"Big Oil saugt aus, was geht"

BildTrotz Obamas Klimaplänen sind die USA noch nicht zu wirklichem Klimaschutz und zur Energiewende bereit, sagt der US-Klimaforscher Robert Corell. Zu viel Kapital stehe für die fossilen Konzerne auf dem Spiel – und für deren Protektoren, die Republikaner. Aber beide würden sich bereits auf die neue Zeit einstellen. Der 78-jährige Harvard-Professor ist einer der bedeutendsten US-Klimaexperten und war lange Regierungsberater.

klimaretter.info: Herr Corell, ein knappes Dutzend Republikaner im Kongress hat ein Papier veröffentlicht, das die Abgeordneten zum Klimaschutz auffordert. Mutiert die Klimaleugner-Partei der Republikaner noch zum Klimaschützer?

Robert Corell: Ich glaube nicht, dass sich schnell etwas ändert. Die Präsidentschaftswahl liegt weniger als 14 Monate entfernt. Außerdem tun die Republikaner, was sie können, um alles zu verzögern, was gegen ihre Interessen auf dem Pariser Klimagipfel stehen könnte.

Was wird in Paris passieren – aus Ihrer Sicht?

Alles Wesentliche für Paris ist schon beschlossen. Was auf dem Gipfel noch passiert, ist mehr Theater als Verhandlung. Die Umweltgruppen werden ein Abkommen unter dem Gesichtspunkt bewerten, ob mit ihm garantiert ist, dass die Welt unter den zwei Grad bleibt bis zum Ende des Jahrhunderts. Das ist kontraproduktiv.

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Bei der Tea Party und unter den Republikanern gibt es in den USA die größten Klimaskeptiker. (Foto: Sage Ross)

Warum denn das?

Wir in der Wissenschafts-Community wissen, dass das nicht passieren wird. Frühestens 2050, 2060 könnte die Welt wirklich diesen Pfad einschlagen. In Paris sollte stattdessen über einen konstruktiven, positiven Weg geredet werden, den wir auch  erreichen können. Einen, der zeigt, wie wir die Wende schaffen.

Was steht denn dem schnellen Wandel im Weg?

Es gibt eine riesige Infrastruktur, die nur gebaut wurde, um die existierende fossile Industrie zu unterstützen: Gasstationen, Pipelines. Es gibt eine riesige Menge an Kapital im fossilen Energiesystem. Zudem wurden der Branche immer mehr Steuererleichterungen gewährt. 70 Milliarden Euro pro Jahr zahlt die Regierung an die fossile Industrie.

Was schlagen Sie als Konsequenz für Paris vor?

Lasst uns in Paris weniger über das Zwei-Grad-Ziel reden und lieber damit anfangen zu sagen: Wir haben aufgrund unseres Kapitals ein Problem, das noch zwei, drei Jahrzehnte währen wird. Alle neuen Investitionen sollen nicht mehr in die fossile Industrie fließen, sondern die neue Welt mit Kapital ausstatten, die Welt der alternativen Energiesysteme. Zweitens: Lasst uns keine neuen Pipelines bauen, sondern neue Energieinfrastrukturen, um alternative Energiesysteme zu unterstützen. Und drittens: Lasst uns all die Unterstützungsmechanismen für die fossile Industrie loswerden.

Sie sagen, es dauert noch 20 oder 30 Jahre, bis die fossilen Firmen bereit sind für einen echten Wandel. Warum so lange?

Sie wollen einfach so lange an den fossilen Energien festhalten wie möglich. Ich habe mit ein paar hochrangigen Leuten in Konzernen wie Exxon gesprochen. Die wissen ganz genau, dass der Wandel kommen wird. Sie sind nicht dumm, sonst wären sie nicht so erfolgreich gewesen. Der Vizechef einer großen Ölfirma sagte mir: Wir saugen alles so lange aus, wie wir können. Aber wir investieren auch wie die Hölle in erneuerbare Energien. Wenn dann der Tag kommt, an dem wir aufhören müssen, sind wir immer noch im Geschäft, zum Beispiel mit Agrosprit.

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Fossile Ressourcen aussaugen, solange es noch geht – das ist das Motto der großen Energiekonzerne. (Foto: Arne Hückelmann/Wikimedia Commons)

Das hat mich überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass sie sich auf die Zukunft vorbereiten. Ich glaube, wir sind an einem Wendepunkt. Die Regierungen sollten den Firmen den Wandel schmackhaft machen statt ihnen Kontrollen aufzubürden. Aber es gibt eine Bewegung. Das gibt mir Hoffnung, dass auch andere Gruppen umdenken.

Sie meinen die Republikaner? Sie haben zum Beispiel viel mit John McCain zusammengearbeitet.

Es gibt hier und da hoffnungsvolle Zeichen. Aber das Hauptinteresse der Republikaner ist klar, sie wollen keine Deals mit der Regierung. Das sind auch schlaue Leute. Sie wissen auch, dass der Zug für die fossilen Energien abgefahren ist. Aber sie wollen erst mal ins Weiße Haus kommen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Brief der republikanischen Kongressabgeordneten und der aktuellen Hitzewelle, dem Rekordsommer?

Die Wasserknappheit in Kalifornien ist ein großes Thema in der Presse. Die Botschaft ist: Der Klimawandel betrifft uns alle. Der Report des Militärs vor ein paar Jahren, der sagte, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Bevölkerung darstelle, hatte eine große Auswirkung hier im Land. Ich glaube, solche Botschaften dringen nach und nach durch. Die Zahl der Leute, die sagt, wir haben mit dem Klimawandel etwas zu tun, ist angestiegen. Es gibt allerdings eine große Kampagne, die versucht, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass das alles nur ein Schwindel der Liberalen ist.

Interview: Benjamin von Brackel

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