die Menge an Klimagasen, die der Mensch noch emittieren darf, wenn ein katastrophaler Klimawandel verhindert werden soll.

Zusammengestellt hat dieses Schreckensszenario keine Umweltschutzorganisation und kein Klimaktivist. Es stammt aus der Feder der Bundesregierung.

Bundesregierung lobt eigene Politik

In einer Kleinen Anfrage hatte die Grünen-Bundestagsfraktion wissen wollen, wie denn die Position der Bundesregierung "zur Klimakrise und Eisschmelze in der Arktis" aussieht. Anlass ist das Treffen des Arktischen Rates, das derzeit in Fairbanks im US-Bundesstaat Alaska stattfindet. Die Außenminister der acht Anrainerstaaten kommen zusammen, um über Klimawandel und eine bessere Zusammenarbeit bei der Forschung zu beraten. Auch die Ausbeutung der Rohstoffvorkommen wird ein Thema sein. Vor allem in Russland und den USA unter Präsident Trump ist das Interesse daran groß.

Neben diesen beiden Staaten gehören dem Arktischen Rat auch Kanada, Schweden, Norwegen, Finnland, Island und Dänemark an. Deutschland hat Beobachterstatus – und trägt damit selber auch Verantwortung.

Genau darauf zielte die Anfrage der Grünen: Wie nimmt die Bundesregierung ihre Verantwortung wahr, welche Konsequenzen zieht sie aus den von ihr selbst vorgetragenen alarmierenden Fakten? Die Antworten sind einigermaßen mau.

Gleich zu Beginn des Katalogs aus 32 Fragen zählt die Bundesregierung ihre eigenen Anstrengungen in Sachen Klimaschutz auf: die deutschen Klimaziele, den deutschen Beitrag zum Zustandekommen des Paris-Abkommens, den Klimaschutzplan 2050, die diesjährige deutsche G20-Präsidentschaft und den europäischen Emissionshandel. Und darauf verweist sie auch später immer wieder. Ganz so, als sei damit schon alles in Ordnung.

Dabei wird Deutschland mit großer Wahrscheinlichkeit sein Klimaziel für 2020 verfehlen. Statt zu sinken, steigen die deutschen Treibhausgas-Emissionen wieder an. Und der europäische Emissionshandel, der stets als das wichtige Klimaschutz-Instrument herausgestellt wird, ist ungeachtet diverser Reformbemühungen ein zahnloser Tiger, praktisch ohne Lenkungswirkung.

Neue Studien nicht berücksichtigt

Bei vielen Antworten beruft sich die Regierung auf den jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Doch der Bericht ist bereits 2013 erschienen. Seitdem wurden zahlreiche neue Studien veröffentlicht. Sie zeigen, dass der Zustand der Arktis weit prekärer ist als noch vor vier Jahren angenommen.

Der Arktische Rat beispielsweise hat kurz vor seinem jetzigen Treffen eine neue Studie über die Folgen des Klimawandels auf die Nordpolarregion vorgelegt. Ergebnis: Die große Schmelze in der Arktis wird doppelt so schlimm wie bislang prognostiziert, auch zum globalen Anstieg des Meeresspiegels wird sie mehr beitragen als bisher gedacht. Ab 2030 ist mit einer eisfreien Arktis in den Sommermonaten zu rechnen.

Ende letzten Jahres hatte der Rat bereits seinen aktuellen, 240 Seiten starken Arctic Resilience Report vorgestellt. Auch darin war Dramatisches zu lesen. Der immer schnellere Rückgang der arktischen Meereisfläche könnte demnach 19 Kipppunkte in der Region kippen lassen und damit eine Kettenreaktion auslösen, die buchstäblich bis ans andere Ende der Welt zu spüren ist.

Die Bundesregierung räumt zwar an einigen Stellen ein, dass der IPCC-Bericht von 2013 jüngste Erkenntnisse nicht berücksichtigt. Doch sie zieht daraus keine Konsequenz. Stattdessen fordert sie weitere Forschungsprojekte, etwa zu Extremwetterlagen in Mitteleuropa. Als ob immer noch nicht genug Fakten vorliegen würden, die die Dringlichkeit des Klimawandels belegen.

"Das ganze Ausmaß der beschleunigten Klimakrise ist noch gar nicht erfasst", kritisieren die Grünen. Deutschland müsse mehr tun, um internationalen Arktisschutz zu organisieren.

"Die Vernunft muss siegen", fordert Fraktionschef Anton Hofreiter. "Es darf keine weiteren Ölbohrungen in der Arktis geben. Es darf keine gierige Ausbeutung der Arktis-Rohstoffe geben." Für die Rohstoffförderung müsse zumindest in Schutzzonen der Arktis ein internationales Moratorium her, meinen die Grünen.

BildHier einträchtig nebeneinander: Die Flaggen des Arktischen Rates. (Foto: Linnea Nordström/​Arctic Council/​Flickr)

Die Bundesregierung würde es nach eigenen Angaben gut finden, wenn die Anrainerstaaten sich auf ein Moratorium verständigen würden. Fordern will sie es nicht. Schließlich ist sie nicht selber Mitglied des Arktischen Rats.

Stattdessen ist ihre Forderung tadellos diplomatisch: Wenn schon Rohstoffausbeutung, dann wenigstens möglichst umweltschonend.

[Erklärung]  
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