Polen setzt auf Offshore-Wind

Während die polnische Regierung den Ausbau der Windenergie an Land zu bremsen versucht, scheint sie gegenüber der Windkraft auf See aufgeschlossener. Der erste Offshore-Windpark in Polens Ostsee rückt näher. Es soll einer der größten Europas werden.

Aus Gliwice (Gleiwitz) Jan Opielka

Das Warschauer Energieunternehmen Polenergia will innerhalb der nächsten fünf Jahre den ersten Abschnitt eines großen Offshore-Windparks in der polnischen Ostsee errichten. Die Vorbereitungen laufen bereits seit 2010, Ende Juli erhielt Polenergia von der Regionaldirektion für Umweltschutz in Gdańsk (Danzig) die notwendigen Genehmigungen für den ersten der beiden Teile der Anlage, deren Abschnitte eine Kapazität von je 600 Megawatt haben sollen.

BildDen Ausbau der Windkraft an Land drosselt die polnische Regierung, aber auf See könnte es jetzt richtig losgehen. (Foto: RWE Innogy)

"Die Umwelt-Genehmigung ist ein Meilenstein in der Entwicklung dieser Projekte", sagte Polenergia-Chef Jacek Głowacki. Die Anlage mit einer anvisierten Gesamtnennleistung von 1.200 Megawatt wäre der erste Offshore-Windpark Polens und zugleich einer der größten Europas.

Endgültige Fertigstellung in zehn Jahren

Die Investitionssumme für das Gesamtprojekt, das unter dem Namen Bałtyk Środkowy III (Ostsee Mitte III) firmiert, beträgt umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro. Der Windpark soll 23 Kilometer vor der Küste auf Höhe der touristisch geprägten Kleinstadt Łeba entstehen.

Die Anlage wird auf einer Meeresfläche von rund 120 Quadratkilometern errichtet. Für spätestens 2019 rechnet das Unternehmen mit der Baugenehmigung für den ersten Teil der Anlage, zwei Jahre später soll dieser den Betrieb aufnehmen. 2026 soll der zweite Bauabschnitt ans Netz gehen. Der Investor rechnet mit einer Betriebsdauer der Anlagen von rund 25 Jahren.

Nach Erteilung der ersten Umweltgenehmigung für Polenergia tritt das vor allem im Norden des Landes als Energieproduzent und -lieferant tätige Unternehmen nun in die technische Vorbereitungsphase des ersten Teilabschnitts ein. Es geht um 120 Windturbinen mit je fünf Megawatt. "Die Umwelt-Auflagen erlauben uns den Bau von Turbinen mit einer Höhe von 275 Metern über dem Meeresspiegel, die Tiefe zum Meeresgrund beträgt weitere 20 Meter", erklärt Polenergia-Sprecher Robert Stankiewicz.

Die Umweltgenehmigung für den zweiten Bauabschnitt mit der gleichen Leistung erwartet das Unternehmen noch für das laufende Jahr.

EU-Klimaauflagen und Energieknappheit

Obwohl staatliche Konzerne Polens Energiemarkt dominieren, wird die Offshore-Investition mit Polenergia von einer Aktiengesellschaft mit Sitz in Luxemburg gestemmt, die ihrerseits mehrheitlich von der privaten Holding Kulczyk Investments gehalten wird. 70 bis 80 Prozent der Investitionssumme sollen dabei mit Bankkrediten finanziert werden, der Rest aus Eigenmitteln – und aus Subventionen des polnischen Staates.

Denn die nationalkonservative Regierung in Warschau hat zwar zuletzt ein Gesetz beschlossen, das den Bau von Windkraftanlagen an Land beschränkt. Auch Polenergia musste deswegen eigene Onshore-Windkraftprojekte auf Eis legen. Die Offshore-Windenergie betrifft die restriktive Politik jedoch nicht. In einem aktuellen Wirtschafts-Strategiepapier schreibt sich die Regierung vielmehr die "breitere Nutzung stabiler erneuerbarer Energiequellen" auf die Fahnen.

Da die Behörden unter starkem politischen Einfluss stehen, ist tatsächlich davon auszugehen, dass die jetzige Genehmigung nicht ohne Zustimmung aus der Warschauer Regierungszentrale erfolgte – nicht zuletzt wegen der EU-Klimaauflagen sowie der befürchteten Energieknappheit aufgrund der vielen maroden Kohlekraftwerke im Land.

BildWährend Polenergia Windprojekte an Land auf Eis legen muss, setzt das Unternehmen nun auf Meeres-Windparks. (Foto: Polenergia)

Polenergia hofft auf weiteres Wohlwollen aus Warschau. Wohl aber auch deshalb, weil man bei der Investition vor allem polnische Zulieferer zum Zuge kommen lassen will. Etwa 60 Prozent der Investitionssumme der ersten Bauphase sollen als Aufträge an polnische Unternehmen gehen. "Das wird ein Schwungrad für die polnische Wirtschaft", heißt es bei dem Investor. "Wir sprechen nicht von hunderten, sondern von tausenden neuen Arbeitsplätzen."

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