Anzeige

"Es geht um kluges Bauen"

BildDer Bausektor muss zur Kreislaufwirtschaft finden, fordert die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker. Wohnen und Stadtentwicklung müssen sozial und ökologisch neu gedacht werden.

Messari-Becker ist Professorin an der Universität Siegen und seit 2016 Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung für Umweltfragen. Sie vertritt dort Bauingenieurwesen und nachhaltige Stadtentwicklung.

klimaretter.info: Frau Messari-Becker, was kann man als Bauingenieurin für die Umwelt tun?

Lamia Messari-Becker: Einiges: vom schonenden Umgang mit den Ressourcen Fläche, Material und Energie über erneuerbare Energieversorgung, abfallminimierte Konstruktionen, vorausschauende Raumentwicklung und eine Balance zwischen grüner und bebauter Fläche bis hin zu integrierten Nachhaltigkeitskonzepten. Die gebaute Umwelt bestimmt die Qualität der Lebensräume mit. Als Bauingenieurin fühle ich mich einer umweltbewussten und identitätsstiftenden Baukultur verpflichtet und bringe mein Wissen in die Planung und Umsetzung von Projekten und in die Politikberatung ein.

Welchen Anteil hat der Sektor Bauen an den Klima- und Umweltproblemen?

Bauen steht weltweit für etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs und des Ausstoßes klimaschädlicher Gase, 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs, 50 Prozent des Abfallaufkommens und sogar 70 Prozent des Flächenverbrauchs. Daraus resultieren eine große Bedeutung und freilich auch eine besondere Verantwortung.

Was genau ist für Sie "ökologisch wohnen"?

Diese Umschreibung ist zu eng. Es geht beim Wohnen um das Zuhause und um soziokulturelle Aspekte. Stichworte sind flächeneffiziente und durchdachte Grundrisse, schadstofffreie Baustoffe, energieeffiziente und wartungsarme Gebäudehülle und -technik. Die infrastrukturelle Einbindung ist ebenfalls wichtig. Sonst kommt es zu mehr Individualverkehr und damit nur zur Verschiebung des Energieverbrauchs. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sieht die Bilanz schlagartig anders aus. Am Ende identifizieren sich Menschen nur dann mit ihrem Umfeld, wenn es lebenswert ist.

Ökologisch bauen ist schön, aber teuer.

Ja und nein. Es kommt auf die Betrachtungsgrenze an. Bauwerke haben ja einen Lebenszyklus, vom Rohstoffabbau über Herstellung, Betrieb bis zum Abbruch. So kann Mehraufwand bei Dämmung und Technik niedrige Energiekosten im Betrieb sichern, aber je nach Lebensdauer der Bauteile die Öko-Bilanz und die Wirtschaftlichkeit verschieben. Fakt ist: In den letzten 15 Jahren sind die Kosten der Gebäudetechnik um etwa 45 Prozent gestiegen.

Geht das auch anders?

Es muss! Hoch energieeffizienter Neubau hat teils technische Grenzen. Ab einer bestimmten Wärmedämmstärke wird die Befestigung schwierig. In wenigen Jahren könnten aber neue, leistungsfähigere Materialien mit gleicher Dicke mehr erreichen. Eine Pause der Verschärfung von Vorschriften täte hier gut.

Aber dann käme man ja bei den Klimaschutzzielen nicht weiter?

Doch. Die Neubaurate beträgt nur drei Prozent. Die Herausforderung ist der Bestand mit 90 Prozent des CO-Ausstoßes im Gebäudebereich. Energetische Sanierungen sind nicht per se wirtschaftlich und rechtlich nicht durchsetzbar. Wir brauchen daher auch Lösungen auf Cluster- und Stadtquartiersebene.

Sollten die energiesparsamen oder sogar Plus-Energie-Häuser, die mehr Energie produzieren, als sie benötigen, Standard werden? Kritiker warnen vor dem "Dämm-Wahn".

Pilotprojekte zeigen, dass diese Standards auch im Bestand möglich sind. Gelingt es uns als die Ingenieurnation, diese Standards auch in die Breite zu bringen, sie finanziell für die Menschen tragbar zu gestalten? Das ist hier die zentrale Frage.

Bauen ist extrem ressourcenintensiv. Wie könnte man den Verbrauch von Sand, Kies, Stahl et cetera senken? Was halten Sie von einer Ressourcen-Steuer?

Klar ist: Der Bausektor muss zu einer ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft finden. Das ist eine ökologische Notwendigkeit und ökonomische Vernunft. Ob eine Ressourcensteuer das Richtige ist, kann ich noch nicht abschließend beurteilen. Wir sollten aber bestehende Potenziale nutzen, zum Beispiel Recycling.

Konkrete Beispiele?

Die erste Richtlinie zum Einsatz von Beton mit rezykliertem Zuschlag stammt aus Deutschland. Warum bleibt sein Einsatz pilothaft? Die Zulassungsverfahren für die Betriebe und somit die breitflächige Lieferung sind erschwert. Kommt der Transport zur Bilanz hinzu, bleibt vom ökologischen und ökonomischen Mehrwert wenig übrig. Den Sandverbrauch kann man durch alternative Baustoffe, Glasrecycling und strengere Abbauregulierung senken. Auch Bauschutt, der größte Deponieanteil, ist zu reduzieren.

Wie soll das gehen?

Wir müssen einen möglichst sortenreinen Rückbau ermöglichen, zum Beispiel durch Bauteile mit reversiblen Verbindungen. Eine technische Aufgabe, die uns angesichts des internationalen Bedarfs als Exportnation stärken kann.

Klingt nach Gebäuden, die man leicht wieder auseinandernehmen kann?

Das macht die Automobilindustrie seit Jahren erfolgreich vor. Es geht um kluges Bauen.

Wie sehen Sie als Bauexpertin die Architektur und Stadtplanung von Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main? Welche Fehler wurden begangen, was lief gut?

Positiv im internationalen Vergleich: Deutsche Städte haben eine hohe Qualität in Sachen Versorgung, Infrastruktur, Bildungs- und Kulturangebote. Natürlich gab es auch Fehlentwicklungen. Sozial nicht durchmischte Wohngebiete entwickelten sich zu Sozialbrennpunkten. Büroviertel werden abends und am Wochenende zu "toten" Quartieren. Auch in Sinne der Infrastruktureffizienz muss man sie durch andere Nutzungen beleben.

BildMenschen identifizieren sich nur dann mit ihrem Umfeld, wenn es lebenswert ist, sagt Lamia Messari-Becker. (Foto: Verena Kern; Porträtfoto Lamia Messari-Becker: SRU)

Im Rausch des Wachstums entstanden auch Gebiete, die ästhetisch gesehen eine kurze Halbwertszeit haben. Zu viel Versiegelung führt zu Hitzeinseln, ein Gesundheitsrisiko. Aber aus Fehlern kann man lernen und sie im Zuge des Wandels korrigieren.

Bedarf es also einer gründlichen Transformation in den Städten?

Ja, absolut. Es ist keine einfache Aufgabe, wenn nicht die Aufgabe unserer Zeit.

Wie kann sie gelingen?

Die Transformation betrifft alle Lebensbereiche und geht mit Veränderungen einher, die die Menschen auch emotional ansprechen. Ihr Gelingen verlangt nach intensivem Dialog in der Gesellschaft, ressortübergreifender Haltung in der Politik und neuen Strukturen bei der Umsetzung. Es verlangt nach der Einsicht, dass unser Wohlstand nur dann aufrechtzuerhalten ist, wenn wir innerhalb der ökologischen Belastungsgrenzen agieren.

Wie kann man verschmutzte, graue und laute Städte zu einer ökologischen Transformation führen?

Luftverschmutzung hat unter anderem mit Verkehr zu tun. Integrierte Mobilitätskonzepte, die neben Geschwindigkeitsbegrenzungen und Plaketten auch Carsharing und E-Mobilität aufnehmen, würden helfen. Der innerstädtische Lärm wird nebenbei gemindert. Sozial benachteiligte Quartiere sind oft verwahrlost, weil Menschen mit ihnen mehr Frust als Identität verbinden. Eine breit aufgefasste Integration ist daher dringender denn je. Für mehr grüne Flächen lohnt es, in "Flächenqualität" zu denken.

Wo fängt man da an?

Da gibt es kein Rezept. Einige Metropolen gehen teils dazu über, Grundstücke zurückzukaufen, um bestimmten Entwicklungen im Bereich Wohnen, Verkehr oder Umwelt entgegenzuwirken und Gestaltungsräume zu gewinnen. Dazu müssen wir die Kommunen stärken. Auch wäre eine Reform des Baurechts hilfreich, um dem Wandel gerecht zu werden.

Nachverdichten hieße aber mehr Flächenverbrauch und weniger Grün?

Nicht unbedingt. Aufstockungen kosten uns keine grünen Flächen. Bereits bebaute Flächen werden nur besser und effizienter genutzt.

In vielen Städten herrscht Wohnungsnot: Sind die sozialen Probleme nicht drängender als ökologische Baumaterialien?

Wir brauchen beides: Einerseits Umwelt- und Klimaschutz und andererseits bezahlbaren Wohnraum als Grundlage einer gesunden sozialen Entwicklung und Teilhabe. Als Ingenieurnation müssen wir darauf auch technisch reagieren, etwa durch kostengünstigen Systembau.

Ein zentrales Problem ist, dass wir immer mehr Wohnfläche beanspruchen – auch wegen des Trends zum Single-Wohnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es 15 Quadratmeter pro Kopf, heute sind es 45.

Und das macht paradoxerweise aus Energieeffizienzbemühungen fast ein Nullsummenspiel.

Braucht es neue Wohnformen, um das zu ändern?

Städte könnten Ziele formulieren, gepaart mit neuen Wohnmischungen und Wohnformen, und auch den sozialen Wohnungsbau stärken. Ein Blick ins Ausland: Die Niederländer wohnen auf weniger Fläche pro Person, nicht schlechter, sondern durchdachter und effizienter.

Interview: Susanne Götze und Joachim Wille

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen