Nationale Klimaziele: "Es reicht nicht aus"

Wenn alle Länder ihre Klimaziele einhalten, steigt die globale Durchschnittstemperatur um 2,7 Grad. Die Chefin des UN-Klimasekretariats Christiana Figueres rechnet in Berlin vier Wochen vor dem Pariser Weltklimagipfel vor, dass die Staaten viel mehr auf den Tisch legen müssen. Trotzdem deute alles auf ein erfolgreiches Abkommen hin.

Aus Berlin Susanne Götze

Die oberste Klimadiplomatin Christiana Figueres – auch liebevoll "Madame Climat" genannt – hat sich Berlin ausgesucht, um vier Wochen vor dem großen Gipfel in Paris eine vorläufige Bilanz zu ziehen. Die Welt verfolgt am Freitagmorgen via Broadcast ihre Vorstellung des UN-Syntheseberichts zu den eingereichten Klimazielen. "Wir sind auf einem guten Weg, aber es reicht noch nicht". Damit meint Figueres die Anstregungen der globalen Weltgemeinschaft, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad zu begrenzen. 

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China ist mittlerweile der weltgrößte CO2-Emittent. Klimadiplomaten hoffen, dass das Land noch einige Zusgeständnisse im neuen Vertrag macht. (Foto: Andreas Habich/Wikimedia Commons)

Der Job von Figueres ist nicht einfach. Sie muss 195 Länder dazu bewegen, ein gemeinsames Abkommen zu unterzeichen. Das müssen die Staaten dann in ihren Parlamenten durchbekommen, dafür müssen sie Geld ausgeben und ihr business as usal hinterfragen. Die Chefdiplomatin ist dafür da, für gute Stimmung zu sorgen, zu vermitteln, zu mahnen und auf den Zeitplan zu pochen.

Immerhin kann sie auf Erfolge verweisen. 147 von 196 Vertragsstaaten haben bisher ihre Hausaufgaben gemacht und nationale Klimaschutzpläne, sogenannte INDCs, beim UN-Klimasekretariat eingereicht. "Das sind 86 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen", sagt Figueres stolz. Das Weltklimasekretariat hat die nationalen Pläne auf eine Webseite gestellt und nun – einen Monat vor den finalen Verhandlungen – ausgerechnet, was die Pläne fürs Klima bedeuten: "Wenn alle Länder ihre abgegebenen Verpflichtungen einhalten, dann werden wir den globalen Temperaturanstieg bis 2100 auf 2,7 Grad begrenzen können", so die Chefdiplomatin. "Die gute Nachricht ist, dass wir jetzt auf dem Weg in eine kohlenstoffarme Welt sind – allerdings müssen wir noch nachlegen." Gefragt, welches Land denn noch bei den Reduktionszielen nachziehen müsse, meint Figueres: "Alle Länder."

Aus dem Diplomatensprech übersetzt heißt das: Legen die Staaten nicht mehr auf den Tisch, dann gibt es kein Abkommen. Denn das Zwei-Grad-Ziel steht bereits im vorläufigen Entwurf – im Artikel 2. Zwar gibt es verschiedene Optionen, wie der Paragraf am Ende ausformuliert wird, jedoch gibt es keine Option "mehr als zwei Grad".

"Noch liegen nicht alle Karten auf dem Tisch"

Der deutsche Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth ergänzt dazu in Berlin: "Wir sind besser als das Business-as-usual-Szenario, das bei vier bis fünf Grad liegt, und schlechter als die anvisierten Ziele von 1,5 bis zwei Grad." Man liege also "genau dazwischen". "Allerdings liegen noch nicht alle Karten auf dem Tisch", ist sich Flasbarth sicher. "Aus Gesprächen mit China haben wir den Eindruck, dass es dort noch einige Überraschungen geben kann." Zudem sei das Abkommen kein End-, sondern ein Startpunkt.

Denn anders als das Kyoto-Protokoll soll das Paris-Abkommen nicht statisch werden, sondern sich bis 2030 schrittweise anpassen und verbessern können. Darauf hofft Klimadiplomatin Figueres: "Es wird nur ein Abkommen geben, wenn erstens die nationalen Klimaziele in das Abkommen verbindlich integriert werden und es zweitens flexible Mechanismen zur Überprüfung und Anpassung der Ziele gibt." Dazu zählt beispielsweise ein von der EU und von Nichtregierungsorganisationen gefordertes Monitoring, das alle fünf Jahre eine Bilanz der Klimaschutzpläne ziehen und das Ergebnis mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen abgleichen soll.

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Erneuerbare Energieformen wie Solarenergie werden immer günstiger und sind dezentral nutzbar, deshalb ist nun auch in Entwicklungsländern, wie hier in Tansania, günstig sauberer Strom zu bekommen. (Foto: Ben Langdon/VSO)

Ob die Klimaschutzpläne der Staaten wirklich als völkerrechtlich verbindlich ins Abkommen kommen, werde derzeit noch sehr kontrovers verhandelt. Figueres warnt jedoch, dass auch das keine Garantie für die Einhaltung der INDCs sei: "Auch aus dem Kyoto-Protokoll sind Länder ausgestiegen, sie haben es unterschrieben, aber nicht ratifiziert oder sich einfach nicht daran gehalten – das kann bei einem verbindlichen und einem freiwilligen Abkommen gleichermaßen passieren", meint die Chefin des UN-Klimasekretariats.

Wichtig seien die veränderte Haltung zum Klimaschutz und die neuen wirtschaftlichen Bedingungen: "Die Länder und auch die Finanzmärkte wissen heute um das Risiko Klimawandel", so Figueres. "Zudem ist auch die Technik viel weiter und erneuerbare Energien sind billiger und haben Marktreife erreicht." Das alles stimmt die Klimadipomatin optimistisch, dass Paris kein neues Kopenhagen wird. Dort scheiterte vor sechs Jahren trotz großer Euphorie das Abkommen am Ende kläglich.

Klimaforscher sind weit weniger optimistisch

In der finalen Schlacht ums Zwei-Grad-Ziel gibt es aber auch bedeutend kritischere Stimmen. Viele Klimaforscher erklärten schon im Vorfeld, dass die Klimaverplichtungen nicht ausreichten. So kamen Wissenschaftler des Forschungsverbundes Climate Interactive aus Washington sogar auf 3,5 Grad.

Umweltschützer, Meeresbiologen sowie Vertreter von zahlreichen Entwicklungsländern argumentieren hingegen, dass zwei Grad ohnehin nicht reichen, um ökologische und soziale Katastrophen zu verhindern. Die Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS und die LDC-Gruppe der ärmsten Länder reichten bei den Vorverhandlungen in Bonn einen Antrag ein, ein 1,5-Grad-Ziel mindestens beim langfristigen Ziel in den Vertrag zu schreiben. Auch Nichtregierungsorganisationen befeuern die Diskussion. Das 1,5-Grad-Ziel steht nun zumindest als Option im neuen Text.

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Die Chefin der Klimadiplomatie zu Gast in der Berliner Bundespressekonferenz: Christiana Figueres überraschte mit guten Deutschkenntnissen. (Foto: Susanne Götze)

In den Verhandlungen als Beobachter präsente Organisationen wie Brot für die Welt und Germanwatch stimmen grundsätzlich in den Kanon des Weltklimasekretariats ein: "Die Richtung stimmt, aber das Ziel ist noch nicht erreicht." Aber das ist schon alles an Zustimmung. "Selbst bei voller Umsetzung der Ziele würde 2030 global noch mehr als ein Drittel zu viel emittiert werden, um das vereinbarte Zwei-Grad-Limit langfristig einhalten zu können", erklärt Sönke Kreft von Germanwatch. Der Report des Klimasekretariats zeige, "dass man offenbar in Kauf nimmt, auf eine vermeidbare Katastrophe zuzusteuern", kritisiert Sabine Minninger, Klimaexpertin bei Brot für die Welt. 

Bleibt also zu hoffen, dass Staaten wie China, Indien und die USA, aber auch die EU noch einige Asse in der Hand haben, mit denen sie in Paris auftrumpfen können. 

[Erklärung]  
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