Klimaschutz könnte Börsenbeben auslösen

Der Verdacht, dass die großen Energiekonzerne überbewertet sind, ist auf dem G20-Gipfel angekommen. Paradoxerweise könnten die 20 Länder, deren Chefs seit Sonntagvormittag nahe dem türkischen Urlaubsort Antalya tagen, das Platzen der CO2-Blase sogar beschleunigen.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

Der Krieg in Syrien und die Flüchtlingskrise, der Kampf gegen Steuerhinterziehung und die Jugendarbeitslosigkeit, der Klimawandel – die Agenda des G20-Gipfeltreffen ist lang. Unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen beraten seit dem heutigen Sonntagvormittag die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Industrienationen im türkischen Antalya, um ein "robustes Wachstum" zu ermöglichen. Neben den Anschlägen von Paris und der Bekämpfung des Terrorismus soll es bei dem Treffen auch um die Bewertung von fossilen Ressourcen gehen.

BildGastgeber des G20-Gipfels ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. (Foto: The Presidential Press and Information Office)

Rund ein Fünftel der Marktkapitalisierung der Börsen von London, Newcastle (Australien), Moskau, Toronto und São Paulo beruht auf Energiekonzernen, wie die britische Umweltorganisation Carbon Tracker ausgerechnet hat. Die Bewertung dieser Konzerne basiert zu einem großen Teil auf ihren Reserven an Kohle, Öl und Gas. Sollten diese plötzlich deutlich an Wert verlieren, käme es zu einem weltweiten Börsenbeben.

Noch glauben die Märkte nicht an die CO2-Blase

Das Problem: Eine derartige Wertberichtigung ist eigentlich überfällig: Wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll, müssen mehr als zwei Drittel der Reserven im Boden bleiben und sind damit wertlos. Aus diesem Grund spricht man von einer CO2-Blase. Diese Blase platzt, wenn die Märkte zum Schluss kommen, dass die Länder wirksame Maßnahmen zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels ergreifen. Noch glauben sie nicht daran.

Die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten trafen sich in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 erstmals, zuvor kamen bei den G20-Treffen lediglich die Finanzminister und Notenbankchefs aus den beteiligten Industrie- und Schwellenländern zusammen. Die Finanzkrise wurde durch das Platzen der Blase im Markt für sogenannte Sub-prime-Hypotheken ausgelöst. Seither sucht die G20 systematisch nach Blasen, die eine Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte darstellen. "Als die Kreditblase im Jahr 2008 platzte, war der Schaden verheerend", sagt der frühere US-Finanzminister Henry Paulson. "Heute machen wir den gleichen Fehler mit dem Klimawandel."

Um die Gefahr abschätzen zu können, hat die G20 Anfang des Jahres das Financial Stability Board (FSB) mit der Analyse des Problems beauftragt. Das FSB ist eine Unterorganisation der G20 und wird vom britischen Zentralbankchef Mark Carney geleitet. Carney warnt: "Eine Neubewertung (der Reserven), vor allem wenn sie plötzlich erfolgt, könnte die Märkte destabilisieren." Das FSB sorgt sich insbesondere, dass in diesem Fall auch Banken in Mitleidenschaft gezogen werden und – wie 2008 die Bank Leman Brothers – dann alle Märkte mitreißen. Um dieses Szenario zu verhindern will das FSB, dass Finanzinstitute offenlegen, wie viel Geld sie in Kohle, Öl und Gas investiert haben.

Fossile Subventionen passen nicht zum Klimaschutz

Der G20-Gipfel beschäftigt sich aber nicht nur mit der CO2-Blase, sondern auch mit der Klimakonferenz in Paris, die die Blase zum Platzen bringen könnte. Ein besonderes Augenmerk dürfte hier dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi gelten. US-Außenminister John Kerry bezeichnete die indische Position bei den Verhandlungen als "Herausforderung": "Wir haben einen starken Fokus auf Indien im Moment, um sie an Bord zu holen."

BildDie G20-Staaten können die Milliarden-Subventionen und -Investitionen in fossile Ressourcen nicht mehr ignorieren. (Foto: Brocken Inaglory/Wikimedia Commons)

Ein weiteres Klima-Thema beim G20-Gipfel sind wie jedes Jahr die Subventionen für fossile Energieträger. Das Overseas Development Institute (ODI), ein britischer Thinktank, schätzt, dass die G20-Länder die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas jährlich mit 452 Milliarden Dollar fördern. Dem stehen 121 Milliarden Dollar an Subventionen für erneuerbare Energien gegenüber. "Es ist ein Widerspruch, dass Länder den Energiekonzernen Milliarden für fossile Energien geben und sich gleichzeitig dazu verpflichten, die Emissionen zu senken", sagt Alex Doukas, einer der Autoren der ODI-Studie. Sollten die G20-Länder Maßnahmen beschließen, um diesen Widerspruch zu beheben, rückt das Platzen der CO2-Blase ein Stück näher. Dank dem FSB wissen sie nun aber besser, was sie dann erwartet.

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