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Fake-Argumente gegen die Energiewende

Die Gegner der Energiewende tragen die immer gleichen, längst widerlegten Falschaussagen vor, um den Siegeszug der erneuerbaren Energien aufzuhalten. Die Totschlagargumente haben nur einen Zweck: von den erbitterten Machtkämpfen hinter den Kulissen abzulenken.

Ein Standpunkt von Claudia Kemfert

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Seit Donald Trump im Amt ist, regiert die fossile Energieindustrie die USA: Ein Anwalt der Öl­- und Kohleindustrie leitet die US-Umweltbehörde. Der Energieminister leugnet den Klimawandel. Der Außenminister leitete einst einen Ölkonzern. Und auch der Innenminister sympathisiert mit der Gas-­, Kohle-­ und Ölindustrie.

Folgerichtig gibt es seit Trumps Amtsantritt im Januar 2017 auf der Website des Weißen Hauses keinen einzigen Treffer mehr zum Suchbegriff "climate change". Stattdessen wird Trumps "America First Energy Plan" angekündigt: Schluss mit dem "Climate Action Plan" seines Vorgängers, Schluss mit den unnötigen Investitionen in erneuerbare Energien, den Hürden fürs Fracking und den Verboten, in der Arktis zu bohren. Ein Comeback für Öl, Gas und Kohle!

Doch nicht nur in den USA, auch im Rest der Welt gibt es ein dramatisches Comeback fossiler Energien: Ein ehemaliger Energiekonzernchef amtiert als EU-­Kommissar für Energie und Klima. Der europäische Emissionshandel wird bis zur völligen Wirkungslosigkeit reformiert. In Spanien wurden die einst garantierten Förderungen für erneuerbare Energien rückwirkend gestoppt.

Selbst in Deutschland, beim Klimapionier, sind die fossilen Energien wieder auf dem Vormarsch. Ausgerechnet die Erfinder der Energiewende blockieren in Brüssel Emissionsgrenzwerte, novellieren das deutsche Erneuerbare-Energien­-Gesetz zu Tode und beenden mal eben die Bürgerenergiewende.

Die alte Energiewelt kämpft um jeden Tag

Unternehmen sind verunsichert. Umweltschützer sind fassungslos. Wissenschaftler sind verzweifelt. Sie alle stehen vor derselben Frage: Wie konnte das passieren? Wieso werden die fossilen Energien nach wie vor in deutlich höherem Maße gefördert als die erneuerbaren? Obwohl die Mehrheit der Bürger es anders will. Obwohl auf weltweiten Klimakonferenzen ganz andere Ziele beschlossen werden. Wieso verabschieden Politiker Gesetze, die das gesamte Vorhaben der Energiewende konterkarieren? Verspielt Deutschland seine Energiezukunft?

Fakt ist: Die Lobbyisten arbeiten derzeit auf Hochtouren. Immer erbitterter kämpfen die Vertreter der alten Energiewelt gegen die Welt der erneuerbaren Energien.

  • Mit allen Mitteln versucht man das Offensichtliche zu vertuschen: Die alten Energiekonzerne haben keine zukunftsfähigen Geschäftsmodelle.
  • Man sträubt sich, handfeste Realitäten anzuerkennen: Die Vorräte an fossilen Energien sind nicht unbegrenzt, die Verbrennung verursacht einen irreversiblen Klimawandel.
  • Man bestreitet Tatsachen: Erneuerbare Energien sind billiger als herkömmliche Energien.
  • Man leugnet alle Erfolge: Die erneuerbaren Energien wachsen schneller als erwartet.
  • Stattdessen stellt man als "Fakten" getarnte gegenteilige Behauptungen auf und wiederholt die Unwahrheiten so lange und so laut, bis sich niemand mehr vorstellen kann, dass da gar nichts dran sein könnte.

Die Kampagnen kosten Milliarden und haben kein anderes Ziel, als Zeit zu gewinnen. Jeder Tag, an dem – trotz klimapolitischem Globalkonsens – diskutiert und nicht für die Zukunft gehandelt wird, ist für die Lobbyisten der Vergangenheit ein gewonnener Tag. Denn jeder Tag, den die fossilen und atomaren Kraftwerke weiterlaufen, spült Millionengewinne in die Kassen der alten Industrien.

Egal, ob das der Volkswirtschaft schadet. Egal, ob andere Länder dadurch in ihrer Entwicklung gehindert werden. Egal, ob dadurch die künftige Energieversorgung gefährdet wird. Die mächtigen Vertreter von Öl, Kohle, Gas und Atom schauen ausschließlich auf den eigenen Vorteil – und tun alles, um keine Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

Sogar die Energiewende selbst wird wieder infrage gestellt

Um das zu vertuschen, zünden sie ein kommunikatives Feuerwerk, das den Blick der Öffentlichkeit aufs Falsche lenkt – ein Spektakel am Medienhimmel, das davon ablenkt, was auf dem Boden politischer Tatsachen wirklich passiert.

Es ist an der Zeit, einmal ganz genau hinzuschauen, was im Konflikt zwischen alter und neuer Energiewelt eigentlich vor sich geht: Mit welchen Ablenkungsmanövern drängen die fossilen Riesen die erneuerbaren Energien vom Markt? Welche wirtschaftlichen Interessen stehen hinter den energiepolitischen Verflechtungen? Und wie können Unternehmen, Politik und Verbraucher verhindern, dass die Energiewende sabotiert und ausgebremst wird?

Als ich 2013 mein Buch "Kampf um Strom" schrieb, war ich der festen Überzeugung, dass es in Sachen Energiewende – endlich! – nicht mehr um das "Ob", sondern künftig nur noch um das "Wie" ginge. Man diskutierte über die Details, vor allem über das Tempo, mit dem die Wende umgesetzt werden konnte: Wie schnell können wir auf erneuerbare Energien umstellen? Wie schnell können wir Speicherungstechnologien entwickeln? Wie schnell können wir auf saubere E-­Mobilität umsatteln? Die Energiewende selbst war beschlossene Sache.

Natürlich bäumten sich schon damals die Verlierer der neuen Energiewelt vehement gegen den offensichtlichen Konsens auf. Schon damals beschworen sie düstere Blackout­-Szenarien und die soziale Verelendung ganzer Schichten herauf, sahen einen Kosten-­Tsunami auf die Gesellschaft zurollen und Deutschland schon bald im internationalen Wirtschaftsabseits stehen. Nichts davon war berechtigt. Nichts davon ist eingetreten. Trotzdem sind die alten Argumente immer noch da. Schlimmer noch: Sie sind wieder erstarkt. Und das Allerschlimmste: Plötzlich geht es wieder um das "Ob".

"Ökostrom ist teuer. Ökostrom ist teuer. Ökostrom ist teuer"

Liegen die Interessenverflechtungen der fossilen Industrie einmal offen, sind sie kaum zu übersehen. Doch aller Absurdität zum Trotz scheuen sich die Gegner der Energiewende nicht, die immer gleichen hanebüchenen Argumente vorzutragen, um den Siegeszug der erneuerbaren Energien aufzuhalten. Obwohl es bis heute noch immer keinen Blackout gab, die Stromlücke ausblieb, wir keinen Atomstrom aus Frankreich importieren müssen und niemand aufgrund seiner Stromrechnung Privatinsolvenz anmelden musste, werden immer wieder die gleichen Argumente gegen die erneuerbaren Energien vorgetragen.

Fast ist es wie ein absurdes Kartenspiel: Als würde man mit jemandem an einem Tisch sitzen, der völlig willkürlich ständig neue Farben zum Trumpf erklärt. Widerlegt man eines ihrer absurden Argumente, ziehen die fossilen Fürsprecher ungerührt die nächste Fehlinformation aus der Tasche: "Es gibt keine Blackouts? Okay, aber was ist mit der Speicherung?" Wider­legt man auch dieses, machen sie sich schnell die Gegenargumentation zu eigen: "Es gibt Speichermöglichkeiten? Okay, aber zuerst brauchen wir die Netze, das sagen Sie doch selbst!" Sie wiederholen ihre Behauptungen so lange, bis der Eindruck entsteht, dass doch etwas dran sein muss. "Ökostrom ist teuer. Ökostrom ist teuer. Ökostrom ist teuer." – Ökostrom ist doch teuer, oder?

Und so werden aus den alten Kamellen immer wieder neue Totschlagargumente – die nur den einen Zweck haben: von den erbitterten Machtkämpfen hinter den Kulissen abzulenken.

BildWas keine Zukunft mehr hat, kann trotzdem noch jeden Tag hohe Gewinne in die Kassen spülen. (Foto: Schulze von Glaßer)

Claudia Kemfert ist Professorin für Energiewirtschaft und leitet den Energie- und Umweltbereich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Mitherausgeberin von klimaretter.info. Ihr Text ist ein Auszug aus ihrem Buch "Das fossile Imperium schlägt zurück", das diese Woche im Hamburger Murmann Verlag erschien

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