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Norwegen macht Ernst mit Divestment

Einen Kohle-Ausstieg hat das norwegische Parlament dem milliardenschweren staatlichen Pensionsfonds letztes Jahr verordnet. Was ist daraus geworden? Der gerade vorlegte Jahresbericht zeigt: Es geht langsam voran. Auch bei Öl und Gas reduziert der Fonds sein Engagement.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Raus aus der Kohle: Das ist seit knapp einem Jahr die neue Investitionsrichtlinie für Norwegens milliardenschweren "Ölfonds". Im vergangenen Mai hatten sich alle im Parlament in Oslo vertretenen Parteien darauf geeinigt. Nun hat der Fonds – nach Japans Pensionsfonds der zweitgrößte der Welt – in dieser Woche seinen Jahresbericht vorgelegt. Das Fazit: Das Kohle-Divestment ist in Gang gekommen, aber es könnte durchaus schneller gehen.

BildNorwegen macht es vor. Fossile Investitionen sind mittlerweile ein Verlustgeschäft. Besser man trennt sich davon. (Foto: Laszlo Ilyes/Flickr)

"Der Prozess verläuft zu langsam", sagt Truls Gulowsen von Greenpeace Norwegen. "Wir verstehen nicht, warum man sich nicht von mehr Kohle-Aktien getrennt hat." Auch Heffa Schücking von der deutschen Umweltorganisation Urgewald findet es zwar "erfreulich, dass extrem dreckige Gesellschaften wie die südafrikanische Sasol, die chinesische Shenhua oder Griechenlands Public Power Corporation nicht länger im Fondsportfolio zu finden sind". Allerdings habe der Fonds bislang nur "einen Teil seiner Hausarbeiten erledigt".

Urgewald hat gemeinsam mit der norwegischen Nichtregierungsorganisation Framtiden i våre hender ("Zukunft in unseren Händen") den Jahresbericht analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass der Pensionsfonds sich zwar aus 54 Kohle-Unternehmen zurückgezogen hat, aber immer noch Anteile an 70 Kohlekonzernen hält. Die bisherige Divestment-Summe von 1,2 Milliarden Euro entspricht demnach gerade einmal einem Fünftel der von der Fondsverwaltung in Betracht gezogenen "Reinigungsaktion". Und die wiederum ist wesentlich weniger umfassend, als es Klima- und Umweltschützer gerne hätten.

Vor allem ist die Divestment-Richtlinie nicht ohne Hintertürchen. Zwar sollen "im Prinzip" alle Unternehmen ausgeschlossen werden, die mehr als 30 Prozent ihrer Einkünfte oder ihrer Produktion mit Kohle bestreiten. Gleichzeitig soll der Fonds den Prozess "flexibel" handhaben und Firmen, die auf dem Wege sind, ihr Kohleengagement abzubauen, nicht unbedingt aufgeben. Und der Fonds darf sich Zeit lassen, um nicht zu einem unökonomischen Zeitpunkt Aktienverkäufe tätigen zu müssen.

Seine RWE-Anteile hat der Fonds sogar aufgestockt

Um so unverständlicher findet es Urgewald, dass sich der Fonds noch nicht von Duke Energy getrennt hat. Der US-Konzern wurde für eine umfassende Wasserverschmutzung durch Kohleasche verurteilt. Auch der chinesische Stromerzeuger Huaneng ist weiterhin im Portfolio, obwohl er riesige neue Kohleverstromungs-Kapazitäten plant. Dass die Anteile an RWE, Deutschlands größtem Braunkohleförderer und Europas größtem CO2-Einzelemittenten, sogar erhöht worden seien, steht für die Umweltorganisation in direktem Gegensatz zum Willen des norwegischen Parlaments.

In den Pensionsfonds fließt seit 25 Jahren ein Großteil der staatlichen Öleinnahmen Norwegens. Auch nach dem Ende des Ölzeitalters sollen künftige Generationen an dem Reichtum teilhaben. Zum Jahreswechsel betrug das Fondsvermögen rund 800 Milliarden Euro. 

Zwar hat Norwegens Parlament dem Fonds keinen Ölausstieg verordnet. Doch tatsächlich ist der "Oljefondet" dabei, auch sein Öl- und Gasengagement zu vermindern, sagt der Umweltschützer und Framtiden-Chef Arild Hermstad.

Dahinter stehen offenbar ökonomische Erwägungen. Man ist nach wie vor ein großer Anteilseigner bei Ölmultis wie Shell oder Exxon. Doch macht man damit jetzt Minus. Allein bei den Shell-Aktien waren es 2015 Verluste von rund 700 Millionen Euro. Insgesamt belief sich die Negativrendite bei Öl- und Gasaktien auf fast 14 Prozent. "Fossile Investitionen sind mittlerweile Verlustgeschäfte", sagt Hermstad. "Diese Entwicklung wird sich noch beschleunigen."

BildEin Ölausstieg ist zwar nicht vorgesehen, doch auch hier geht das Fondsengagement zurück. (Foto: Harald Pettersen/Statoil)

Auch Vemund Olsen vom Regenwaldfonds "Regnskogfondet" äußert sich vorsichtig positiv. Zwar halte der Pensionsfonds nach wie vor viele Beteiligungen in Branchen, die für die Zerstörung des Regenwalds verantwortlich sind. Doch durch den Verkauf der Aktien von Palmölproduzenten in Indonesien und Malaysia im vergangenen Jahr ging dieses Engagement immerhin schon um rund ein Fünftel zurück. "Es geht in die richtige Richtung", fasst Olsen zusammen. "In den letzten Jahren sind gute Fortschritte gemacht worden."

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