"Der CO₂-arme Weg ist irreversibel"

Auf dem UN-Klimagipfel in Marokko will das Gastgeberland einen Schwerpunkt auf die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel legen, sagt der marokkanische Botschafter in Deutschland, Omar Zniber im klimaretter.info-Interview. Er kündigt außerdem an, bald Erneuerbaren-Strom nach Europa zu liefern und lobt die deutsche Klimadiplomatie.

BildOmar Zniber, Marokkos Botschafter in Berlin. (Foto: Sophie Paris/CTBTO/Wikimedia Commons)

klimaretter.info: Herr Zniber, in nur zehn Monaten hat es die Weltgemeinschaft tatsächlich geschafft, den UN-Klimavertrag zu ratifizieren. Die erste Klimakonferenz nach dem Pariser Erfolg beginnt also unter guten Vorzeichen. Mit welchen Erwartungen empfängt Marokko die 195 Staaten Anfang November?

Omar Zniber: Wir müssen es in Marrakesch schaffen, die Beschlüsse von Paris nun umzusetzen – darin besteht die Herausforderung. Der Pariser Weltklimavertrag ist verbindlich: Für jene Länder, die unterzeichnet und nun zu großen Teilen ratifiziert haben, ist der Vertrag juristisch bindend. Aber es handelt sich auch um ein moralisches Engagement. Denn die Folgen des Klimawandels sind schon heute zerstörerisch. Sie haben massive Auswirkungen auf die Sicherheit und das Alltagsleben der Menschen. Die ökologischen Schäden sind oftmals irreversibel. Unsere Verantwortung als marokkanischer Staat ist, dieses Engagement der Länder zu unterstützen.

Welchen Eindruck haben Sie einen Monat vor Beginn der UN-Klimakonferenz: Ist man auch hinter den Kulissen hoch motiviert?

Die Zeichen stehen sehr gut. Länder wie die USA, China oder Indien haben den Vertrag nun wirklich ratifiziert. Damit sind die größten Treibhausgas-Emittenten im Boot. Das ist ein großer Erfolg. Oft dauert es Jahre, bis solche komplexen internationalen Abkommen ratifiziert sind. Dagegen hat der Klimavertrag einen neuen Rekord geschafft.

Was genau passiert in Marrakesch?

In Marrakesch wird es mehrere Gipfel gleichzeitig geben: Es treffen sich die Staats- und Regierungschefs, die Zivilgesellschaft und das allererste Mal, seit es Klimakonferenzen gibt, findet auch ein Treffen der Privatwirtschaft statt.

Es sind eine Menge Themen auf dem Tisch: Was hat für die marokkanische Präsidentschaft Priorität?

Für uns geht es vor allem darum, die Forschungs- und Entwicklungszentren weltweit miteinander zu vernetzen. Zum Beispiel jene Akteure, die an der Entwicklung erneuerbarer Energien forschen. Aber auch Bildungsinitiativen müssen zusammenbracht werden. Wir müssen dafür sorgen, dass alle progressiven Kräfte kooperieren und sich über die besten Wege der Transformation austauschen. Nur so kann das, was sich die Länder mit dem Vertrag vorgenommen haben, auch erreicht werden. Wir müssen in Marrakesch eine Architektur der Transformation aufbauen. Unter anderem geht es darum, armen Ländern zu helfen sich an den Klimawandel anzupassen, aber auch ihre Entwicklung nachhaltig zu gestalten.

Wirkliche Ergebnisse wird es aber in Marrakesch nicht geben?

Es werden Aktionspläne beschlossen, um die dringendsten Probleme so schnell wie möglich anzupacken. Als afrikanisches Land will sich Marokko für die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel stark machen. Bis 2050 wird sich die landwirtschaftliche Produktion auf dem afrikanischen Kontinent verdreifachen. Dem gegenüber stehen enorme Probleme wie Wassermangel, Erosion, Verwüstung und eine Verarmung der Landbevölkerung. Die Ernährungssicherheit in Afrika ist durch die Folgen des Klimawandels massiv bedroht.

Der Aktionsplan soll finanzielle Mittel bereitstellen, aber auch klären, wo genau Hilfe nötig ist. Die Industrieländer haben im Paris-Vertrag genau dafür 100 Milliarden Euro jährlich zugesagt. Dieses Geld wird beispielsweise auch für Inselstaaten gebraucht, deren Existenz vom steigenden Meeresspiegel bedroht ist.

In welcher Rolle sehen Sie Deutschland?

Deutschland ist für uns ein wichtiger Vorreiter der Energiewende. Auch beim Umweltschutz kann die Welt viel von Deutschland lernen. Besonders bei der Müllverwertung, dem öffentlichen Nahverkehr oder beim Wassermanagement können die deutschen Erfahrungen für sehr nützlich sein. Herausragend ist die deutsche Rolle auch in der Klimadiplomatie: Ich sage das nicht, weil ich marokkanischer Botschafter in Deutschland bin! Aber bei den Verhandlungen ist Deutschland eines der aktivsten Länder. Für die deutsche Delegation in Marrakesch sind über 100 Vertreter angemeldet.

BildDie Energiewende bringt Marokko mehr sozialen Wohlstand, sagt Botschafter Zniber. (Foto: Schulze von Glaßer)

Und wir hoffen, dass auch Kanzlerin Angela Merkel uns mit ihrem Besuch beehrt. Denn sie kommt nicht nur als deutsche Regierungschefin und einer der wichtigsten europäischen Vertreter, sondern auch als Vorsitzende des nächsten G20-Gipfels, der nächstes Jahr in Hamburg stattfinden wird. Deutschland stellt nicht nur viel Geld für den globalen Klimaschutz zur Verfügung, sondern bringt auch die vielen Erfahrungen aus dem lokalen Bereich mit – zum Beispiel der Organisation von Klimaschutz in Städten.

Allerdings gerät die Europäische Union gerade durch ihre späte Ratifizierung eher ins Hintertreffen. Selbst Indien wirkte in den vergangenen Monaten sehr viel entschlossener.

Für die meisten politischen Akteure in der EU steht der Kampf gegen den Klimawandel ganz oben auf der Agenda. Europa ist vor allem bei der technologischen Entwicklung ein wichtiger Partner. Aber natürlich sitzt auch der Rest der Welt nicht da und dreht Däumchen.

Wenn man die Energiewende in Ihrem Land mit dem Stand in einigen europäischen Ländern vergleicht, ist Marokko weitaus fortschrittlicher.

Ja, das kann gut sein. Wir sind sehr ehrgeizig. Der Weg in eine CO2-arme Energieversorgung und Wirtschaftsweise ist irreversibel. Meine Regierung ist überzeugt, dass dies der einzige Weg in die Zukunft ist. Es geht nicht mehr nur um moralische Argumente, sondern die Energiewende ist ein Wachstumspfad, der auch zu mehr Beschäftigung führt und sozialen Wohlstand bringt.

In meinem Land wird derzeit viel investiert – und die Projekte gibt es nicht auf dem Papier. Wir werden noch in diesem Jahr eine Fabrik für Elektrobusse einweihen. Siemens baut seit diesem Jahr Windrad-Rotoren in Marokko – und zwar nicht nur für den marokkanischen Markt, sondern vor allem für den Export. Außerdem wollen wir unser Stromnetz mit Europa verbinden. Vor einigen Monaten haben wir das größte Solarkraftwerk der Welt in der marokkanischen Wüste eingeweiht.

Bisher importieren Sie aber noch Strom aus Spanien?

Ja, aber bald wollen wir in die EU Solar- und Windstrom exportieren.

Sie sind dabei, Europa zu überholen.

Nein, wir sind dabei, enger mit Europa zusammenzuarbeiten. Die EU ist kein Konkurrent für uns, sondern ein Partner.

Interview: Susanne Götze


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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