Anzeige

Gabriel, der Milliarden-Angstmacher

Wer mit dem Auto im Stau steht, flucht über zu viele Autos oder zu kleine Straßen. Wenn sich der Ökostrom in deutschen Stromnetzen staut, flucht die Politik wahlweise über zu viel Windkraft oder über zu wenig Leitungen, vor allem aber über die Milliarden, die das die Stromkunden kosten soll. Ein Lehrstück über den Umgang mit Zahlen.

Von Jörg Staude

Wir schreiben den 8. Juli 2016. Der Bundestag sitzt vor der Sommerpause letztmalig zusammen. Erster regulärer Punkt der Tagesordnung: Verabschiedung der neuen EEG-Novelle. Am Rednerpult: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Er spricht über eins seiner Lieblingsprobleme mit den Erneuerbaren: Dass es – leider – nicht genug Leitungen gibt, um den ganzen Ökostrom an die Kunden zu bringen und dieser deswegen – leider, leider – ziemlich teuer abgeregelt werden muss.

BildWenn der Windstrom nicht mehr ins Netz passt, muss er für teures Geld weggeworfen werden: Meint Sigmar Gabriel das ernst? (Foto: Crux/Wikimedia Commons)

Das ist einigermaßen absurd, was der Minister auch im Bundestag auskostet: "Am Ende zahlen wir dann den Strom doppelt, einmal beim Windmüller und, wenn der Strom nicht geliefert werden kann, noch einmal bei einem anderen Kraftwerk, damit wir keinen Blackout bekommen. Eine Milliarde Euro kostet uns das derzeit, sagen die Unternehmen. Nach ihren Angaben steigt die Summe auf vier Milliarden Euro, wenn wir nichts ändern."

Die Milliarden-Zahlen, die Gabriel den Abgeordneten hinwirft, sind keineswegs neu. Der Minister hat sie schon des Öfteren bemüht, wenn es darum ging, zu begründen, warum der Ausbau der Erneuerbaren doch – bitteschön – gebremst werden muss.

Woher kommen die Milliarden eigentlich? Dafür zeigt auch die von Gabriel mit den Zahlen gepiesackte grüne Bundestagsfraktion wachsendes Interesse. Eine Weile nach dem Minister tritt an jenem 8. Juli Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ans Rednerpult und stellt erst einmal klar, dass die eine Milliarde keineswegs nur aus den Kosten der abgeregelten Ökostrom-Anlagen, sondern "ganz erheblich auch aus den fossilen Kraftwerken" stammt.

Zum Hintergrund: Das Engpass-Management im Stromnetz bringt im Wesentlichen zwei wirklich große Kostenblöcke hervor. Der erste ist der sogenannte "Redispatch". Dabei müssen konventionelle – hierzulande also meist fossile – Kraftwerke, die vor oder nach einem Engpass im Stromnetz einspeisen, ihre Erzeugung drosseln, damit das Netz nicht überlastet wird. Für den entgangenen Stromabsatz gibt es eine Entschädigung.

Der zweite große Posten sind die Zahlungen an die Ökostrom-Betreiber, die wegen der Netzengpässe ihrerseits die Erzeugung herunterfahren müssen. Um das Verhältnis der beiden Blöcke zu illustrieren: 2014 kostete das Redispatch der konventionellen Kraftwerke 187 Millionen Euro und die Entschädigung für die Ökostromer rund 83 Millionen Euro.

Woher kommen die Milliarden-Angaben?

Im Vergleich zu 2014 ist der Gabrielsche Sprung auf vier Milliarden Euro jährlich fürs Engpassmanagement schon mächtig gewaltig. Über diese Summe, insistiert Anton Hofreiter im Bundestag, habe man von der Bundesnetzagentur Aufklärung verlangt und als Antwort von der Behörde bekommen: "Diese Zahl haben wir uns ausgedacht." Sagt jedenfalls Hofreiter.

Auch klimaretter.info hatte bei der Bundesnetzagentur nachgefragt, woher die Angabe von einer Milliarde fürs Jahr 2015 kommt. Antwort der Netzagentur: "Die Schätzung der Kosten für das Jahr 2015 beruht auf den an die Bundesnetzagentur gemeldeten, vorläufigen Daten der Netzbetreiber."

Ja, potz Blitz, die Milliarde ist also vorläufig geschätzt und noch gar nicht richtig geerdet. Dass die ganzen Kostenwarnungen auf wackligen Füßen stehen, war dem Wirtschaftsministerium offenbar schon vor Gabriels Rede vom 8. Juli klar geworden. Vielleicht hat auch die Netzagentur gegenüber dem vorgesetzten Ministerium mit dem Zaunpfahl gewinkt, dass sich plötzlich jede Menge Leute für eine bestimmte Angabe interessieren.

Und so zeigt sich der Wirtschaftsminister an jenem 8. Juli im Parlament gewappnet und zaubert eine ganz neue Zahl aus dem Ärmel. Vielleicht würden die Grünen, frohlockt Gabriel, einem der Bewegung näherstehenden Institut, dem Öko-Institut nämlich, eher glauben. Das sage nämlich voraus, "dass die Kosten auf 2,7 Milliarden Euro steigen, wenn wir nichts machen".

Und wo sagt das Öko-Institut nun so etwas? Auf Nachfrage gibt sich das Ministerium zugeknöpft: Der Minister habe Bezug auf eine Kurzanalyse "Netzengpassmanagement" genommen, die das Öko-Institut für das Land Baden-Württemberg vorgenommen habe. Danach würden die Kosten, führt die Behörde aus, für das Einspeisemanagement regenerativer Stromerzeugungsanlagen auf 2,7 Milliarden Euro steigen, wenn es keine Verbesserungen bei Netzausbau oder beim Engpassmanagement gebe. Um die Studie selbst lesen zu können, möge man aber bitte beim Auftraggeber, dem Land Baden-Württemberg, nachfragen.

"Nicht weiter belegte Angstmach-Zahlen"

Nun – man kann auch das Öko-Institut direkt fragen. Auf dessen Internetseite ist die Analyse inzwischen öffentlich einsehbar. Genauer Titel: "Netzengpassmanagement: Hintergründe, Stand und Perspektiven".

Der Studienautor Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik beim Öko-Institut, fühlt sich vom Wirtschaftsminister allerdings nur teilweise richtig wiedergegeben. Er bestätigt zwar, dass die Kosten des Engpass-Managements auf bis zu 2,7 Milliarden Euro jährlich steigen könnten, wenn nichts passiere, hat aber auch gravierende Einwände, wie diese Zahl öffentlich präsentiert wurde.

Zunächst sei die Summe viel geringer als das, was das Wirtschaftsministerium mit seinen "nicht weiter belegten Angstmach-Zahlen in die Welt gesetzt hat", betont Matthes gegenüber klimaretter.info. Darüber hinaus habe das Ministerium bisher verschwiegen, dass in den 2,7 Milliarden ein erheblicher Anteil von 1,1 Milliarden Euro für das Einspeisemanagement enthalten ist, "den man nicht doppelt zum EEG zählen darf", sagt Matthes.

Denn die Kosten für dieses Einspeisemanagement sind, wie in der Studie erklärt wird, "letztlich in der Projektion für die Kosten des EEG und der EEG-Systemkosten bereits enthalten". Anders gesagt: Mit der EEG-Umlage, die die Stromkunden bezahlen, ist der Aufwand, um den Ökostrom einzuspeisen, bereits beglichen – einschließlich der Entschädigung für mögliche Abregelung. Es ist unseriös, diese Kosten noch einmal hervorzuholen, um politisch mit der Milliarden-Keule winken zu können. Genau besehen: Wirklich zusätzlich drohen künftig "nur" die auf 1,6 Milliarden Euro steigenden Redispatch-Kosten für die konventionellen Kraftwerke.

Für die grüne Energieexpertin Julia Verlinden zeigt die Studie des Öko-Instituts, dass Gabriel und sein Ministerium mit "Phantasiezahlen" arbeiten. "Es ist klar, dass die Redispatchkosten durch den verzögerten Netzausbau in den nächsten Jahren steigen werden. Doch für die Verzögerungen ist in erster Linie die Blockadepolitik von Horst Seehofer verantwortlich", schiebt Verlinden die Schuld nach Bayern.

Bei der Gretchenfrage, ob zu viel Strom oder zu wenig Leitungen da sind, rät Felix Matthes, nicht zu sehr auf die Propagandisten beider Seiten zu achten. Zwar sei einerseits der Netzausbau unbedingt notwendig und hinke hinter dem Zeitplan her, aber schon die Thüringer Strombrücke werde beim Netzengpass-Problem ein bisschen Luft schaffen, betont er. "Andererseits ist es aber nicht so, dass sich alle Probleme in Luft auflösen, wenn wir nur ein paar Kohlekraftwerke abschalten."

Lösungsvorschläge, die Gabriel verschweigt

Am wichtigsten an seiner Studie ist dem Forscher des Öko-Instituts eigentlich ein anderer, bisher ebenfalls verschwiegener Teil. Danach gibt es durchaus einige Möglichkeiten, die Kosten des Engpassmanagements zu senken, ohne zugleich den Windstrom-Ausbau massiv abzubremsen.

Die Studie zählt hier sieben Handlungsmöglichkeiten auf, von denen sechs auf eine Drosselung der Windkraft verzichten. Stattdessen wird vorgeschlagen, den Windausbau auf Regionen mit "geringerer Engpassproblematik" zu konzentrieren oder stärkeren Wert auf die "systemdienliche Auslegung" neuer Windkraftanlagen zu legen. Denkbar wäre auch, den Strommarkt, wie schon verschiedentlich angedacht, regional aufzuspalten oder gezielte Anreize zu setzen: zur Lastverlagerung, zur Speicherung oder zu einer zusätzlichen Stromnachfrage, auch durch die berühmte Sektorkopplung. Zu guter Letzt könnte man, so die Studie, auch fossile Kraftwerke schneller abschalten oder die Einsatzreihenfolge, die sogenannte Merit Order, ändern, in der Stromerzeuger bei drohender Überlastung vom Netz genommen werden.

Bild Stetes Klappern mit großen Zahlen gehört zum Handwerk des deutschen Wirtschaftsministers. (Foto: Lea Meister)

Die Studie des Öko-Instituts verschweigt keineswegs, dass jede dieser Optionen einen zusätzlichen Aufwand rechtlicher oder finanzieller Natur verlangt. Zum Nulltarif ist ein neues, erneuerbares Stromsystem nicht zu haben. Vor allem aber kommt es augenscheinlich darauf an, beides intelligent zu verbinden: die Zahl der Autos den Straßen anzupassen und die Straßen an die Zahl der Autos. Beim Verkehr wie beim Stromnetz.

Der Beitrag wurde um 22:30 Uhr aktualisiert

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen