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Deutschlands narrativer Auftrag

In ihrem Gutachten zum deutschen G20-Vorsitz geht es den wissenschaftlichen Regierungsberatern um den Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber natürlich auch um die Rettung des Planeten. Die Wissenschaftler wenden sich aber auch gegen den Nationalpopulismus, den sie weltweit im Aufstreben sehen.

Aus Berlin Susanne Schwarz

Es gab einmal eine Zeit, da war alles in Ordnung. Da schmeckten die Brötchen noch gut, Kinder spielten Gummihopse statt Playstation, Hausfrauen trugen Röcke wie Zelte mit sauberen Schürzen drüber.

BildDonald Trump im Wahlkampf in West Virginia: Der künftige US-Präsident vertritt nationalpopulistische Standpunkte – und ist nebenbei gegen Klimaschutz. (Foto: Screenshot/AFP/Youtube)

"Viele sehnen sich heute offenbar in die Sechziger Jahre zurück, als 'America' noch 'great' war und die Sowjetunion auch", sagt Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen, kurz WBGU. Nicht ungefährlich, aber immerhin eine stabile Weltordnung, beherrscht von vermeintlich ekannten Größen.

Jetzt, so befürchtet der Klimawissenschaftler, fühlen sich viele Menschen weltweit abgehängt, unfair behandelt, von gebrochenen Versprechen der Globalisierung enttäuscht. Sie suchten einfache Antworten und seien anfällig für Nationalpopulismus. Symptome seien die US-Präsidentschaftswahl sowie der Brexit.

Dem soll die Bundesregierung etwas entgegensetzen, während Deutschland die Präsidentschaft der G20 innehat, der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer – was seit dem 1. Dezember für ein Jahr der Fall ist. Wenn es nach Schellnhuber und seinem WBGU geht, dann soll das ausgerechnet eines der komplexesten Themen der Zeit sein: Klimaschutz.

In seinem neuen Gutachten empfiehlt der WBGU den G20-Staaten, ihre Führungsrolle im Kampf gegen den Klimawandel wahrzunehmen: Sie produzieren schließlich rund 80 Prozent des globalen Sozialprodukts – aber eben auch den gleichen Anteil der klimaschädlichen Treibhausgas-Emissionen. Der Clou: "Nachhaltigkeit geht nicht ohne Gerechtigkeit, wenn auch nicht jede ökologisch motivierte Politik gerecht ist", sagt Schellnhuber.

Eine neue Erzählung

Es geht also um ein neues Narrativ, das Deutschland vor den anderen Industriestaaten vertreten soll: Klimaschutz nicht als Verzichtsmaßnahme, sondern als Modernisierungsprojekt, und zwar sowohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Sinn.

Außerdem könne, argumentiert der Beirat im Gutachten, der Klimaschutz auch als Friedensprojekt gelten. Einerseits verhindere man vom Klimawandel verstärkte Krisen, andererseits schaffe erfolgreiche internationale Zusammenarbeit bei so einer Menschheitsaufgabe gegenseitiges Vertrauen unter den Staaten.

Um nicht im Abstrakten zu bleiben, hat der WBGU schon mal empfohlen, was die 20 Industrieländer im kommenden Jahr in Angriff nehmen sollten. Die G20 sollen etwa die Dekarbonisierung bis 2050 als gemeinsames Ziel festhalten und genug Geld für die Energiewende und für Forschung bereitstellen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte den Klimaschutz bereits Anfang Dezember als wichtiges Thema des kommenden G20-Jahres genannt.

Eva Bulling-Schröter, klimapolitische Sprecherin der Linksfraktion, befürchtet allerdings, der deutsche G20-Vorsitz könne "im drohenden Stillstand des kommenden Wahlkampfes für die Bundestagswahlen Ende 2017 untergehen". Auch dürfe man sich nicht hinter Donald Trumps Anti-Klimaschutz-Politik verstecken. Zuerst einmal müsse Deutschland ein Vorbild sein. "Mit der G20-Präsidentschaft hat die Bundesregierung die politische und moralische Verpflichtung, brennende Fragen wie Kohleausstieg, das Ende direkter und indirekter fossiler Subventionen und die Finanzierung der globalen Energiewende nicht nur ganz oben auf die Agenda zu setzen, es muss auch geliefert werden", sagt Bulling-Schröter.

Klimafinanzierung über die Erbschaftssteuer

"Es ist richtig, dass die deutsche G20-Präsidentschaft Themen wie Klimaschutz, die Umsetzung der UN-Ziele zur nachhaltigen Entwicklung und Verantwortung in globalen Lieferketten prominent auf die Agenda setzt", sagt auch Christoph Bals, Geschäftsführer von Germanwatch. "Diese Schlagwörter müssen aber jetzt mit konkreten Schritten untermauert werden."

Einen konkreten Schritt, den der WBGU vorschlägt, wird es allerdings so bald nicht geben: Das Geld für den gerechten Klimaschutz soll den Beratern zufolge unter anderem aus einer neuen Form der Erbschaftssteuer kommen. "Das ist derzeit in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehrheitsfähig", wendet Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein. Überhaupt habe das Wort "Wandel" an Glanz verloren, so Hendricks. "Viele Menschen haben Angst vor dem Wandel."

BildHans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung will ein neues Klimaschutz-Narrativ. (Foto: PIK)

Sich davor verstecken, das funktioniert Schellnhuber zufolge aber nicht. "Die Transformation kommt in jedem Fall", sagt er. "Es ist wie in dem Sprichwort: Glaub nicht, dass nichts passiert, wenn nichts passiert." Entweder die Welt werde gewissermaßen vom Klimawandel und seinen Folgen transformiert, warnt der Klimaforscher, "oder aber sie entschließt sich, die Transformation selbst zu gestalten".

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