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USA: Minus 80 Prozent bis 2050

Ein Mantra der Wirtschaft an Klimakonferenzen wie in Marrakesch ist die Forderung nach Investitionssicherheit durch langfristige Rahmenbedingungen. Ein Mittel dafür sind Klimaschutzpläne, die bis 2050 reichen. Nun haben auch die USA einen vorgelegt. Die Treibhausgasemissionen sollen um 80 Prozent sinken, ein Kohleausstieg ist nicht vorgesehen.

Aus Marrakesch Christian Mihatsch und Susanne Schwarz

Der Saal war brechend voll. Viele Teilnehmer der Klimakonferenz in Marrakesch wollten noch einmal den scheidenden US-Außenminister John Kerry hören, um sich zu vergewissern, dass eine bessere Welt möglich ist. Doch neben erhebender Rhetorik hatte Kerry auch eine Warnung in petto: "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite."

BildUS-Außenminister Kerry appellierte bei der Vorstellung des US-Klimaschutzplans an die Führer der Welt, sich für den Klimaschutz zu engagieren. (Foto: Jane Campbell/​Wikimedia Commons)

Parallel zu Kerrys Rede haben die Vereinigten Staaten ihren Klimaplan bis zum Jahr 2050 publiziert. Er strebt eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 80 Prozent gegenüber 2005 an. Zum Vergleich: Deutschland, das einzige andere Land mit einem derartigen Plan, strebt bis 2050 eine Emissionsreduktion von 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 an.

Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth begrüßte in Marrakesch, dass auch die USA eine erste Klimaschutzstrategie präsentierten. "Dies zeigt, dass es im US-Interesse liegt, eine aktive Klimaschutzpolitik zu betreiben und damit ihre Wirtschaft zu modernisieren", betonte Flasbarth.

Der US-Plan stützt sich auf drei Säulen: Stromerzeugung, Energieeffizienz und CO2-Senken wie Wälder. Im Richtszenario wird bei der Stromerzeugung ein Mix von 55 Prozent aus erneuerbaren Energien, 17 Prozent Atomstrom und 20 Prozent Kohlestrom mit CCS angestrebt, also mit CO2-Abscheidung und anschließender Verpressung im Boden. Ein Ausstieg aus der Kohleverstromung ist also nicht vorgesehen. "Im Vergleich zu Deutschland ist dies nicht allzu ambitioniert", sagt Reimund Schwarze vom Umweltforschungszentrum Leipzig, der die Verhandlungen beobachtet.

Die zweite Säule ist die Energieeffizienz. Hier streben die USA eine Verringerung des Primärenergieverbrauchs um 20 Prozent bis zum Jahr 2050 an. Zum Vergleich: Die EU plant im Zeitraum 1990 bis 2020, eine Verbesserung der Energieeffizienz von 20 Prozent.

Wälder und Böden sollen den größten Beitrag leisten

Die entscheidende Säule für das Erreichen der 80-Prozent-Reduktion ist die Ertüchtigung der CO2-Senken. Die USA wollen knapp die Hälfte der angestrebten Reduktion erzielen, indem ihre Wälder und Böden mehr CO2 aufnehmen. Für dieses Ziel gibt es im deutschen Klimaplan kein Gegenstück. Da Deutschland sehr viel dichter besiedelt ist als die USA, ist das Potenzial von Senken aber auch sehr viel kleiner.

Mit dem US-Plan liegen nun von zwei Ländern langfristige Klimapläne vor, die zeigen sollen, wie die erforderliche Reduktion der Treibhausgase bis zur Mitte des Jahrhunderts möglich ist. Die Ausarbeitung derartiger Pläne ist eine der Aufgaben, die das Paris-Abkommen den Ländern aufgibt.

Weder der deutsche Plan noch dessen US-Pendant sind verbindlich: "Der Plan hat keinerlei Verbindlichkeit, solange er nicht in konkrete Maßnahmen umgesetzt wird", sagt Niklas Höhne vom New Climate Institute in Potsdam. Auf den Klimaschutz in den USA muss sich das Ganze also nicht auswirken. Höhne kann dem Plan dennoch Positives abgewinnen. "Für die internationale Bühne ist er ein gutes Signal, selbst wenn er von der neuen Regierung nicht umgesetzt wird", sagt er. Andere Länder könnten sich daran orientieren, denn es gibt keine Regeln, wie so ein Dokument aussehen muss. "Insofern hat der Plan wohl richtungsweisende Bedeutung – man muss sich nur genau angucken, was drinsteht."

Dass die Regierung von Donald Trump sich nicht an den US-Klimaplan gebunden fühlen wird, weiß Außenminister Kerry auch. Deshalb appelliert er – ohne Namen zu nennen – an die Führer der Welt: "Niemand hat das Recht, ohne gründliche Prüfung Entscheidungen zu treffen, von denen Milliarden Menschen betroffen sind."

BildDas Kohlekraftwerk Belle River im US-Bundesstaat Michigan: Ein Kohleausstieg ist im US-Klimaplan nicht vorgesehen. (Foto: Tom Grabmeyer/Flickr)

Sollte sich die zukünftige US-Regierung dennoch vom Kampf gegen den Klimawandel abwenden, müssten sich alle anderen Menschen umso mehr anstrengen, sagt Kerry und zitiert Winston Churchill: "Es ist sinnlos zu sagen: Wir tun unser Bestes. Es muss dir gelingen, das zu tun, was erforderlich ist." Was das bedeutet, ist für Kerry klar: "Wir müssen diesen Kampf fortsetzen."


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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