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Energiewende oder Deichbau

In Schleswig-Holstein läuft kurz vor der Landtagswahl am Sonntag eine Debatte, die wie ein Blick in die Zukunft erscheint. Rechnerisch kann sich das nördlichste Bundesland schon zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgen. Und jetzt: Weiter Erneuerbare ausbauen – oder erstmal auf die Bremse treten?

Von Benjamin von Brackel, Friederike Meier und Susanne Schwarz

In Schleswig-Holstein findet ein interessantes Experiment statt, das bundesweit von Bedeutung ist. Das Land erzeugt schon so viel Ökostrom, dass es sich theoretisch damit komplett versorgen könnte. Theoretisch heißt: Noch kommt der erzeugte Ökostrom nicht überall dort an, wo er hinsoll, und wird nicht immer dann produziert, wenn man ihn braucht. Schließlich laufen in Schleswig-Holstein auch noch Kohle- und Atomkraftwerke.

BildDie Zukunft des deutschen Energiesystems lässt sich in Schleswig-Holstein schon heute besichtigen: Windräder in Westerkoog im Kreis Dithmarschen. (Foto: Dirk Ingo Franke/Wikimedia Commons)

Die Grünen wollen laut Wahlprogramm in der kommenden Legislaturperiode den Umbruch schaffen. Mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen will der grüne Landesumweltminister Robert Habeck jedenfalls nicht aufhören. "Der Ausbau der Erneuerbaren muss vorangehen, wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen", sagt er zu klimaretter.info. "Ohne Erneuerbare ist ein Ausstieg aus der fossilen Energieproduktion und der Atomenergie nicht möglich." Jetzt gehe es darum, die verbliebenen Kohlekraftwerke bis 2025 Schritt für Schritt abzuschalten und die Haushalte, die Industrie und den Verkehr auf Ökoenergien umzustellen. "Mit dieser Sektorenkopplung fangen wir jetzt an", heißt es im Wahlprogramm.

Anfangen will die grüne Regierungspartei mit der Elektrifizierung des Schienen- und Busverkehrs. Anfang der Zwanzigerjahre sollen dann nur noch Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor zugelassen werden. Bis dahin soll ein flächendeckendes Netz von Ladestationen und Wasserstofftankstellen aufgebaut sein. Die Wärmeversorgung der Haushalte ließe sich etwa mithilfe von überschüssigem Ökostrom grüner machen, wenn der nach dem Power-to-Heat-Prinzip in Wärme umgewandelt wird.

"Wegwerfstrom für 300 Millionen produziert"

Nicht alle im Land teilen diese Vision. Manche fordern angesichts des Fortschritts bei der Energiewende, nun auf die Bremse zu treten. "Allein im Jahr 2016 wurde in Schleswig-Holstein Wegwerfstrom in Höhe von weit über 300 Millionen Euro produziert", sagt Klaus Weber, Fraktionsgeschäftsführer der FDP in Schleswig-Holstein, zu klimaretter.info. "Ausreichend ist deshalb ein moderater Ausbau, der vor allem Repowering-Potenziale nutzt und die Verspargelung im Land abbaut."

Auch was die Übertragung des Ökostroms in andere Sektoren angeht, sieht die FDP deutlich größere Probleme. "Die Wahrheit ist, dass sowohl Stromspeicher als auch die Sektorenkopplung teuer, aufwändig und oft noch in der Erprobungsphase sind, sodass wir aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit auch weiterhin noch auf konventionelle Kraftwerke angewiesen sein werden."

Die Sektorkopplung sei wichtig, müsse aber mit Augenmaß erfolgen. "Würden wir den Straßen- und Schienenverkehr auf erneuerbaren Strom umstellen, müssten wir das ganze Land mit Windkraftanlagen zupflastern", sagt Weber. "Das wäre für Wirtschaft und Verbraucher unbezahlbar."

"Das sind vorgeschobene Argumente"

Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, erkennt in solchen Aussagen eine beliebte Abwehrhaltung gegen die Energiewende. "Es wird gern vorgeschoben, dass große Projekte wie der Netz- oder Speicherausbau erstmal fertig sein müssen, bevor die Energiewende losgehen kann", sagt er gegenüber klimaretter.info. Fragt man Quaschning, sind Netze und Speicher sogar der letzte Schritt. Der erste heiße Kohleausstieg.

Kohlekraftwerke sind nicht nur ungleich klimaschädlicher als Windräder, sondern auch unflexibel beim Hoch- und Herunterfahren. Sind die Netze überlastet, werden eher saubere Windräder vom Netz genommen ("abgeregelt") und die Windmüller dafür entschädigt. Man könnte also auch sagen: Der eigentliche Überschussstrom stammt aus den Kohlekraftwerken.

"Wir haben es 30 Jahre versäumt, die richtigen Weichen zu stellen", meint Quaschning. "Jetzt haben wir noch 20 Jahre, um die Energiewende umzusetzen – natürlich produzieren wir auf dem Weg dahin ein bisschen Wegwerfstrom." Damit der sich möglichst in Grenzen hält, müsse als nächster Schritt die Sektorkopplung kommen. Diese helfe Stromüberschüsse abzubauen – und langfristig müssten Verkehr und Wärme ohnehin auf erneuerbaren Strom umgestellt werden. "Eine andere Idee zur Dekarbonisierung dieser Sektoren haben wir nicht", sagt Quaschning. Und dann könnten die Großprojekte Netzausbau und Speicherausbau ihr Übriges tun.

Um den künftigen Strombedarf aus allen Sektoren zu decken, müssen die erneuerbaren Energien Quaschning zufolge noch stark ausgebaut werden. "Was wäre denn die Alternative?", fragt er. "Für ein Küstenland wie Schleswig-Holstein wahrscheinlich der Deichbau."

Mehr Speicher, mehr Netzausbau

In einem Punkt sind sich die parteipolitischen Antagonisten allerdings einig: Die verschiedenen Speichertechnologien müssen besser gefördert werden, sonst rentieren sie sich nicht. Derzeit werden aber EEG-Umlage und Netzentgelte auch für Stromspeicher erhoben, diese werden also wie normale Stromverbraucher behandelt, obwohl sie die Energie nur weiterleiten.

Der größte Lithium-Ionen-Batteriespeicher Kontinentaleuropas wird derzeit in Schleswig-Holstein errichtet. "Für den Strom, der derzeit nicht in die Netze eingespeist werden kann und der sonst abgeregelt werden müsste, gibt es genug Anlagen, die ihn nutzen könnten", sagt Habeck. "Leider ist die Bundesregierung hier nicht so weit gesprungen, wie wir es vorgeschlagen hatten. Hier müssen wir ran."

BildIn einer Legislaturperiode will Schleswig-Holstein den Netzausbau hinter sich haben – dann haben andere Länder das Problem. (Foto: Schulze von Glaßer)

Einigkeit gibt es auch darüber, dass die Netze schnell ausgebaut werden sollen. "Spätestens 2022 ist Schluss, in Schleswig-Holstein sogar schon 2021", heißt es im grünen Landeswahlprogramm. "Dann ist Schleswig-Holstein atomfrei und wir haben schlagartig wieder viel Platz in den Stromleitungen, den wir durch Erneuerbare decken werden. Dann verlagert sich der Netzengpass an die Elbe Richtung Süden." Und der Pionier gibt das Problem weiter an die Nachzügler.

Jedenfalls bis die Überlandleitungen deutschlandweit stehen – und Schleswig-Holstein seinen Windstrom nach Süddeutschland exportiert. Habeck schaut nach vorn: "Bayern muss schließlich irgendwoher Strom bekommen, wenn auch dort die Atomkraftwerke abgeschaltet sind."

[Erklärung]  
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