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Schellnhuber: Uns fehlt der Klima-Punch

Der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung fordert den unmittelbaren Kohleausstieg in der Bundesrepublik. Anderenfalls werde Deutschland auf internationaler Bühne nicht mehr ernstgenommen. Klare Worte zur enormen Lücke zwischen Paris-Vertrag und Energiepolitik sind nach wie vor selten.

Von Jörg Staude und Verena Kern

Einen unmittelbaren Kohleausstieg hat Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), gestern in Berlin auf der Konferenz "Energie & Klimaschutz" der Wochenzeitung Die Zeit und der Initiative Zukunft Erdgas gefordert.

BildDer PIK-Direktor verlangt "gesellschaftliche Veränderungen in Hochgeschwindigkeit". (Foto: Phil Dera/Die Zeit)

Deutschland sei, sagte Schellnhuber nach Angaben der Veranstalter, in einer sehr schizophrenen Situation. Das Land habe "sehr viel richtig gemacht, aber jetzt scheint es, als fehle uns nach Paris der Punch", schätzte der PIK-Chef ein. "Es muss der unmittelbare Kohleausstieg stattfinden, sonst werden wir auf der internationalen Bühne nicht ernstgenommen." Auch weitere Energie- und Klimaexperten riefen bei der Konferenz nachdrücklich dazu auf, unmittelbar Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen.

Schellnhuber begrüßte die Ergebnisse der Welt-Klimakonferenz als "Signal von Paris", wies aber darauf hin, dass die Beschlüsse nicht ehrgeizig genug seien. Auch bei 1,5 bis zwei Grad Erderwärmung seien gravierende Klimafolgen nicht ausgeschlossen. "Selbst mit Umsetzung der Klimaziele sind wir im Risikobereich", betonte er. Nun sei es notwendig, "mit Hochgeschwindigkeit gesellschaftliche Veränderungen" durchzusetzen, schon allein wegen der nachfolgenden Generation.

Schon auf dem Pariser Gipfel  selbst hatten Schellnhuber und weitere Spitzenforscher vor einer großen Lücke zwischen Zielen und Taten gewarnt. Offenbar sei nur Wenigen klar, was der Paris-Vertrag bedeute: Bis 2030 müssten die wohlhabenden Länder ihre Kohle- und Gaskraftwerke abschalten und ihren Treibhausgas-Ausstoß auf Null bringen.

An manchen Tagen verzweifelt

Bei der Konferenz in Berlin zeigte sich Schellnhuber, wie die Veranstalter mitteilten, auch persönlich betroffen. An manchen Tagen wache er auf und sei verzweifelt, an anderen Tagen glaube er, "wir schaffen das". Wirtschaftskraft, Intelligenz und Technologie seien heute vorhanden, um den Klimawandel zu bekämpfen. "Alles was wir dazu brauchen, ist der politische Wille."

Wie groß das Handlungsdefizit speziell in Deutschland ist, ist zwar in Fachkreisen bekannt, doch sprechen es Wissenschaftler und selbst Umweltorganisationen selten so klar aus. Im Juni hatte Volker Quaschning von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft eine Studie vorgestellt, die eine Kurskorrektur in der Energiepolitik der Bundesregierung anmahnt: Nur mit einem mehrfach beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren könne Deutschland seine Klimaziele erreichen.

Energieforscher widerspricht Staatssekretär: Volker Quaschning rechnet Rainer Baake vor, dass die Energiewende beim heutigen Tempo bis 2150 dauert. (Video: Volker Quaschning/Youtube)

Beim Bürgerenergie-Konvent im September in Berlin rechnete der Energieforscher dem zuständigen Staatssekretär Rainer Baake vor, dass die Energiewende beim jetzigen Tempo bis 2150 dauern werde. Seinen Vortrag beschloss Quaschning mit einem Appell an Baake: "Ich hoffe, dass Sie mit uns zusammen den Planeten retten!"

Der Beitrag wurde am 1. Oktober um 12 Uhr ergänzt

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