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Luftfahrtbranche verschiebt Klimaschutz

Die Länder der Welt haben sich darauf geeinigt, dass die CO2-Emissionen aus dem Flugverkehr ab 2020 nicht weiter ansteigen sollen. Sie sollen auf hohem Niveau verharren. Anfangs ist die Teilnahme für die Länder aber noch freiwillig, erst ab 2027 ist das Abkommen Pflicht. Unklar ist auch, wo die zusätzlichen Emissionen kompensiert werden dürfen.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

"Der Luftverkehr kann jetzt seinen 'Paris-Moment' behaupten", sagte Olumuyiwa Benard Aliu, der Chef der UN-Sonderorganisation für Zivilluftfahrt ICAO. Diese hat am Donnerstag Abend einen Mechanismus beschlossen, mit dem die CO2-Emissionen des Luftverkehrs auf dem Niveau von 2020 gedeckelt werden sollen. Emissionen, die darüber hinaus gehen, müssen die Fluggesellschaften kompensieren, indem sie in Klimaschutzprojekte investieren.

BildDie Politik guckt zu: Die Emissionen aus der Luftfahrt werden künftig noch steigen. (Foto: Schulze von Glaßer)

Damit wird eine Lücke im Pariser Weltklimavertrag geschlossen, der weder die Emissionen aus der Luft- noch aus der Schifffahrt abdeckt. Dies ist nicht zuletzt ein Erfolg der EU, denn erst nachdem diese die Emissionen aus dem Luftverkehr in ihr Emissionshandelssystem aufgenommen hatte, sah sich die ICAO genötigt, selbst etwas zu tun.

EU-Kommissarin Violeta Bulc lobte das Abkommen: Es "öffnet ein neues Kapitel des Luftverkehrs, wo Nachhaltigkeit endlich Teil unserer Art des Fliegens wird. Allerdings bedeutet dies nicht 'Mission erfüllt'". Der Luftverkehr verursacht derzeit rund 500 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, rund zwei Prozent der globalen Emissionen.

Das Abkommen gilt für die Jahre 2021 bis 2035. In den ersten sechs Jahren ist die Teilnahme für die Länder allerdings freiwillig. Mehr als 60 Länder, darunter die EU, die USA und China, haben aber angekündigt von Anfang an dabei zu sein. Damit sind in den ersten Jahren rund zwei Drittel des erwarteten Zuwachses an Emissionen abgedeckt.

Umweltverbände: Zu spät, zu zahm

Dies wird von Umweltverbänden kritisiert: "Das Verschieben des Beginns der obligatorischen Maßnahmen auf das Jahr 2027 untergräbt das ab 2020 versprochene Ziel eines kohlenstoffneutralen Wachstums", schreiben sechs deutsche Umweltorganisationen in einem gemeinsamen Positionspapier.

Die Umweltorganisationen kritisieren auch, dass mit dem Abkommen die Emissionen der Branche nicht reduziert, sondern nur eingefroren werden. Brad Schallert von der Umweltorganisation WWF sagte: "Als langfristiger Ansatz wird das nicht funktionieren, aber zum Glück haben wir die Überprüfungsperioden." Alle drei Jahre soll geprüft werden, ob der Mechanismus funktioniert und die Luftfahrt genügend zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt. Bei dieser Gelegenheit könnte dann eine Verschärfung beschlossen werden.

Wie gut das Abkommen funktionieren wird, hängt auch davon ab, welche "Kompensationszertifikate" die Fluglinien zum Ausgleich ihrer Emissionen kaufen dürfen. Solche Zertifikate werden von Klimaschutzprojekten "produziert" wie etwa dem Klärwerk der marokkanischen Stadt Marrakesch. Dort wird Biogas gewonnen, das anschließend zur Stromerzeugung eingesetzt wird. Damit können pro Jahr Emissionen im Gegenwert von 32.000 Tonnen CO2 vermieden werden.

Angst vor einem "Grünwaschen" der Branche

Das Stockholm Environment Institute SEI schätzt, dass die Fluglinien in den Jahren 2020 bis 2035 insgesamt Zertifikate für 3,3 bis 4,5 Milliarden Tonnen CO2 benötigen werden. Gleichzeitig erwartet das SEI ein Angebot von Zertifikaten "höchster Qualität" im Gegenwert von drei Milliarden Tonnen. Welche Zertifikate die Fluglinien nutzen dürfen, ist aber noch nicht entschieden. Eine Möglichkeit, das Zertifikateangebot auszudehnen, ist das Einbeziehen von Aufforstungsprojekten, den sogenannten REDD-Projekten.

Doch das ist hoch umstritten. Eine Koalition aus Entwicklungs- und Hilfsorganisationen fordert: Das Abkommen "muss REDD-Projekte ausschließen". Die Organisationen befürchten ein "Grünwaschen" der Branche: "Kompensationen reduzieren die Emissionen nicht, sondern verschieben sie nur von einem Sektor zu einem anderen. Im besten Fall ist es ein Nullsummenspiel."

BildDie Luftfahrtbranche will ihre Emissionen ab 2020 einfrieren, wie sie "klimaneutral" werden kann, darüber hat die ICAO nicht nachgedacht. (Foto: Verena Kern)

Die Kosten werden sich für die Fluglinien in Grenzen halten: Die ICAO schätzt, dass die Fluglinien im Jahr 2035 knapp 24 Milliarden Dollar für Zertifikate ausgeben werden – 1,8 Prozent ihres Umsatzes. Der Preis eines Kurzstreckenflugs erhöht sich dadurch um rund einen Dollar.

[Erklärung]  
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