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Armutsbekämpfung kontra Klimaschutz

BildMit den Zielen für nachhaltige Entwicklung will die Welt Treibhausgase und Armut zugleich reduzieren. Eine echte Herausforderung, denn die Fortschritte im Kampf gegen die Armut gingen bisher oft auf Kosten von Klima und Umwelt. Teil 8 unserer Serie zu den SDGs.

Von Benjamin von Brackel

Es war noch kein Tag vergangen, nachdem sich die Staatschefs der Welt für die neuen Nachhaltigkeitsziele gefeiert hatten, da merkten viele, dass der schwierige Teil erst noch bevorsteht. 17 Ziele mit 169 Unterpunkten haben die 193 UN-Mitglieder am Wochenende beschlossen, darunter die Beendigung von Armut und Hunger auf der Erde, ein sicherer Energiezugang für alle und die Lösung des Klimawandel-Problems; außerdem Frieden, Wirtschaftswachstum und ein Ende aller Ungleichheiten. Mit anderen Worten: Die Lösung der großen Menschheitsprobleme auf der Erde, und zwar am besten innerhalb der nächsten 15 Jahre. Tiefstapelei ist etwas anders.

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"Energie ist das eine herausragende Element für Wirtschaftswachstum und Fortschritt", sagt Weltbankchef Jim Yong Kim.

So weltfremd, utopistisch und verwegen diese Ziele auch klingen, es gibt vernünftige Gründe, die dafür sprechen, dass sich die Welt durchaus in ihre Richtung bewegen wird. Bestes Beispiel ist China: 1990 galten noch zwei Drittel der Bevölkerung als arm – das heißt, sie verdienten weniger als 1,25 Dollar am Tag. Heute sind es nur noch vier Prozent. China hat damit die Armut, lässt man sich auf die offizielle Armutsdefinition ein, so gut wie besiegt.

Mit der Kohle aus der Armut

Das Armutsziel, es ist unter den Nachhaltigkeitszielen so etwas wie das Königsziel – neben dem Kampf gegen den Klimawandel. Zwar ist es durchaus sinnvoll, etwa diese beiden Ziele zu kombinieren. Doch dass sie einander verstärken, ist Wunschdenken. Wenn, dann kann Klimaschutz helfen, die Armut zu senken, da der Klimawandel vor allem die Ärmsten der Welt betrifft, und Investitionen etwa in Ökoenergien und Energieeffizienz Wachstum schaffen können. Aber die Armut senken und damit dem Klima helfen? Das ging mit den bisher üblichen Methoden ganz und gar nicht zusammen.

China ist das Land, das in den letzten Jahrzehnten den größten Anteil am Erfolg im Kampf gegen die Armut hatte: Etwa die Hälfte aller Menschen, die im vergangenen Vierteljahrhundert aus der Armut entkamen, waren Chinesen. Wie aber hat China das geschafft? Die Antwort: Mit einer Bodenreform, mit der Einführung der Marktwirtschaft und dem Eingliedern ins globale Wirtschaftssystem. Das bescherte dem Land über mehrere Jahre zweistellige Wachstumsraten, die Millionen von Chinesen aus der Armut in die Mittelschicht hoben. Die Industrialisierung des Landes und der gehobene Lebensstandard von Millionen Menschen aber ließ China gleichzeitig zum größten CO2-Emittenten der Welt aufsteigen. Armutsreduktion auf Kosten des Klimaschutzes.

Nicht anders verhält es sich mit dem Ziel, die ganze Welt mit sicherer Energie zu versorgen. "Energie ist der zentrale Antreiber für die Gesundheitsversorgung und das eine herausragende Element für Wirtschaftswachstum und Fortschritt", sagte Weltbankchef Jim Yong Kim am Sonntag in New York, als es im UN-Gebäude schon um die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele ging. Allerdings würden 1,1 Milliarden Menschen bislang ohne Strom leben. Bis 2030 solle die ganze Welt Zugang zu einer bezahlbaren, verlässlichen und modernen Energieversorgung haben, erklärte Kim. Ohne eine sichere Stromversorgung könnten Krankenhäuser nicht richtig betrieben werden, Schulen nicht richtig funktionieren und die Kinder müssten viel Zeit mit dem Sammeln von Brennstoffen verbringen, statt in die Schule zu gehen.

Energiehunger stillen heißt CO2-Ausstoß erhöhen

Der verständliche Hunger nach Energie hat allerdings seine Schattenseiten. Nur mit Ökoenergien ist er nicht zu decken – wie bisherige Erfolge im Kampf gegen die Energiearmut zeigen. China ist wieder das beste Beispiel: Hunderte Millionen Menschen bekamen in den vergangenen 20 Jahren Zugang zu einer sicheren Stromversorgung. Das Rezept: Ein Kombination aus Urbanisierung und dem Bau von Hunderten Kohlekraftwerken. Auch Indien will seinen 300 Millionen Einwohnern, die ohne sichere Stromversorgung leben, helfen – und zwar möglichst bald. Die Regierung setzt zwar auch auf kleine Solar- und Biogasanlagen samt kleiner Stromnetze. Aber das Gros der Energie soll aus einer anderen Quelle kommen: Kohlekraftwerke. Um die wachsende Energienachfrage von Schwellenländern wie Indien zu stillen und Millionen Menschen aus der Energiearmut zu holen, wird ein Preis zu zahlen sein: Der Anstieg der CO2-Emissionen.

China und Indien haben die Schattenseiten der Entwicklung bereits zu spüren bekommen: In ihren Metropolen leiden die Menschen am Smog, an manchen Tagen ist das Leben außerhalb von Gebäuden kaum möglich und die Gesundheitsbelastung enorm. Deshalb haben beide Regierungen gewaltige Programme zum Ausbau der Ökoenergien aufgelegt – doch ändert das an der Kohledominanz erst einmal nichts.

Kim machte am Sonntag klar, in welcher Weltgegend der Fortschritt im Kampf gegen Energiearmut am geringsten sei: in Afrika. Neben ihm saß der Chef der Afrikanischen Entwicklungsbank Akinwumi Adesina, der postwendend antworten konnte. "Afrika kann nicht funktionieren, weil wir keinen Strom haben", sagte er. "Wir müssen Afrikas Potenzial freischalten, und zwar mit dem richtigen Energiemix." Darauf rechnete er das große Potenzial Afrikas für Wind- und Solarenergie vor. Und für Kohle.

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Auch die Bewohner dieses Slums in Lima wollen unbedingt eine sichere Stromversorgung bekommen. (Foto: Reimer)

Sind Klimaschutz und einige der anderen UN-Nachhaltigkeitsziele für das Erste nicht vereinbar? Müssen bei ersterem Abstriche gemacht werden, weil die Industrieländer schließlich schlecht den Entwicklungs- und Schwellenländern das Wachstum zugunsten des Klimaschutzes verbieten können? Nein, glaubt der Chef der Internationalen Energieagentur IEA, Fatih Birol. "Wir müssen zwischen Wirtschaftswachstum und Emissionen eine friedliche Scheidung hinbekommen", forderte er im Juni. Dabei stützt er sich auf einen neuen IEA-Sonderbericht zu Energie und Klimawandel. Der fordert mehr Energieeffizienz, den Ausbau der Erneuerbaren, die Reduktion der Methan-Emissionen bei der Öl- und Gasförderung, die Abschaffung der ineffizientesten Kohlekraftwerke und ein Ende der Subventionen für die fossile Energiewirtschaft.

Die Feier ist vorbei, die Arbeit fängt an.

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Die Serie:

Teil 1: Mit SDG wird alles schön
Teil 2:
Imme Scholz will "Nachhaltigkeitsziele für alle"
Teil 3:
Die Finanzierungskonferenz in Addis Abeba
Teil 4:
Ein Managementplan für die Welt AG
Teil 5:
Die Lösung der Menschheitsprobleme ist bezahlbar
Teil 6: "Die Kernverpflichtung unserer Generation"
Teil 7: "Der Weg in eine bessere Welt"
Teil 8: Armutsbekämpfung kontra Klimaschutz

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