Deutschland spart mehr Treibhausgas

Deutschland hat 2013 und 2014 weniger Treibhausgase emittiert als bisher gedacht, ergibt eine klimaretter.info-Recherche. Dennoch ist laut Umweltstaatssekretär Flasbarth Eile beim Klimaschutz geboten: Die Prognosen zur Emissionsreduktion im vergangenen Jahr sehen bisher nicht berauschend aus.

Aus Berlin Nick Reimer

Die Bundesrepublik hat im Jahr 2014 deutlich mehr Treibhausgase eingespart als bislang bilanziert. Nach den endgültigen Berechnungen gingen die Emissionen gegenüber dem Vorjahr um 4,6 Prozent zurück. "Abgesehen vom Krisenjahr 2009 hat es hierzulande nie eine stärkere Reduktion gegeben", sagte Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth gegenüber klimaretter.info. Damit lag Ende 2014 die deutsche Treibhausfracht um 27,9 Prozent unter dem Niveau von 1990, nämlich bei 901,9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent.

BildJeder Ofen brennt anders, jedes Kraftwerk auch – die genaue Messung der Emissionen eines Landes ist deshalb ein schwieriges Unterfangen. (Foto: Nick Reimer)

Verantwortlich für die Datenerhebung ist das Umweltbundesamt (UBA). Das nimmt jährlich Ende Februar oder Anfang Januar eine sogenannte "Zeitnahschätzung" vor. Dieser folgt eine "Trendanalyse". Beide waren für 2014 lediglich von einem Rückgang um 4,3 Prozent ausgegangen. Nach klimaretter.info-Recherche kommt die abschließende Berechnung nun aber zum Stichtag 31. Dezember 2014 auf eine um 10,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent stärkere Reduktion als bislang angenommen. Auch für 2013 müssen die Statistiker des UBA ihre Daten korrigieren: Bislang standen Emissionen von 953 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent zu Buche, jetzt wird der Wert auf 945,2 Millionen Tonnen korrigiert – 7,8 Millionen Tonnen weniger.

"Die ersten Analysen beruhen immer auf einer fragilen Datenlage", erklärte ein mit der Materie befasster Mitarbeiter beim Umweltbundesamt. Als Daten dienen der "Zeitnahschätzung" die Energiebilanzen, also die Antwort auf die Frage, welcher Brennstoff wie häufig und mit welcher Treibhaus-Wirkung in der Bundesrepublik verbrannt wurde. In Deutschland erhebt solche Daten beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, ein 1971 von sieben Verbänden der deutschen Energiewirtschaft gegründetes Institut.

Jeder Ofen brennt anders

Das Aufstellen des nationalen Treibhausgasinventars Deutschlands ist wesentlich komplexer als "nur" eine einfache Verbrauchserhebung zum Diesel-, Braunkohle- oder Heizöl-Verbrauch. Grundlage der Erhebung ist Artikel 5.1 des Kyoto-Protokolls, in dem "Guidelines for National Systems" festgeschrieben sind: Leitlinien für die Erfassung des Treibhausgas-Ausstoßes in den einzelnen Staaten. Die Methodologie der Berechnung hat der Weltklimarat in den sogenannten IPCC-Guidelines bestimmt.

Beispielsweise müssen die Kesselgrößen in den Kraftwerken oder die verschiedenen Feuerungstechnologien berücksichtigt werden. Das Brennverhalten in einem Vattenfall-Kraftwerk ist ganz anders als das Feuer im Hauskamin, ein Wirbelschicht-Ofen verursacht andere Emissionsmengen als ein normaler Rost-Ofen.

88 Prozent aller in der Bundesrepublik 2013 verursachten Treibhausgase waren Kohlendioxid. In die Bilanz müssen aber auch die anderen Treibhausgase einbezogen werden. Methan trägt etwa sechs Prozent zur deutschen Atmosphärenfracht bei, Lachgas aus der Landwirtschaft schlug 2013 mit vier Prozent in der deutschen Bilanz zu Buche. Sogenannte F-Gase machten 1,6 Prozent aus.

Diese feingliedrige Berechnung hat nun zur Korrektur nach unten geführt. Vor allem die warme Witterung 2014 und ein verringerter Einsatz fossiler Energieträger in der Stromerzeugung sorgten für den positiven Effekt. Mitte Januar sollen die endgültigen Daten der Bundesrepublik an die EU-Kommission übermittelt werden, die daraus den Treibhausgas-Bericht der Europäischen Union an das UN-Klimasekretariat zusammenstellt.

BildDeutschland hat 2013 und 2014 weniger Treibhausgasemissionen verursacht als zunächst gedacht. (Foto: Albert Bridge/geograph)

Deutschland hat sich verpflichtet, seine Treibhausgas-Produktion bis 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Um das Ziel zu erreichen, müssen in den verbleibenden Jahren die Emissionen jährlich um drei Prozent sinken. Nach ersten Prognosen wird der Treibhausgas-Ausstoß 2015 aber allenfalls nur leicht unter dem Niveau von 2014 liegen – oder sogar gleich bleiben. Staatssekretär Flasbarth: "Zum einen haben wir Deutschlands größtes Atomkraftwerk abgeschaltet – das AKW Grafenrheinfeld. Zum anderen hatten wir zum Jahresanfang kalte Monate". Deshalb war der Energieverbrauch 2015 gestiegen. Wolle man das 40-Prozent-Ziel erreichen, sei "mehr Tempo beim Klimaschutz notwendig", erklärte Flasbarth gegenüber klimaretter.info.

[Erklärung]  
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