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Haben Sie Feuer, Herr Professor?

Nach 202 Tagen ohne Staatsoberhaupt hat Österreich seit heute einen neuen Bundespräsidenten: Alexander van der Bellen. Ein Grüner, ein Gelehrter, ein politischer Spätzünder, ein EU-Fan. Einer, der entweder ein Mikro oder eine Zigarette in der Hand hat. Einer, der mit Besonnenheit einen von Österreichs wichtigsten Wutbürgern geschlagen hat.

Porträt: Susanne Schwarz

Hätte Alexander van der Bellen einen Stammtisch, dann stünde der zumindest in einem Elfenbeinturm. Wenn van der Bellen spricht, macht er oft Pausen. Manchmal werden sie so lang, dass einen fast das unangenehme Gefühl überkommt, sie könnten weniger rhetorisches Mittel als vielmehr unfreiwillig sein. Zeit eben, die jemand braucht, der über jedes Wort gut nachdenkt. Ein Wahlkampf führt einen nicht nur auf die Podien, sondern auch in die Bierzelte. Bei solchen Auftritten wirkte van der Bellen dann nicht gerade fehl am Platz, aber vielleicht ein wenig gezwungen.

BildJubel bei der Wahlparty der österreichischen Grünen: Alexander van Bellen (Mitte) freut sich, links neben ihm steht seine Ehefrau Doris Schmidauer. (Foto: Ailura, CC BY-SA 3.0 AT/Wikimedia Commons)

Dem ruhigen Grünen stand der laute, allerdings auch eloquente Rechtspopulist Norbert Hofer gegenüber. Und trotz dessen, was seine politischen Gegner gern als einen Mangel an Volksnähe ausschlachten, hat van der Bellen im Dezember die Mehrheit der wählenden Österreicher überzeugt. Am Donnerstagmorgen wurde er vereidigt und ist nun Österreichs Bundespräsident – und damit das erste Staatsoberhaupt aus der grünen Partei.

Der Eindruck des nachdenklichen Intellektuellen kommt bei van der Bellen nicht von ungefähr. Lange Jahre war der Volkswirt Universitätsprofessor, erst an der Uni Innsbruck, später an der Uni Wien. Nach eigenen Angaben war er in den Siebzigerjahren bei den Freimaurern aktiv. In die Politik kam der heute 73-Jährige erst im Alter von 50 Jahren. 1994 zog er, der als junger Erwachsener noch in der Sozialdemokratischen Partei Österreichs gewesen war, für die Grünen in den Nationalrat ein – und blieb dort durchgängig bis 2012. Trotz dieser Verpflichtung trat er 2010 mit dem Wahlslogan "Go Professor go!" bei der Landtags- und Gemeinderatswahl in Wien an. Zwar hatte er Erfolg, lehnte das Mandat aber zunächst ab, um dann zwei Jahre später doch zu wechseln.

Rechte will van der Bellen nicht regieren lassen

Dem linken Flügel seiner Partei gehört van der Bellen nicht gerade an, er ist liberal. In Deutschland würde man vielleicht sagen: Typ Kretschmann. Grün mit breiter bürgerlicher Unterstützung. Seine Ablehnung des Freihandelsabkommens TTIP hat er aufgegeben und befürwortet es jetzt. Er ist allerdings auch strikt gegen rechts: Während des Wahlkampfs kündigte er mehrfach an, die rechtspopulistische FPÖ – der sein Kontrahent Hofer angehört – nicht mit der Regierungsbildung zu beauftragen, selbst wenn diese nach einer Wahl stimmenstärkste Partei wäre.

Das könnte er als Bundespräsident tatsächlich tun. Das Amt ist deutlich einflussreicher als in Deutschland. Sein Inhaber kann Gesetze blockieren, das Parlament auflösen und vor allem den Kanzler ernennen oder entlassen.

Van der Bellen war quasi mit allen Gegenpositionen zu Hofers Ansichten in den Wahlkampf gezogen. Cannabis sieht er nicht als Droge an, die Europäische Union sähe er gern als "Vereinigte Staaten Europas", den Umgang mit Flüchtlingen wünscht er sich humanistischer und ohne Obergrenze.

Die persönliche Fluchtgeschichte

Das hängt auch mit seiner eigenen Biografie zusammen, vermuten viele. Van der Bellen selbst wurde zwar in Wien geboren – seine Eltern waren 1941 allerdings aus dem besetzten Estland geflohen, die Familie des Vater vor 1919 schon aus Russland vor den Bolschewiki.

In Sachen Klimawandel unterscheiden sich die Positionen ebenso grundlegend, auch wenn das im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt hat. Hofer hat in der Vergangenheit wie viele seiner Parteifreunde den menschengemachten Klimawandel geleugnet. Ohnehin hat Österreich beim Einsparen von Treibhausgasen einiges nachzuholen. Im aktuellen Klimaschutz-Index der Umweltschutzorganisation Germanwatch und des Climate Action Network Europe (CAN) landete das deutsche Nachbarland auf Platz 41 von 61 Rängen.

BildAlexander van der Bellen: Österreich hat mit ihm erstmals einen grünen Bundespräsidenten. (Foto: Die Grünen – Die Grüne Alternative/Wikimedia Commons)

Persönlich zu nehmen scheint van der Bellen politische Auseinandersetzungen nicht. Beispiel Heinz-Christian Strache, Chef der FPÖ: Regieren würde van der Bellen ihn nicht lassen – wenn sich die beiden politischen Kontrahenten irgendwo gezwungenermaßen treffen, gibt der eine dem anderen wenn nötig aber schon einmal eine Zigarette aus. Das hat van der Bellen zumindest in einem Interview erzählt. Herr Professor ist nämlich nicht nur passionierter Wissenschaftler und Politiker – sondern auch leidenschaftlicher Raucher.

[Erklärung]  
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