Die Energiewende wird zum Selbstläufer

BildDer Klimagipfel in Marrakesch hat ein hoffnungsvolles Zeichen gesetzt: Die überwiegende Mehrheit der Staaten will sich nicht von dem Kurs abbringen lassen, der mit dem Paris-Abkommen eingeschlagen wurde. Selbst ein Querschläger wie Trump kann die globale Energiewende nicht mehr aufhalten. Das liegt vor allem an dem weltweiten Boom der Erneuerbaren.

Eine Analyse von Joachim Wille

In Marrakesch hat ein Klima-Gipfel stattgefunden, bereits der 22. seiner Art. Doch es war kein normaler Klima-Gipfel, wie alle noch zu Beginn dieser UN-Konferenz erwartet hatten. Es war ein Trump-Gipfel. Das muss man leider konstatieren.

BildMarrakesch sollte eigentlich nur die Bedienungsanleitung für Paris liefern. Nach den US-Wahlen kam es anders. (Foto: Benjamin von Brackel)

Die Folgen davon sind noch nicht endgültig klar. Die knapp zwei Wochen in der marokkanischen Königsstadt reichten nicht aus, um den Schock zu verdauen, dass künftig ein bekennender Klimaskeptiker die Weltmacht und Nummer zwei der globalen Treibhaus-Einheizer regieren wird. Die Verhandler changierten zwischen zwei Extremen: Depression wegen des unerwarteten amerikanischen Rollbacks und Selbstsuggestion nach dem Motto "Jetzt erst recht". Und dem Rest der Welt ging es genauso.

Eigentlich sollte Marrakesch eine eher nüchterne "Arbeitskonferenz" werden. Ziel war es, quasi die "Bedienungsanleitung" für das Paris-Abkommen zu entwerfen.

Paris ist der Meilenstein in der Klimadiplomatie, weil sich erstmals alle Staaten der Welt auf das Erwärmungslimit von 1,5 bis zwei Grad festgelegt und zu entsprechenden CO2-Reduktionsschritten verpflichtet haben. Für seine Umsetzung fehlen jedoch die Werkzeuge, sprich Paragrafen, Überprüfungsregeln und Nachschärfungsinstrumente für die noch unzureichenden Ziele der Regierungen. Auch ausreichende Zusagen der Industriestaaten zur Finanzierung von Klimaschutz und Klimaanpassung in den Entwicklungsländern stehen noch aus.

Das Ziel von Marrakesch war, über diese nicht spektakulären, aber wichtigen Fragen dank des Rückendwinds aus Paris konstruktiv zu verhandeln – und ein großes Stück voranzukommen. Doch als am Mittwoch voriger Woche das Ergebnis der US-Präsidentenwahl bekannt wurde, schien das plötzlich zweitrangig.

Ein Ausstieg der USA wäre nicht das Ende

Kein Wunder: Trump hat sich in den letzten Jahren und im Wahlkampf als Gottseibeiuns aller ernsthaften Klimaschützer produziert. Er twitterte Sottisen zum Thema, etwa die, der menschengemachte Treibhauseffekt sei "von Chinesen erfunden", um der US-Wirtschaft zu schaden. Er markierte den fossilen Superman, der den Niedergang der Kohle eigenhändig stoppt. Und dann drohte er mit der diplomatischen Kernschmelze, nämlich dem Ausstieg aus dem Paris-Vertrag samt der milliardenschweren UN-Klimafinanzierung.

Angeblich erwägt Trump derzeit sogar, die USA ganz aus der Weltklimakonvention herauszulösen, die 1992 auf dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro beschlossen wurde und die die Basis für den Paris-Vertrag ist. Das Paris-Abkommen kann Trump nämlich nicht so einfach in die Tonne treten, wie er es gerne tun würde.

Die schnelle Ratifizierung auch durch die USA machte es möglich, dass Paris just vier Tage vor der US-Präsidentenwahl in Kraft trat. Ein Austritt wäre nach den Regularien des Vertrages erst nach einer Vier-Jahres-Frist wirksam. Trump ist sauer über den Trick seines Vorgängers Obama, der das Abkommen noch schnell durchbrachte. Ob er nun aber zum härtesten Mittel greift, dem "Rio-GAU", war zumindest bis zu diesem Wochenende unklar.

Noch vor wenigen Jahren hätte solch ein Trump-Durchmarsch höchstwahrscheinlich das Ende der UN-Klimadiplomatie bedeutet. Er hätte den fragilen Versuch topediert, das Debakel des Kopenhagen-Gipfels von 2009 zu heilen. Damals war der erste Versuch, ein globales Klimaprotokoll zu schmieden, kläglich gescheitert. Die UN-Klimakonferenzen wären unter Trumps Attacken in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Jetzt, nach Paris, ist das immerhin anders. Marrakesch hat gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Staaten sich vom in Paris eingeschlagenen Kurs nicht abbringen lässt.

Ob Europa die Chance nutzen kann, ist noch unklar

Eine Hoffnung ruht darauf, dass die zuletzt von den Obama-USA und China gebildete Achse der Paris-Retter durch eine neue Vorreiter-Koalition aus China und der EU ersetzt werden kann. Umweltschützer fordern natürlich, dass die EU als Klimachampion a. D. zu alter Form zurückfindet und mit der Regierung in Peking eine neue Allianz schmiedet.

Auch Bundesumweltministerin Hendricks (SPD) sieht es so. "Wir als Europäer müssen den engen Schulterschluss mit China finden", sagte sie in Marrakesch. Doch das wird nur funktionieren, wenn die EU ihre zu schwachen 2030er Ziele für CO2-Reduktion, erneuerbare Energien und Energieeffizienz spürbar anhebt, wogegen sich Länder wie Polen sperren.

Und auch Ex-Klimaweltmeister Deutschland ist gefragt nachzusteuern. Hendricks ist zwar in Marrakesch mit ihrem zuhause hoch umstrittenen "Klimaschutzplan 2050" gut angekommen. Doch das ändert nichts daran, dass Deutschland sein CO2-Ziel für 2020 verfehlen wird und kein klares Konzept für den notwendigen Kohleausstieg hat. Solange das so ist, wird es mit der neuen China-EU-Achse schwierig.

Weniger vom Wunschdenken inspiriert ist die zweite große Hoffnung, nämlich die, dass die globale Energiewende zum Selbstläufer wird, die auch kein Trump-Querschläger mehr aufhalten kann. Öko-Energie ist inzwischen, anders als noch zu Zeiten des Kopenhagen-Flops, in vielen Ländern bereits billiger als fossile Energie.

Der Zubau bei den Erneuerbaren boomt so stark, wie es vor wenigen Jahren niemand erwartet hatte. Selbst die Internationale Energie-Agentur IEA, die früher ein Champion der fossilen Energiewelt war, hat just in dieser Woche ihre Prognosen für die sauberen Energien drastisch nach oben korrigiert und hält zumindest das Zwei-Grad-Ziel noch für erreichbar.

BildInzwischen stehen die Chancen gar nicht mehr so schlecht, dass die Menschheit doch den Notausgang aus der Klimakrise findet. (Foto: Benjamin von Brackel)

Wer weiß, vielleicht beeindruckt das sogar Donald Trump. Er ist bereits in anderen politischen Feldern von seinen drastischen Wahlkampf-Ankündigungen abgerückt. Warum nicht auch beim Klimaschutz?

Der Moment, ab dem man mit erneuerbaren Energien mehr Geld verdienen kann als mit anderen, ist nicht mehr fern. Dann dürfte Trump sein Geschwätz von gestern selbst nicht mehr interessieren.

 

Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko
finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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