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Regierung: Kein Konzept für 1,5 Grad

Deutschland war einer der Hauptantreiber, als das 1,5-Grad-Ziel im Pariser Klimavertrag verankert wurde. Allerdings weiß die Bundesregierung nicht, wie sie selbst ihren Teil dazu erfüllen kann. Klimaanalytiker haben nun berechnet, was dafür nötig wäre: Entweder eine enorme Beschleunigung der Energiewende samt einem Kohleausstieg bis 2025 oder aber eine unterirdische Speicherung von CO2.

Aus Berlin Benjamin von Brackel und Sandra Kirchner

Es kommt nicht alle Tage vor, dass Greenpeace eingestehen muss, dass seine Forderungen zum Klimaschutz nicht weit genug gehen. Am Dienstag war das allerdings der Fall: Die Umweltorganisation hatte eine Studie in Auftrag gegeben, die klären soll, was das Bekenntnis der Weltgemeinschaft zum 1,5-Grad-Ziel auf der Klimakonferenz in Paris für Konsequenzen für die Klimapolitik der Staaten hat.

BildAuf der Pariser Klimakonferenz in Paris war die Bundesregierung ganz vorne mit dabei, beim Klimaschutz zu Hause fehlt ihr das Konzept. (Foto: Susanne Götze)

Für Deutschland, das als Industrieland vorangehen muss, hieße das, die Energiewende deutlich zu beschleunigen. "Bis 2025 wäre dafür ein Ausstieg aus der Kohle nötig, also in nicht mal zehn Jahren", sagt Niklas Höhne, Chef des New Climate Institute, bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

Wenige Minuten später referiert sein Nebenmann Andree Böhling von Greenpeace die Positionen seiner Organisation. Darunter die Forderung nach einem Kohleausstieg bis 2040. Nimmt man das 1,5-Grad-Ziel ernst, ist dieses Ziel aber deutlich überholt. "Auch für uns ist das Ergebnis überraschend", sagt Böhling. Es werde Folgen haben für die eigenen Positionen, versprach er: "Mehr Klimaschutz in allen Bereichen."

Allerdings muss nicht nur Greenpeace nachjustieren. Auch die Bundesregierung hat noch keinen Plan, wie sie ihren Teil zur Erfüllung des 1,5-Grad-Ziels leisten kann – dabei ist sie eine der Hauptverantwortlichen dafür, dass es jenes Ziel überhaupt auf die Agenda geschafft hat. Das 1,5-Grad-Ziel war auf der UN-Klimakonferenz in Paris im vergangenen Dezember auf Druck eines Staatenbündnisses aus etwa 100 Ländern – darunter Afrika und die kleinen Inselstaaten – in den Vertrag geboxt worden. Die Erderwärmung soll nun bei "weit unter zwei Grad" gehalten werden, zudem sollen Anstrengungen unternommen werden, unter 1,5 Grad zu bleiben – so der Vertrag. "Das war ein politisches Ziel", erklärt Höhne.

Was das aber für Konsequenzen für den Klimaschutz in einzelnen Ländern haben würde, war wohl den Wenigsten bewusst – auch Deutschland nicht. Zwar gibt es auch im Weltklimabericht Szenarien, nach denen das 1,5-Grad-Ziel erreicht wird. Die kommen allerdings nicht ohne die sogenannten negativen Emissionen aus. Mit anderen Worten: Die Welt muss im Laufe der zweiten Hälfte des Jahrhunderts den Ausstoß von Treibhausgasen nicht nur auf null herunterfahren, sondern diese in großer Menge der Atmosphäre entziehen – etwa durch die unterirdische Speicherung von CO2. "Das ist eine Wette auf eine Technologie, die das Problem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lösen soll", sagt Höhne.

Kohleausstieg bis 2025 nötig

Nicht nur in Deutschland ist CCS (Carbon Capture and Storage) hoch umstritten. Wollte man darauf aber verzichten und trotzdem das 1,5-Grad-Ziel einhalten, bedürfte es enormer Anstrengungen. Höhne hat die im IPCC-Bericht enthaltenen Szenarien entsprechend heruntergerechnet. Das Ergebnis: Bis zum Jahr 2035 müsste die Welt komplett auf die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verzichten, um ihre Energie zu gewinnen. Deutschland müsste als Industrieland vorangehen und schon 2030 auf null kommen. Dazu sei eine enorme Beschleunigung der Energiewende nötig und ein Kohleausstieg bis 2025.

Die nächsten Reformen in der Klima- und Energiepolitik werden allerdings auf einer ganz anderen Basis diskutiert. Mit dem EEG 2016 will die Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz endgültig umschreiben und für Windenergie an Land nur noch ein Volumen von 2.000 Megawatt pro Jahr vorsehen, und zwar "inklusive Repowering" – also dem Austausch älterer Windanlagen durch leistungsstärkere.

"Auf der großen internationalen Bühne hat die Bundesregierung den Abschluss des UN-Klimaabkommens von Paris vom Dezember 2015 laut beklatscht und sich für ihre Rolle in den Verhandlungen gelobt", sagt Eva Bulling-Schröter, energie- und klimapolitische Sprecherin der Linksfraktion. "Was die große Koalition in Berlin in Sachen Klimaschutz aufs Parkett legt, ist mit dem völkerrechtlich verbindlichen Klimaziel, die globale Erderwärmung weit unter zwei Grad Celsius in Richtung 1,5 Grad zu begrenzen, leider nicht zu vereinbaren."

Opposition findet Erneuerbaren-Obergrenzen "abstrus"

"Nach Paris eine Obergrenze für Erneuerbare zu fordern, ist so was von abstrus", sagt auch die energiepolitische Sprecherin der Grünen, Julia Verlinden. Stattdessen brauche es Mindestvorgaben für den Ausbau der Erneuerbaren. Der Zubau der Photovoltaik müsse mindestens doppelt so hoch sein wie geplant.

Selbst wenn die bisherigen Ausbauziele der Bundesregierung erreicht werden, wäre das unvereinbar mit einem 1,5-Grad-Ziel. Die EEG-Novelle von 2014 sieht einen Anteil der Ökoenergien von 40 bis 45 Prozent im Jahr 2025 und 55 bis 60 Prozent im Jahr 2035 vor. Bis dahin müssten diese den neuen Berechnungen zufolge aber längst eine Vollversorgung gewährleisten.

Nötig sei überdies, dass jedes Jahr fünf Prozent der Gebäude saniert werden. Bis 2035 müssten der Individualverkehr vollständig auf elektrischen Antrieb umgestellt und auch die Emissionen aus der Land- und Forstwirtschaft auf fast null gedrückt werden. "Ich glaube nicht, dass das unmöglich ist", sagt Klimaexperte Höhne. Die Herausforderung wäre allerdings enorm – es bräuchte sozusagen eine Energie-Revolution über Nacht.

BildOhne die unterirdische Speicherung von CO2 wird das 1,5-Grad-Ziel nur schwer erreichbar sein, heißt es jetzt. Ist das realistischer als der schnelle Umstieg auf erneuerbare Energien? (Foto: Friederike Meier)

Eine Alternative dazu gäbe es: die negativen Emissionen. Allerdings lehnt die Bundesregierung CCS ab, ebenso die Bevölkerung. Denkbar sind auch andere Maßnahmen, etwa konsequenter Waldschutz oder der Einsatz von Terra preta. So oder so – eine Neujustierung ist nötig. "Deswegen brauchen wir jetzt eine Debatte", fordert Böhling. Er meint damit nicht nur die Bundesregierung, sondern auch seine eigene Organisation.

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