Obama erteilt Trump Klima-Lehrstunde

Im Wissenschaftsmagazin Science erklärt der scheidende US-Präsident, warum die Energiewende unumkehrbar sei und sich der Klimaschutz für die USA rechne. Unterstützung bekommt er von über 600 Unternehmen und Investoren, die Trump auffordern, das Pariser Klimaabkommen zu unterstützen.

Von Benjamin von Brackel

Leonardo Di Caprio hat es versucht. Ebenso Nobelpreisträger und Umweltaktivist Al Gore. Beide haben Donald Trump die Vorzüge einer ambitionierten Energie- und Klimapolitik dargelegt. Der kommende US-Präsident hat sich alles in luftiger Höhe über New York in seinem Trump Tower angehört – und in den Tagen und Wochen danach sein Kabinett mit Klimaleugnern und Veteranen der fossilen Energiewirtschaft besetzt. Jetzt gibt es einen neuen Versuch, Trump eines Besseren zu belehren, und zwar von höchster Stelle durch den scheidenden Präsidenten Barack Obama.

BildDie Energiewende sei nicht mehr aufzuhalten, schreibt Obama im Fachblatt "Science" an Trump gewandt. (Foto: Lawrence Jackson/​whitehouse.gov)

Im Wissenschaftsmagazin Science erklärt dieser unter dem Titel "Das unumkehrbare Momentum der sauberen Energien", warum die Energiewende in den USA, aber auch der ganzen Welt, nicht mehr aufzuhalten sei. Seit Langem sei der Wissenschaft klar, dass die Dringlichkeit zum Klimaschutz real sei und nicht ignoriert werden könne. "Das sollte keine Frage der Parteizugehörigkeit sein", schreibt Obama. "Es ist ein gutes Geschäft und gutes Wirtschaften, eine technologische Revolution anzuführen und Markttrends zu bestimmen."

Auf drei Seiten erklärt Obama Trump nicht nur den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Hintergrund des Klimawandels und der Energiewende, er entwirft mehr oder weniger ein Handbuch für den nächsten Präsidenten, der in der Vergangenheit eklatante Wissenslücken über den Klimawandel und die Zusammenhänge des US-Energiesystems offenbart hatte.

Trump könne sich dem großen Trend nicht entziehen, sondern nur durch geschicktes Handeln davon profitieren, schreibt Obama. "Die sich häufenden wissenschaftlichen und ökonomischen Beweise machen mich zuversichtlich, dass die Entwicklung in Richtung der sauberen Energien, der während meiner Präsidentschaft begonnen hat, sich fortsetzen wird und dass die wirtschaftlichen Chancen für unser Land, diesen Trend zu nutzen, nur weiter zunehmen werden."

Trump hatte mehrfach angekündigt, die Kohleindustrie zu "retten" und Umweltvorgaben zu kappen, die besonders in der fossilen Industrie Arbeitsplätze kosten würden. Klimaschutz sieht der Republikaner als Belastung für die Wirtschaft.

Obama entkräftet diese Sichtweise Punkt für Punkt. In den vergangenen Jahren hätten sich das Wirtschaftswachstum und die Reduktion der Klimagase entkoppelt. Während etwa zwischen 2008 und 2015 die Emissionen im Energiesektor um knappe zehn Prozent gesunken seien, sei die Wirtschaft um mehr als zehn Prozent gewachsen. Auch weltweit gebe es diesen Trend seit 2015. Das sei ein Novum. "Diese Entkopplung der Emissionen im Energiesektor und des Wirtschaftswachstums sollte das Argument begraben, dass man mit dem Kampf gegen den Klimawandel auch ein niedrigeres Wachstum oder einen niedrigeren Lebensstandard akzeptieren muss."

Auf der anderen Seite werde eine Wirtschaftsstrategie, die den Klimaschutz ignoriert, zu gewaltigen Kosten in der Zukunft führen – Hunderte Milliarden Dollar jährlich. Die Investitionen, um Emissionen zu senken, seien "bescheiden im Vergleich zum Nutzen durch die Vermeidung von Klimawandel-Schäden", schreibt Obama.

Ähnlich äußerte sich auch US-Außenminister John Kerry am Montag in einer Rede im Massachusetts Institute of Technology. "Wenn man die wahren Kosten berechnet, ist Kohle weder billig noch vernünftig", sagte er. Auf lange Sicht sei die kohlenstoffintensive Energie eine der kostspieligsten und törichtsten Investitionen, die man tätigen könnte. "Das sind tatsächliche Kosten", erklärte Kerry. "Und jeder, der Kohle verbrennt, sollte sich diese Berechnungen in sein Hirn einbrennen."

Kerry erklärte aber auch, dass es "mächtige Kräfte" gebe, die daran arbeiten würden, den Status quo aufrechtzuerhalten. "Wir bekommen Widerstand von einer seltsamen Mischung aus Leugnern und Menschen, die durch das heutige Paradigma viel Geld verdienen."

Allerdings glaubt US-Präsident Obama nicht, dass es nun eine Renaissance der Kohle geben wird. Denn die könne mit dem billigeren Gas einfach nicht mithalten – und in zunehmendem Maße auch nicht mit den Ökoenergien, deren Kosten purzeln würden. Im Jahr 2015 hätten sie doppelt so viele Investitionen auf sich gezogen wie fossile Energien. Schon heute sei Wind- und Solarstrom in manchen Teilen des Landes billiger als der Strom aus neuen Kohlekraftwerken.

Erst Anfang Januar war ein Bericht des Weltwirtschaftsforums zu dem Schluss gekommen, dass in mehr als 30 Ländern der Strom aus Wind- und Solaranlagen genauso günstig oder billiger ist als Strom aus neuen konventionellen Energieanlagen. Die Erneuerbaren hätten 2016 einen "Wendepunkt" erreicht: Der Kampf gegen den Klimawandel sei nun ein profitables Geschäftsmodell für Energieunternehmen.

600 Unternehmen: Trump soll Klimavertrag unterstützen

In zunehmendem Maße würden Unternehmen und Konsumenten von Ökoenergien und Energieeffizienz finanziell profitieren, erklärt Obama. Das zeigten Beispiele wie der Autobauer General Motors, der den Energieverbrauch seiner Werke um ein Fünftel senken will. Auch das Arbeitsplatz-Argument lässt Obama nicht gelten: Wind- und Solarfirmen würden in den USA heute 360.000 Menschen Jobs geben – in den Kohlekraftwerken samt der Zulieferung seien hingegen nur 160.000 Menschen beschäftigt.

Am heutigen Dienstag forderten über 600 US-Unternehmen und Investoren in einem offenen Brief an Trump, Obama und den Kongress, das Pariser Klimaabkommen zu unterstützen und die Investition in klimafreundliche Wirtschaftssysteme zu fördern. Die Gruppe repräsentiert einen Umsatz von etwa 1,2 Billionen Dollar. Mit der Erklärung wird die Gruppe der 360 Unternehmen deutlich erweitert, die sich schon im vergangenen November in einem Brief hinter das Klimaabkommen gestellt haben. Zu den Unternehmen gehört Unilever, Levi Strauss und Hewlett Packard.

Obama: Trump kann es ja auch anders machen

Trump spielt mit dem Gedanken, aus dem Klimavertrag auszusteigen. Darauf erwidert Obama in seinem Science-Beitrag: "Würden die Vereinigten Staaten aus [dem Abkommen] austreten, würden sie ihren Sitz am Tisch verlieren, an dem sie andere Länder zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen anhalten, Transparenz verlangen und zu stärkeren Anstrengungen ermutigen können."

Bild"Mächtige Kräfte" arbeiten daran, die Energiewende aufzuhalten, glaubt US-Außenminister John Kerry. (Foto: Jane Campbell/​Wikimedia Commons)

Das bedeute nicht, dass Trump die gleiche Politik betreiben müsse wie er, so Obama. Das Paris-Abkommen gebe den einzelnen Ländern genügend Flexibilität. Jeder Präsident sei in der Lage, seinen eigenen politischen Kurs zu bestimmen. "Und der gewählte Präsident Donald Trump wird die Möglichkeit dazu haben", schreibt Obama am Ende des Textes und nennt damit seinen Widersacher nur dieses eine Mal beim Namen, um mit den Worten abzuschließen: Die Wissenschaft werde ihm als hilfreicher Wegweiser dienen.

[Erklärung]  
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