Schwerpunkte

Marokko | 1,5 Grad | E-Mobilität

Der "Deutschland-Fan"

Amory Lovins gilt als der Energiewende-Vordenker der USA. Die Staaten sind gerade dabei, Deutschland beim Ökostrom-Ausbau den Rang abzulaufen. Auf seiner Berlinreise verrät der Träger des "Alternativen Nobelpreises", warum er Deutschland aber immer noch für einen energiepolitischen Vorreiter hält.

Ein Porträt von Susanne Schwarz

Gerade erst hat sich Amory Lovins gesetzt, da schweift sein Blick durch die Runde und er springt wieder auf. Er läuft um den großen Tisch mit etlichen Journalisten, die gerade einem einführenden Loblied des Gastgebers Clean Energy Wire auf Lovins folgen, und hält vor dem einzigen japanischen Kollegen inne. Eine höfliche Verbeugung, das Angebot der eigenen Visitenkarte, die aufmerksame Annahme der fremden – Lovins weiß, was sich in Japan gehört. Der US-amerikanische Energieexperte, der gerade für zwei Tage zu Besuch in Berlin ist, weiß sich auch freundlich über die Energiewende zu äußern.

BildAmory Lovins gilt auch als Erfinder des Passivhauses. Energieeffizienz im Gebäudesektor will der Physiker stärken. (Foto: Ewald Brandner/Wikimedia Commons)

Mit Deutschland hat Lovins, der sich schon mit der Energiewende befasst hat, als es den Begriff noch gar nicht gab, Erfahrung: Anfang der 1980er Jahre habe er an einer Publikation des Umweltbundesamts mitgewirkt, erzählt er. "Den deutschen Namen habe ich aber vergessen, entschuldigen Sie."

In seinem Heimatland gilt der 68-Jährige als Atomkraftgegner, als Erfinder des Passivhauses, als Vordenker des ökologischen Wandels. Der Physiker – studiert hat er unter anderem an den Elite-Unis Harvard und Oxford – hat das Rocky Mountain Institute in Colorado mitgegründet und beschäftigt sich dort mit Energieeffizienz und Ressourcenschonung. Für seine Arbeit bekam er 1983 den "Alternativen Nobelpreis", 2009 wurde er vom Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen gezählt.

Lovins hat nie aufgehört, die deutsche Energie- und Klimapolitik zu verfolgen. Die German Energiewende habe "Bemerkenswertes" geleistet, vor allem global, sagt er. "Weil Sie vorgeprescht sind, haben die erneuerbaren Energien enorme Lernkurven erlebt und sind jetzt sehr günstig", sagt er. China zum Beispiel habe "natürlich ein riesiges Atomprogramm", aber die Investitionen in Erneuerbare lägen neunmal höher, erzählt er. "Wissen Sie, ich finde, die Deutschen könnten endlich stolz auf ihre Energiewende sein", schiebt er nach und guckt herausfordernd in die Runde.

"Viele Medien berichten falsch"

Ob er da nicht einfach zu sehr "der US-Amerikaner" sei, schnell überschwänglich und begeistert? "Vielleicht", räumt Lovins ein und lacht. Dennoch sei Deutschland immer noch "eindeutig Vorreiter". Dass nicht sofort alle anderen Länder mitmachen, liege, da ist sich Lovins sicher, vor allem am Unwissen. "In den internationalen Medien werden oft falsche Vorstellungen vermittelt", meint er.

"Häufig wird die deutsche EEG-Umlage als Subvention für die Erneuerbaren dargestellt", meint Lovins. "Dabei hat sie ja gar keine Auswirkungen auf den Staatshaushalt, sondern finanziert über die Stromrechnung den Anlauf einer neuen Art der Energiegewinnung, auf die sich die Gesellschaft geeinigt hat." Über andere Länder lese oder höre man den Vorwurf nicht so oft. "Das kommt, weil nur Deutschland die Kosten für die Energiewende überhaupt so transparent macht", so Lovins.

Es werde auch oft behauptet, dass die deutschen Unternehmen vor den gestiegenen Energiekosten fliehen würden, beklagt der Energieexperte. "Es gibt aber kein einziges bekanntes Beispiel dafür."

Doch nicht Friede, Freude, Eierkuchen

Ein weiteres "Gerücht", über das sich der US-Amerikaner ärgert: "Viele Medien schreiben, für die Energiewende brauche man einen ungeheuren Netzausbau oder aber bisher unbekannte Speichertechnologien", sagt Lovins. Die Schwankungen der erneuerbaren Energiegewinnung seien aber nicht sofort ein Problem. "Einer meiner Kollegen zieht gern den Vergleich zu einem Orchester: Nicht jedes einzelne Instrument spielt die ganze Zeit. Immer abwechselnd setzen sie vom Dirigenten geleitet ein und aus und erzeugen erst dadurch wunderschöne Musik".

So will er auf Energieeffizienz und Lastmanagement setzen, also per Preissignal die Kunden zum Stromverbrauch bringen, wenn es gerade viel Strom gibt. Für den verbleibenden Speicherbedarf sollen vor allem flexible Lösungen gefunden werden – etwa Warmwassertanks in Gebäuden oder auch E-Autos. "In Portugal wurden im vergangenen Jahr 64 Prozent des Stroms erneuerbar gewonnen", sagt Lovins. "Trotzdem sind die Lichter nicht ausgegangen."

Perfektion kann der Experte Deutschland und seiner Energiewende aber auch nicht attestieren. "Ich persönlich finde es bedauerlich, dass die kleinen Akteure mit der EEG-Reform aus dem Jahr 2014 geschwächt und die großen Konzerne bevorteilt wurden", räumt Lovins ein. "Mit dem Engagement von Bürgern und Genossenschaften ist die Energiewende in Deutschland groß geworden, während die großen Energiekonzerne geschlafen haben", sagt er.

BildAmory Lovins: "Deutschland ist noch Energiewende-Vorreiter". (Foto: Susanne Schwarz)

Außerdem müsse die Bundesrepublik endlich die Ausnahmeregelungen für die Industrie bei der EEG-Umlage über Bord schmeißen. "Die Haushalte und die kleinen Unternehmen ziehen die großen Verschmutzer mit in die Moderne", echauffiert sich Lovins. "Wenn überhaupt jemand Grund zur Beschwerde hat, dann ist das der Mittelstand." Außerdem würde Deutschland wichtige Chancen der Energiewende fast komplett ignorieren, "den Verkehr zum Beispiel und die Energieeffizienz".

Trotzdem, so klingt es, will Lovins bei seinem hauptsächlich deutschen Publikum noch ein wenig Begeisterung für das eigene Land wecken. "In das Passivhaus, in dem unser Rocky Mountain Institute sitzt, haben wir deutsche Fenster eingebaut – Sie kennen ja die deutsche Ingenieurskunst!"

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen