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Indien ringt sich ein Klimaziel ab

Lange hat sich Indien als letzter großer Emittent geweigert, sich international zum Klimaschutz zu verpflichten. Jetzt kündigt das Land an, bis 2030 seine Treibhausgas-Emissionen um 33 bis 35 Prozent im Verhältnis zu seinem Bruttosozialprodukt zu senken. Ein Meilenstein in der Geschichte der Klimadiplomatie.

Von Benjamin von Brackel

Auf kein Land hatte die Welt so lange und mit so großer Spannung gewartet wie auf Indien, was die Einreichung der Klimaziele für die Paris-Konferenz betrifft. Zwei Tage nach der Abgabefrist, am Geburtstag von Mahatma Gandhi, liegt die Selbstverpflichtung des Landes nun endlich vor. Sie enthält einiges Bemerkenswerte. Das Dokument beginnt mit einem Rekurs auf Yoga.

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Monatelang wartete die Welt auf Indiens Klimaziel – mit zwei Tagen Verspätung legte Narendra Modis Regierung nun nach. Der Staatschef stellt sich gern als Saubermann dar, hier auf seiner Website. (Foto: narendramodi.in)

Die uralte indische Praxis sei ein "System, das darauf abzielt, Genügsamkeit und weltliche Begehren in eine Balance zu bringen, das hilft, einen Pfad der Mäßigung und eines nachhaltigen Lebensstils zu verfolgen". Indien habe eine lange Tradition einer friedlichen Koexistenz zwischen Mensch und Natur, heißt es. Erinnert wird an Mahatma Gandhi, der gefordert hatte, die natürlichen Ressourcen weise zu nutzen. "Bleib rein! Denn unsere Erde ist unsere Mutter! Und wir sind ihre Kinder!"

Der Trick mit der Bezugsgröße

"Die Anknüpfung an die eigene Tradition ist ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz von Klimaschutz in Indien", urteilt Christoph Bals, Politikchef von Germanwatch.

Indien ist der letzte große Treibhausgas-Emittent, der sein Klimaziel – im UN-Sprech "INDC" – beim UN-Klimasekretariat eingereicht hat. Danach will das Land 33 bis 35 Prozent seiner Treibhausgase bis 2030 einsparen – im Verhältnis zu seinem Bruttosozialprodukt. Basisjahr ist 2005. Um das Ziel zu erreichen, will Indien seine Ökoenergien massiv ausbauen. Im Jahr 2030 sollen regenerative Stromquellen 40 Prozent ausmachen. Schon bis 2022 will das Land bei den Erneuerbaren eine Anschlussleistung von 175 Gigawatt erreichen, darunter 100 Gigawatt Solarleistung. Zudem soll Wald aufgeforstet werden, um zusätzlich 2,5 bis drei Milliarden Tonnen Kohlendioxid zu binden. 2010 hatte Indien sich bereits verpflichtet, seine CO2-Intensität um 20 bis 25 Prozent bis 2020 bezogen auf das Jahr 2005 zu reduzieren.

Die CO2-Intensität ist das Verhältnis von CO2-Emissionen zum realen Bruttoinlandsprodukt. Bei einem starken Wirtschaftswachstum ist es also auch möglich, dass die CO2-Intensität sinkt, aber der CO2-Ausstoß in absoluten Zahlen steigt. Das ist zum Beispiel in China der Fall, einem Schwellenland mit wachsender Wirtschaft und einem sehr starken fossilen Energiesektor. Rund 85 Prozent der chinesischen Primärenergie kommen aus Kohle und Öl. Auch in Indien ist das so, doch ist dort der Energieverbrauch bisher viel geringer, sodass die Pro-Kopf-Emissionen in China oder Europa ein Mehrfaches des indischen Durchschnittswerts erreichen.

Erster ernsthafter Klimaschutzplan"

Umweltverbände begrüßen Indiens Ankündigung. "Indien hat noch vor zehn Jahren kategorisch erklärt, in diesem Jahrhundert keine internationalen Klimaschutzverpflichtungen zu akzeptieren", sagt Bals von Germanwatch. "Nun legt das Land einen ersten ernsthaften Klimaschutzplan vor."

Bals fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, während ihres Besuchs nächste Woche in Indien bei ihrem Amtskollegen Narendra Modi für eine Nachbesserung des Klimaplans zu werben. In Paris, so der Germanwatch-Experte, sollten die Verhandler alle fünf Jahre stattfindende Nachbesserungsrunden beschließen.

Grund ist, dass die eingereichten Klimaverpflichtungen der Staaten bei Weitem nicht ausreichen, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad zu begrenzen. Das ist nötig, um den Klimawandel kontrollieren zu können und die Erde bewohnbar zu halten. Mehrere Klimainstitute haben berechnet, dass alle Pläne der Regierungen zusammen einen Temperaturanstieg deutlich über zwei Grad nicht verhindern würden. 

Welt auf 2,7- bis 3,5-Grad-Pfad

Die US-Klimaanalytiker von Climate Interactive gehen von einer Erderwärmung von 3,5 Grad aus. Der europäische Climate Action Tracker hingegen prognostiziert 2,7 Grad mehr – auf Grundlage von Länderzielen, die 71 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen abdecken. Gegenüber den zuletzt errechneten Werten auf der Klimakonferenz in Lima im Dezember 2014 ist das ein Minus von 0,4 Grad. "Die größten Faktoren für diese Änderung in der Temperaturvoraussage seit Lima waren China und Indien", sagt Louise Jeffery vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das am Climate Action Tracker beteiligt ist. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Chinas Emissionen ab den späten 20er Jahren sinken werden.

Würden die Staaten allerdings nur das abarbeiten, was sie an klimapolitischen Instrumenten bisher eingeführt haben, gäbe es wahrscheinlich eine Erwärmung von etwa 3,6 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Nachdem die USA, China und die EU relativ frühzeitig ihre Klimaziele beim UN-Klimasekretariat in Bonn eingereicht hatten, richtete sich die Aufmerksamkeit in den Folgemonaten vor allem auf Indien. US-Präsident Barack Obama übte immer wieder Druck auf Indiens Premier aus und plädierte für ein starkes Klimaziel, zuletzt während Modis USA-Besuch am Montag. Allerdings hatte Modi Obama jedesmal abblitzen lassen – mit dem Verweis auf die historische Schuld der Industriestaaten beim Ausstoß der Treibhausgase.

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Am Geburtstag von Mahatma Gandhi bekennt sich Indien zu seinem Klimaziel. (Foto: narendramodi.in)

Doch in absoluten Zahlen ist Indien heute der viertgrößte CO2-Emittent unter den Staaten – und der Ausbau der schmutzigen Kohlekraftwerke geht ungebremst weiter: Der jüngste Regierungsplan sieht ein Plus von 110.000 Megawatt installierter Leistung bis 2022 vor. Sollte Indien in den nächsten Jahren sein derzeitiges Wirtschaftswachstum halten und weiter vor allem auf Kohle als Energielieferant setzen, könnte sich der CO2-Ausstoß des Landes bis 2030 verdreifachen. Es hat einen Grund, warum Indien ein Klimaziel gewählt hat, das sich auf das Bruttosozialprodukt bezieht.

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