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Der große Dollar-Durst

Nach zwei warmen Jahren leiden 400 Millionen Menschen weltweit unter den Folgen von Dürren. Der Bedarf an Hilfen zur Anpassung an das veränderte Klima und zur Entschädigung von Verlusten ist so groß wie nie zuvor. Doch eine systematische Unterstützung durch die Klimagemeinschaft wird dauern. 

Aus Marrakesch Susanne Götze

Vom Gelände der UN-Klimakonferenz in Marrakesch sieht man die Silhouette des Hohen Atlas am Horizont. Seit einigen Tagen sind die Gebirgsspitzen schneebedeckt. Auf 2.000 Metern Höhe liegt dort abgeschieden das marokkanische Dorf Tadmamt. Dort weiß man wenig vom geschäftigen Treiben der Diplomaten, die aus aller Welt gekommen sind, um den Klimawandel aufzuhalten.

BildKünftig stärker von Dürren bedroht: Tadmamt, ein Dorf an den Ausläufern des Atlas-Gebirges in Marokko. (Foto: Götze)

Die Familie von Bauer Brahm Id Abdeslam lebt seit Jahrzehnten in den Bergen und baut Kartoffeln und Gemüse an. Sein kleines Haus ist an einem Hang gebaut, dahinter liegen Garten, Hühnerstall und Olivenbäume. "Wir haben hier seit Jahren zu wenig Wasser", klagt er. "Es regnet zu wenig und schneit im Winter kaum."

Id Abdeslam erzählt von früher, als die Winter hier in den Bergen noch lang und schneereich waren. Auch dieses Jahr hat er wieder nur eine magere Ernte einfahren können. Da bleibt weniger zum Verkauf und damit auch kein Geld für zusätzliche Ausgaben übrig.

Von den Klimaverhandlungen, die 60 Kilometer weiter stattfinden, hat der Bauer gehört. Er hofft, dass sich bald etwas ändert, denn wenn es noch wärmer wird, ziehen immer mehr Menschen in die Städte und die Alten bleiben zurück.

Ein Drittel der globalen Landfläche von Austrocknung betroffen

Wegen der Dürre haben in Marokko in diesem Jahr über 170.000 Bauern ihre Arbeit verloren. Und das nordafrikanische Land ist keine Ausnahme. Die vergangenen zwei Jahre waren weltweit die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. 400 Millionen Menschen waren von Dürren und extremer Trockenheit betroffen, rechnet der in dieser Woche auf der UN-Klimakonferenz vorgestellte Bericht "Hotter Planet, Humanitarian Crisis" der Entwicklungsorganisation Action Aid vor.

"Die Folgen des Klimawandels führen schon heute zu Leid und Elend: Menschen verlieren ihre Existenz, leiden Hunger und Frauen sind gezwungen, mit Sexarbeit ihre Familie zu ernähren", sagte die Studienautorin Teresa Anderson

Die fatale Kombination aus dem Wetterphänomen El Niño und den steigenden Temperaturen ließ ganze Landstiche vertrocknen: Laut dem Bericht sind davon bis jetzt insgesamt 30 Prozent der globalen Landfläche betroffen. In Honduras sind in einigen Regionen 60 Prozent der Maisernten komplett ausgefallen.

Honduras ist laut dem Klima-Risiko-Index der Umweltorganisation Germanwatch auch das in den letzten 20 Jahren am stärksten vom Klimawandel betroffene Land. Aber auch in afrikanischen Ländern wie Malawi und Simbabwe ging die Erzeugung des Grundnahrungsmittels Mais um mindestens ein Drittel zurück, außerdem reduzierte sich der Tierbestand dramatisch und sorgte für enorme wirtschaftliche Einbußen bei den Landwirten.

Klimaforscher prophezeien, dass diese Probleme bald zur Regel werden könnten. Der Handlungsdruck ist entsprechend hoch. Kleinbauern zahlen einen hohen Preis für das unberechenbare Wetter und Entwicklungsländer werden wirtschaftlich zurückgeworfen. Die Klimadiplomaten verhandeln deshalb schon seit Jahren über eine Lösung für die Anpassung an Wetterextreme, aber auch für die Entschädigung von Verlusten. Auch in Marrakesch versuchen Entwicklungsländer und Nichtregierungsorganisationen, die Hilfen endlich zu institutionalisieren und Industrieländer auf feste Summen festzulegen.

Anpassung an den Klimawandel: Viel Bedarf, wenig Geld

Zuerst geht es dabei um den Anpassungsfonds, den es bereits seit 2008 gibt und der vor allem Gelder an kleine Projekte ausschüttet, beispielsweise für eine effiziente Bewässerung oder hitzebeständiges Saatgut. Für den Süden Marokkos legte der Fonds bereits ein Hilfsprogramm für Oasen auf.

Doch der Topf ist nur spärlich gefüllt: Ein leitender Fondsverwalter erklärte in den laufenden Verhandlungen in Marrakesch, dass der Fonds besonders unter dem schwachen CO2-Markt leide. Vorgesehen war, einen bestimmten Anteil von verkauften CDM-Zertifikaten – also Gelder aus Kompensationsprojekten von Industrie- in Entwicklungsländern – in den Fonds zu geben. Weil aber die Preise dieser Papiere im Keller sind, herrscht nun auch Ebbe bei den Anpassungshilfen.

Nichtregierungsorganisationen und betroffene Länder beklagen eine Finanzlücke von 80 Millionen Euro und fordern deshalb zusätzliche Gelder. Mehr Geld hatten die Industrieländer mit dem Paris-Vertrag und dem Versprechen zugesichert, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Euro für Klimahilfen bereitzustellen.

Geberländer mehr an Projekten zur Emissionssenkung interessiert

Doch nun schwelt der Streit, wie viel von diesem Geld für "Mitigation" – die Senkung der Emissionen beispielsweise durch erneuerbarer Energien – und wie viel für Anpassung an den Klimawandel ausgegeben wird. Entwicklungsländer fordern eine 50-zu-50-Regelung. Die Geberländer wollen deutlich mehr in die Senkung von Emissionen investieren, weil es letztendlich auch ihnen nützt, wenn im Süden weniger CO2 in die Atmosphäre geblasen wird und sie im besten Fall auch noch die Technologie dafür liefern können.

Doch Anpassung hilft den Menschen vor Ort – "Bekämpfung von Fluchtursachen", heißt das dann aus anderer Sicht im Politiksprech. "Jeder Dollar, der in die Vorsorge fließt, spart am Ende mehrere Dollar, die eine Schadensbeseitigung kostet, und schützt die Menschen vor Umsiedlung und Flucht", erklärt Sven Harmeling von der Hilfsorganisation Care.

Doch es gibt noch ein technisches Problem: Formal läuft der Anpassungs-Fonds unter dem Dach des noch bis 2020 geltenden Kyoto-Protokolls. Das haben jedoch einige große "Player" wie die USA nicht unterschrieben. Entwicklungsländer fordern in den Klimaverhandlungen nun, den Fonds unter das neue Paris-Abkommen zu holen. Länder wie die USA wehren das bisher ab, da sie den Fonds nicht mitgegründet haben. Aus Verhandlungskreisen heißt es jedoch, dass diese "Formalie" wohl spätestens 2018 geklärt sein werde und dass die USA hier vor allem aus taktischen Gründen blockieren.

Die Frage ist auch, was unter Klimaanpassung fallen soll und was nicht. Länder wie Bolivien und Ecuador versuchen in Marrakesch vor allem über die Art und Weise der Anpassung zu diskutieren. Denn unter diesem Label laufen in der Landwirtschaft Lösungen großer Konzerne wie Gentechnik genauso wie traditionelle Anbaumethoden von Kleinbauern und indigenen Völkern. Die südamerikanischen Länder fordern, vor allem auf die Erfahrungen naturnaher und ökologischer Alternativen zu setzen.

Auch nicht alle Bauprojekte, die als Klimaanpassung deklariert werden, seien auch wirklich dazu da, gegen Klimaschäden vorzusorgen, betont Care-Klimaexperte Harmeling. "Eine Brücke oder ein Damm kann auch ohnehin geplant worden und nicht 'zusätzlich' sein."

Wer zahlt die Ernteausfälle?

Noch emotionaler verläuft in Marrakesch die Debatte um die Verluste und Schäden durch Wetterextreme wie Dürren und darum, wie es mit dem sogenannten "Loss and Damage"-Mechanismus zum Umgang mit diesen Schäden weitergeht. Womit sollen Menschen im Süden, wie Bauer Id Abdeslam im Dorf Tadmamt, "entschädigt" werden, wenn die Temperaturen derart steigen, dass es kaum noch Wasser gibt und weder Kartoffeln noch Gemüse wachsen?

Verantwortlich dafür zeichnen die historischen Großemittenten, die Industrieländer – das haben diese im Paris-Vertrag auch formal anerkannt. So hilft Deutschland beim Aufbau von Klimaversicherungen, die im Schadensfall schnell eingreifen sollen. Beim G7-Treffen vergangenes Jahr im bayerischen Elmau hatte die Bundesregierung eine Klimaversicherungs-Initiative gestartet und 150 Millionen Euro Startkapital bereitgestellt, um afrikanischen Ländern bei der Einrichtung zu helfen.

Über eigene Finanzen verfügt der Loss-and-Damage-Mechanismus aber nicht. Bisher tauscht man sich nur aus. In Marrakesch wird über den Arbeitsplan des dahinterstehenden Warschau-Mechanismus für die nächsten fünf Jahre entschieden. Die Entwicklungsländer wollen das nutzen und konkrete Vorschläge für diesen noch unfertigen Mechanismus einreichen: "Manche Länder dringen darauf, genau festzuhalten, wer von den Inselstaaten schon heute wie viel Land verliert und welche Schäden entstehen", erklärt Sven Harmeling.

BildWer zahlt, wenn wegen dem Klimawandel ganze Dörfer veröden? Im Dorf Tadmamt haben die Bauern Angst vor einem Exodus in die Städte. (Foto: Susanne Götze)

Die Industriestaaten hingegen wollen das Thema möglichst schnell abschließen, auch aus der Angst heraus, mit weiteren Forderungen konfrontiert zu werden. Bei einem Ernteausfall bleiben Bauern wie im marokkanischen Dorf Tadmamt deshalb erstmal auf sich allein gestellt. Ob sich die großen Emittenten jemals auf eine "Entschädigung" für die Milliarden Tonnen CO2 einlassen, die sie in den letzten 200 Jahren in die Atmosphäre gepustet haben, ist fraglich.

Hoffen können die armen Länder aber dank des Pariser Klimavertrages vor allem auf die Hilfe zur Selbsthilfe und höhere Entwicklungsmittel.


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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