"Das wird ein afrikanischer Klimagipfel"

Noch fünf Tage bis zur Klimakonferenz in Marokko. Die afrikanischen Länder treten mit einer gemeinsamen Gipfelstrategie an und werden auf eine bessere Finanzierung für die Klimaanpassung und den Schadensausgleich dringen, sagt Professor Reimund Schwarze. Der Klimaexperte ist überzeugt, dass sich die Frage des Kohleausstiegs bald ökonomisch klären wird.

BildSchwarze ist Professor für Internationale Umweltökonomie an der Frankfurter Viadrina, Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und Berater von klimaretter.info.

klimaretter.info: Herr Professor, das Inkrafttreten des Paris-Abkommens nach nicht mal einem Jahr ist ungewöhnlich für ein so umfangreiches völkerrechtlich verbindliches Abkommen. Wie bewerten Sie das Tempo?

Reimund Schwarze: Für das Kyoto-Protokoll brauchte die internationale Staatengemeinschaft immerhin acht Jahre. Die Ratifikation in einem Jahr ist nicht nur ein Zeichen der Zustimmung zum Abkommen, sondern insgesamt ein Signal für die Einigungsbereitschaft der Länder. Sie gibt den Verhandlungen in Marrakesch einen ganz anderen Schwung.

Gibt es überhaupt noch Länder, die nicht mitziehen?

Bislang hat nur etwa die Hälfte aller Staaten, 87 von 191, ratifiziert – oder zumindest erklärt, das in diesem Jahr noch zu tun. Selbst große Länder wie Russland und Großbritannien haben das Abkommen noch nicht durch ihre Parlamente abgesegnet. Ich erwarte aber, dass nahezu alle Länder diesen Schritt noch in diesem Jahr tun werden. Denn unterschrieben haben die Staatenvertreter im April in New York ja schon.

Ausgenommen sind natürlich Länder wie Syrien oder Irak, die im Kriegszustand sind. Es ist schon heute ein Erfolg, dass die Klimaverhandlungen bisher nicht für andere Zwecke instrumentalisiert wurden.

In Marokko wollen die Verhandler darüber diskutieren, wie das Klimaabkommen erfüllt werden soll. Was werden die großen Themen sein?

Eine entscheidende Frage ist, wie die nationalen Klimaziele angehoben werden. Die Verhandler müssen sich auf Prozesse und Modalitäten einigen. Das Problem: Erst 2023 wird das zentrale Instrument der globalen Bestandsaufnahme dieser nationalen Beiträge wirksam, also erst dann müssen die Länder neue, verschärfte Klimaziele vorlegen. Ich bezweifle, dass die aktuelle Dynamik aus der schnellen Ratifikation bis dahin anhält.

Worüber wird noch gesprochen?

Es geht auch darum, die Marktmechanismen im Paris-Abkommen auszugestalten. Da gibt es noch Widersprüche, vor allem was die Kompensation von Emissionen angeht.

Wir haben das jetzt auch bei der Luftfahrt gesehen: Die internationalen Luftfahrtorganisationen können ihre Emissionen dadurch kompensieren, dass sie zum Beispiel Baumpflanzungen in andern Ländern finanzieren. Aber ist das, wie im Paris-Vertrag gefordert, langfristig ein Schritt in Richtung "höchstmöglicher Anstrengungen"? Ich habe da Zweifel.

Sind in Marrakesch schon konkrete Ergebnisse zu erwarten?

Die Wenigsten haben damit gerechnet, dass das Paris-Abkommen so schnell in Kraft tritt. Entsprechend kurz ist nun die Vorbereitungszeit, um die Streitfragen im Paris-Abkommen zu klären. Ich erwarte deshalb, dass die Verhandler in Marokko viele wichtige Fragen vertagen.

Wo erwarten Sie die größten Auseinandersetzungen?

Beim Thema "Schäden und Verluste" durch den Klimawandel. Aber auch bei der Anpassung. Hier erheben die afrikanischen Länder beträchtliche Finanzforderungen an die Industrieländer. Noch immer fließen nur etwa 20 Prozent der Finanzmittel aus dem Grünen Klimafonds in die Klimaanpassung und fast achtzig Prozent in den Klimaschutz. Nun geht es darum, auf der Grundlage der Festlegungen von Paris ein neues, ausgewogeneres Verhältnis zu erreichen.

Wie kommt es zu diesem Missverhältnis?

Auf der Hand liegt das Argument, dass sich die Geberländer des Nordens mit der Förderung von Klimaschutz in den Entwicklungsländern der eigenen Verantwortung entziehen wollen. Eine Rolle spielt aber auch, dass Klimaschutz im Kyoto-Protokoll ganz grundlegend eine politische Vorzugsposition innehatte. Lange Zeit war die Klimaanpassung auch für die Industrieländer eher ein Tabu und deshalb nur ein Randbereich in ihrer Förderpolitik für die Entwicklungsländer.

Ist auch ein Grund, dass sich einfach mehr Geld mit dem Aufbau von erneuerbaren Energien verdienen lässt?

Ich glaube, dass ist in der gegenwärtigen Lage sogar der wichtigere Grund. Die Förderung von Klimaschutz bedeutet Investitionen in Technik und Infrastrukturen. Hier können Private, etwa Anlagenbauer, mitverdienen, sodass öffentliche Mittel zusätzliches privates Kapitel in Bewegung setzen. Man nennt das den Hebeleffekt.

Wenn dieser Effekt bei der Mittelvergabe hoch gewichtet wird, was gegenwärtig der Fall ist, dann bevorteilt das den Klimaschutz. Denn Klimaanpassung ist im Kern "Hilfe zur Selbsthilfe" im Krisenfall, beispielsweise die Stärkung von Nachbarschaftsnetzwerken oder Mikro-Versicherungen etwa für Ertragsausfälle bei Trockenheit. Die haben nur einen geringen Hebeleffekt.

Welche Bedeutung hat es, dass die Klimakonferenz auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet?

Das ist eine "afrikanische" Klimakonferenz, nicht nur weil sie in Afrika stattfindet, sondern weil eine Verhandlungsgruppe von über 50 afrikanischen Ländern unter der Schirmherrschaft von Marokko eine gemeinsame Gipfelstrategie ausgearbeitet hat.

Vorrangig geht es darum, die Industrieländer auf ihre Zusage von etwa zehn Milliarden US-Dollar für erneuerbare Energien festzunageln. Deutschland ist daran mit rund drei Milliarden beteiligt, steht also besonders im Rampenlicht.

Der eigentliche Erfolg des Paris-Abkommens liegt in der völkerrechtlichen Verankerung des 1,5-Grad-Ziels. Brauchen wir da nicht viel stärkere Vorgaben im Paris-Abkommen, um bis 2050 zu einer weitreichenden Treibhausgasneutralität zu kommen?

Vorgaben zum Klimaschutz wie im Kyoto-Protokoll gibt es im Paris-Vertrag nicht mehr. Jetzt sind die Länder selbst gefordert, aber auch die Städte, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft.

Die Kurve der freiwilligen Zusagen von nichtstaatlichen Akteuren zeigt eindeutig nach oben: Seit dem Abkommen von Lima im Jahr 2014 wurden über 11.000 solcher Selbstverpflichtungen registriert. Allein in den vergangenen zwei Monaten sind 1.000 hinzugekommen– und auch nach Marrakesch werden die Zahlen weiter ansteigen.

BildSolaranlage in Afrika: Geberländer fördern lieber Klimaschutz als Anpassung, weil dadurch auch privates Kapital in Bewegung gesetzt wird. (Foto: Teresa Cotrim/Pixabay)

Sehen wir aber nicht gerade an der deutschen Debatte um den Klimaschutzplan 2050, dass viele kneifen, wenn es um freiwillige Mehrleistungen geht, Beispiel Kohleausstieg?

Das sehe ich nicht so. Der Klimaschutzplan 2050 ist eine konsequente Umsetzung des Bottom-up-Prinzips des Paris-Abkommens. Er ist als Gesellschaftsprojekt angelegt, räumt also vor allem der Wirtschaft, den Städten und den Bürgern großen Raum ein, um am Klimaschutz mitzuwirken und ihn zu gestalten. Da gibt es naturgemäß am Anfang lautes Palaver und zahlreiche Aushandlungsprozesse. Es braucht etwas Zeit, um hier zu Lösungen zu kommen.

Der Plan wurde von den Ministerien und vom Kanzleramt entkernt. Etwa der Begriff Kohleausstieg steht nun gar nicht mehr drin.

Aber die Signale in der Wirtschaft und Finanzwelt weisen heute eindeutig weg von der Kohle und hin zu einem massiven Ausbau der Ökoenergien. Am Ende wird das ökonomisch geklärt: Wenn sich die Investitionen in fossile Brennstoffe wegen des zunehmenden Risikos auch dann nicht mehr lohnen, wenn der Preis wie jetzt beim Erdöl unten ist, dann werden fossile Brennstoffe ökonomisch ersetzt.

Die Frage ist, ob das auch schnell genug passieren wird, Stichwort 1,5-Grad-Ziel.

Nüchtern betrachtet, ist das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr erreichbar, egal wie engagiert die Anstrengungen in Deutschland jetzt und bis 2050 auch immer sein mögen. Das liegt nicht nur daran, dass der Anteil Deutschlands an den Weltemissionen so klein ist, sondern an der internationalen Beschlusslage in den Klimaverhandlungen.

Nach Berechnungen des Weltklimarats ist das für die Welt verbleibende Emissionsbudget zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels schon im Zeitraum zwischen 2020 und 2025 aufgebraucht, also bevor die angestrebten zusätzlichen Minderungsanstrengungen aus den Pariser Beschlüssen wirksam werden. Die Anpassung an globale Temperaturänderungs-Szenarien jenseits des Zwei-Grad-Ziels steht deshalb auch nach dem Paris-Abkommen weiter auf der Tagesordnung.

Sie werden als Beobachter auf der Klimakonferenz sein. Mit welchen Erwartungen fliegen Sie nach Marrakesch?

Marokko wird uns nur wenig inhaltlich weiterbringen. Es ist trotzdem ein wichtiger Zwischenschritt für die Prozesse zur Erfüllung des Paris-Abkommens.Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem, dass die Industrieländer den Anpassungsfonds deutlich aufstocken, um den Entwicklungsländern ein Signal zu geben, dass sie nun auch zügig ratifizieren.

Interview: Benjamin von Brackel


Alle Beiträge zur COP 21 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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