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"Erneuerbare brauchen eigenen Player"

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Öko-Strom ist mehr als genug vorhanden – nur haben weder die Grünstromer noch die Kunden viel davon. Die Erneuerbaren müssen endlich dazulernen und sich von Stromerzeugern zu Versorgern wandeln, bei denen man auch sein E-Auto preiswert "betanken" kann, fordert Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windkraft (BWE), in Teil 2 des gestern begonnenen Interviews. Er will, dass seine Branche mehr zusammengeht und zusammensteht. 

Hermann Albers steht seit fast zehn Jahren – mit einer einjährigen Unterbrechung – an der Spitze des mit rund 20.000 Mitgliedern größten Erneuerbaren-Verbandes in Deutschland. Außerdem ist er Landwirt und Geschäftsführer des nordfriesischen Bürgerwindparks Simonsberg und anderer Bürgerwindgesellschaften. Das Gespräch mit Albers schweift schnell ab, plötzlich ist man beim "Greening", einer Reform der EU-Agrarförderung, oder dabei, dass seine Heimat Schleswig-Holstein erneut eine wirtschaftliche Notregion werden könnte, wenn die Bürgerenergie wieder verschwindet.

klimaretter.info: Herr Albers, bisher ging es im Interview um Kosten und Gewinne, aber Energiepolitik hat immer auch eine emotionale Komponente. Ökostrom wird als "grün" und "smart" verkauft. Warum gelang es Ihrer Branche in all den Jahren nicht, der Windkraft so ein Image der Moderne zu verleihen?

Hermann Albers: Man darf nicht vergessen: Zwischen dem Stromeinspeisungsgesetz 1991 und den Jahren bis 2012 waren wir die sogenannten "Guten". Wir genossen eine hohe Reputation, Rückendeckung durch die Politik und die Anerkennung für den Aufbau einer beachtlichen Industrie. Allein die Windindustrie gibt heute 150.000 Menschen gute Arbeit und realisiert mit einem Exportanteil von 66 Prozent immer mehr Wertschöpfung im Ausland. Die Erneuerbaren und das EEG sorgten gleichzeitig dafür, dass Energieerzeugung und gesellschaftliche Teilhabe in einer Größenordnung zusammenkamen, wie es das in Deutschland noch nie gegeben hat.

Diese Gruppe der Beteiligten zählt zwar nach Millionen, ist aber dennoch nur ein Teil der Gesellschaft. Auf der anderen Seite steht ein noch immer viel größerer Teil der Nichtbeteiligten. Das führte im Zuge des deutlichen Ausbaus der Windenergie mit den sichtbaren Änderungen im Landschaftsbild dazu, dass dieser größere Teil der Nicht-Beteiligten Widerstände formulierte und Fragen stellte – und ich sage: nicht völlig zu Unrecht.

Politiker wie Horst Seehofer, die sich mit Anti-Windkraft-Initiativen ablichten lassen, fühlen sich eben auch nicht im Unrecht.

Bei der Akzeptanzbildung spielen politische Vorgaben eine große Rolle. Seit der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler 2012 das Photovoltaik-Gesetz abgeschossen und damit, reden wir es nicht schön, die deutsche Solarbranche vernichtet hat und seit der heutige Kanzleramtschef Peter Altmaier, noch als Umweltminister, die Strompreisbremse zu einem großen Thema machte – seitdem ist die Gesellschaft in ihrer ohnehin anhaltenden Suche nach Orientierung zusätzlich massiv verunsichert worden. Überall hieß es dann: "Wenn schon die Spitze der Berliner Politik sagt, das ist alles zu teuer – warum soll ich als Bürger vor Ort noch Kompromisse machen und Einschränkungen hinnehmen?"

BildDie Minister Rösler (FDP, Wirtschaft) und Altmaier (CDU, Umwelt) sägten beständig an der Energiewende. Heute sind der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel und der Grüne Rainer Baake für das Thema zuständig. (Foto: Susanne Ehlerding)

Seit 2012 hat die Bundesregierung die Leitfunktion der Politik pro Energiewende beendet. Dazu passt nicht, dass die Kanzlerin nach Fukushima den Atomausstieg in einem ganz eigenen Tempo durchsetzte. Damit waren manche nicht einverstanden. Noch heute wird dies in Briefen deutlich, die aus der Union zum EEG 2016 geschrieben werden.

Die Windkraftbranche legte zuletzt mehr Wert darauf, die Bürger vor Ort einzubeziehen, die Kommunen an der Wertschöpfung teilhaben zu lassen. Dieser Schwenk kam aber mindestens spät, wenn nicht zu spät und zu halbherzig.

Unsere Branche hat auch Fehler gemacht. Auch dort, wo mehr Beteiligung möglich gewesen wäre, hat diese nicht ausreichend stattgefunden. Ich verstehe auch einige ostdeutsche Ministerpräsidenten, die beklagen, dass sie in den vergangenen 15 Jahren auf ihren Windvorrangflächen vor allem westdeutsche Investoren vorfanden, die auch noch die örtliche Bevölkerung nicht ausreichend mitnahmen. Da gibt es Entwicklungsbedarf unsererseits.

Für den Verband kann ich sagen, dass wir das Thema Akzeptanz weit, ganz weit nach oben gesetzt haben. Ich frage mich allerdings, ob Eon, RWE und Co es besser schaffen werden, eine regionale Akzeptanz nachhaltig herzustellen, wenn sie denn das Erneuerbaren-Geschäft übernehmen.

Die Zukunft von Wind und Sonne hängt stark von künftigen Speichertechnologien ab. Zur Windkraft scheint zum Beispiel Power-to-Gas gut zu passen. Windstrom wird dabei über chemische Prozesse in Wasserstoff und vor allem Methan umgewandelt. Die nötigen Investitionen dazu gehen in die Milliarden, wobei Ihre Branche die Politik in der Pflicht sieht. Wäre das nicht auch den gemeinsamen Schweiß Ihrer Verbandsunternehmen wert?

In der Tat: Es gab in der Vergangenheit ein gewisses Ausruhen nach dem Motto: Wir erzeugen Strom, wir speisen ein und bekommen unsere Vergütung. Das reicht heute nicht mehr. Es reicht nicht für Akzeptanz. Es reicht nicht, um künftig bei Ausschreibungen zu bestehen. Und es reicht auch nicht, um der Politik die wachsende Sorge zu nehmen, die da heißt: Wenn die Erneuerbaren 40 oder 50 Prozent Anteil am Strommarkt haben, sie aber keine wirklich sichere Versorgung bieten, können wir Politiker das so nicht weiterlaufen lassen.

BildÖkostrom-Unternehmen wie Enertrag und Greenpeace Energy versuchen sich an der Power-to-Gas-Speichertechnologie, stehen damit aber recht einsam auf weiter Flur. (Grafik: Enertrag)

Das ist – immerhin – einer der sachlichen Gründe, warum Politiker uns sagen: Wenn ihr uns diese Sicherheit nicht bietet, müssen wir mit den Playern zusammenarbeiten, die uns das absichern. Für ein größeres Stadtwerk oder einen Monopol-Versorger ist es eben leicht, Teile des alten Kraftwerkparks anzuhalten und durch Erneuerbare zu ersetzen, zur Not aber mit den alten Kraftwerken in der Lage zu sein, die Versorgung zu sichern. So sieht es die Politik.

Angesichts dessen habe ich unserer Branche und dem Verband geraten, neue Wege zu beschreiten und Energieversorger zu werden. Wir Erneuerbaren müssen einen eigenen Player in die Energielandschaft platzieren. Der würde viele, auch mittelständische Akteure bündeln und ihnen den Zugang zur gesamten Kette der Wertschöpfung öffnen. Das erwarten auch die Verbraucher von uns. Und hier gibt es viele gute Beispiele von Unternehmen in der Branche. Die Arge Netz in Schleswig-Holstein ist vielleicht das bekannteste.

Chefs von Grünstrom-Unternehmens versichern ja ohn' Unterlass: Wir übernehmen die sogenannte "systemische" Verantwortung für eine gesicherte Versorgung. Wegen uns wird es keinen Blackout geben.

Obwohl die Mitglieder des BWE über 90 Prozent der Erneuerbaren-Kraftwerke in Deutschland verfügen und unsere Branche keine überzogenen Renditeerwartungen hat, können wir die Versorgungssicherheit bisher nur mithilfe der konventionellen Energieträger gewährleisten. Das müssen wir ändern und mit Unternehmen wie Greenpeace Energy, Clean Energy Sourcing und anderen zusammenarbeiten. Es gilt, diese Sicherheit der Versorgung glaubwürdig auf der "grünen" Seite abzubilden. Deshalb plädiere ich dafür, dass die Branche der Erneuerbaren enger zusammenrückt, energiesystemisch und politisch.

Eine logische Sache: Eigentlich sollen ja flexible Biomasse-Kraftwerke das "Backup" für die schwankende Erzeugung von Sonne und Wind bilden.

Das könnten wir noch einfacher haben. An uns haben sich Pumpspeicherwerke gewandt. Von ihren Müttern wurden sie fallen gelassen, weil die Spitzenlast in der Mittagszeit nun durch Solarstrom abgedeckt wird. Niemand braucht mehr Pumpspeicherwerke. Ihre Reserven sind aber gigantisch: zehn Gigawatt.

BildBetreiber von Windkraftanlagen und Pumpspeicherwerken sollten sich zusammentun, meint Hermann Albers. (Foto: Martin Zeise/Wikimedia Commons)

Ich werbe auch dafür, dass wir erneuerbare Energien in den Bereichen Wärme und Mobilität zugänglich machen. Unsere Bürgerenergiegesellschaften stehen bereit, sofort in Elektromobilität zu investieren. Nichts wäre besser, als 700 bis 800 Gesellschaftern zu ermöglichen, an einer Windkraftanlage Strom zu tanken – für neun Cent die Kilowattstunde. Das würde "Spritkosten" von 1,38 Cent je Kilometer bedeuten – gegenüber acht oder neun Cent bei Benzin. Die Bundesregierung könnte auf die steuerliche Förderung von E-Autos verzichten, wenn sie nur geschickt vorhandene rechtliche Barrieren wegräumt.

Gerade unter Klimaschutzaspekten sollte ja das herkömmliche Denken – hier Energieversorgung, da Mobilität und Heizen – der Vergangenheit angehören.

Ich höre aus dem Wirtschaftsministerium nur: Diese Kopplung der Sektoren wird in die nächste Legislaturperiode verschoben. Das ist zu zögerlich. Wir brauchen jetzt Schnittstellen, damit spätestens 2020 marktwirtschaftliche Lösungen bereitstehen.

Hat die Windkraft also die beste Zeit schon hinter sich?

Ich hoffe, dass der Windindustrie das Schicksal der Solarbranche erspart bleibt. Noch haben wir die Chance dazu. Deswegen werbe ich für eine deutsche und europäische Industriestrategie für erneuerbare Energien. Wie die ganze Branche treibt mich aber die Sorge, dass uns die Ausschreibungen, begleitet von einer drastischen Halbierung des Zubaus, in die Nähe des Schicksals der Photovoltaik bringen können. Wir sind derzeit nicht "on the track".

Lesen Sie Teil 1 des Interviews mit BWE-Chef Hermann Albers: "Regierung will Erneuerbare re-monopolisieren"

Interview: Jörg Staude

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