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"Rebound-Effekte nicht immer unerwünscht"

Bild "Reicht das?" – fragt klimaretter.info in einer Debattenserie. Es geht um das 40-Prozent-Ziel der Bundesregierung: Reichen die politischen Instrumente zur CO2-Reduktion? Der Nationale Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) soll bis 2020 so viel Energie einsparen, wie Bremen und Thüringen zusammen verbrauchen. Auch wenn Einsparungen durch "Rebound-Effekte" teilweise zunichte gemacht werden, kann das mit einer ambitionierten Politik klappen. Teil 7 unserer Serie.

Ein Standpunkt von Peter Hennicke, Mitglied des Club of Rome,
und Stefan Thomas, Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie

BildSo viel Energie, wie die Bundesländer Thüringen und Bremen zusammen verbrauchen, will die Bundesregierung mit dem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) bis 2020 einsparen. Keine Frage: Mehr Effizienz gilt in Deutschland wie auch weltweit als bester Klimaschutz. Klappt das aber auch, wenn Einsparungen – wie einige befürchten – durch sogenannte Rebound-Effekte wieder zunichte gemacht werden?

BildWir finden, diese Frage ist falsch gestellt. Weil die bisherige Effizienz-Politik viel zu mutlos war, fallen die Rebound-Effekte besonders ins Gewicht. Tatsächlich wird künftig eine ambitionierte Energieeinsparpolitik, verbunden mit einer Suffizienzpolitik zur Begrenzung von Rebound-Effekten, wichtiger denn je.

Es geht dabei um Grundsätzliches. Folgte man der Annahme, wegen der Rebound-Effekte würde sich sogar ein höherer Energieverbrauch ergeben, würde es unmöglich, Energieverbrauch und wirtschaftliche Entwicklung zu entkoppeln. Sinkende Energieverbräuche und ausreichenden Klimaschutz würden Industrieländer nur noch dann erreichen, wenn die Wirtschaftsleistung absolut schrumpft. So argumentieren radikale "Wachstumskritiker". Die Folgen einer "Degrowth"-Strategie für den sozialen Zusammenhalt in bereits erheblich polarisierten Gesellschaften können allerdings ohne eine gerechte Verteilungspolitik desaströs sein.

Trotz steigender Effizienz nimmt der Ressourcenverbrauch zu

Andere Kritiker verweisen darauf, dass in der Vergangenheit trotz steigender Effizienz in den meisten Ländern immer noch mehr Energie und Ressourcen verbraucht wurden, besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern. Hält dieser auf Rebound-Effekte zurückgeführte Trend an, dann rücken – so die These – der globale Klima- und Ressourcenschutz und die Einhaltung der ökologischen Tragfähigkeit der Erde wirklich in utopische Ferne.

Belegt dieser Blick auf die Vergangenheit wirklich, dass zukünftige Bemühungen um mehr Effizienz nicht wirken oder gar schädlich sind? Oder zeigt sich daran nicht vielmehr, dass die Effizienzpolitik bisher einfach noch nicht ambitioniert genug ist?

Zunächst: Was fällt unter den Rebound-Effekt? Zum einen gibt es direkte Effekte, bei denen effizientere Gebäude, Geräte und Fahrzeuge dann weniger sparsam benutzt werden. Im gedämmten Haus werden mehr Räume mit höherer Temperatur beheizt, der effiziente Flachbildschirm läuft länger oder ein sparsames Auto wird öfter genutzt. Wie die Beispiele zeigen, spielen hier auch Qualitäts- oder Anspruchsänderungen eine Rolle.

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Energiesparende Gebäude können dazu führen, dass die Wohnungen größer werden – ein klassischer Rebound-Effekt. (Foto: Dena)

Im gut gedämmten Haus kann man es sich eher leisten, bisher unterkühlte Räume mitzuheizen (mehr Komfort), der Hightech-Bildschirm animiert zu mehr Fernsehkonsum (wachsendes Unterhaltungsbedürfnis) oder das moderne Auto führt dazu, es mehr zu nutzen ("Fahrspaß"). Energieeffizienz ist in diesen Fällen zumindest nicht die alleinige Ursache für Mehrverbrauch, sondern nur eine Begleiterscheinung veränderter Produkte, von Konsumbedürfnissen oder höheren Einkommen.

Rebound-Effekte können auch indirekt daraus resultieren, dass die Energiekosten, die mit energieeffizienten Geräten dauerhaft eingespart werden, meist höher liegen als die anfängliche Investition. Diese Einspargewinne erhöhen die verfügbaren Finanzmittel von Haushalten oder Unternehmen. Damit können zusätzliche Produkte und Dienstleistungen erworben oder produziert werden, deren Fertigung wiederum Energie benötigt.

Ein großer Teil des Einspareffekts bleibt erhalten

Rebound-Effekte sind zwar aus Sicht des Klima- und Ressourcenschutzes unerwünscht, wenn sie Einsparungen verringern. Sie können aber in Produktion und Konsum auch dazu beitragen, dass die Energie(kosten)einsparung zum Erreichen anderer wünschenswerter Ziele verwendet wird. Hierzu gehören zum Beispiel: ein höherer Lebensstandard, vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern, Linderung von Energiearmut, Entwicklung ressourcensparender Greentech, eine gerechtere Verteilung von Energieressourcen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern oder die Erhaltung von Arbeitsplätzen.

Daher ist zwischen unerwünschten und erwünschten Rebound-Effekten zu unterscheiden. Wie diese Unterscheidung – Vermeidung unerwünschter Effekte einer- sowie Wohlfahrtsgewinne durch Zusatznutzen andererseits – in der Praxis bewertet werden soll, dazu gibt es allerdings keine einfachen Lösungen.

Im Schnitt ist davon auszugehen, dass Rebound-Effekte etwa 25 Prozent der Energieeinsparung wieder "auffressen". Das heißt aber auch andersherum: Mit mindestens 75 Prozent des Einspareffekts kann gerechnet werden. Sind Projekte und Programme sorgfältig ausgesucht, kann dieser Wert noch überschritten werden.

Auch empirisch ist belegt, dass eine ehrgeizigere Effizienz-Politik durchaus erhebliche Nettoeinsparungen erzielt. So verfolgt der US-Bundesstaat Kalifornien seit den 1970er Jahren eine entschiedene Effizienzpolitik – im Unterschied zu vielen anderen Bundesstaaten der USA. Resultat: Trotz enormen Wirtschaftswachstums und Rebound-Effekten blieb in Kalifornien der Pro-Kopf-Stromverbrauch nahezu konstant, während er für die gesamte USA nach oben ging.

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Entwicklung des Pro-Kopf-Stromverbrauchs von 1960 bis 2005 (Grafik vergrößern) in Kalifornien (gelb) im Vergleich zur gesamten USA (grau). (Grafik: California Energy Commission/EIA).

Damit es in Deutschland bis 2050 gemäß dem Energiekonzept der Bundesregierung zu einer drastischen absoluten Entkopplung von Bruttoinlandsprodukt (BIP), Energieverbrauch und CO2-Emissionen kommt, muss die Energieeffizienz pro Jahr deutlich schneller steigen als das Wirtschaftswachstum. Insofern passt das Ziel der Bundesregierung, jedes Jahr ein Plus von 2,1 Prozent bei der Effizienz zu erreichen, zu der langfristig unterstellten Wachstumsrate des BIP von (real) etwa einem Prozent pro Jahr bis 2050.

Rebound-Effekte dürfen auch nicht mit solchen aus wachsendem Einkommen verwechselt werden. Es macht offenbar einen Unterschied, ob durch Effizienzsteigerung zwei Prozent an Energiekosten, für die insgesamt fünf Prozent des Einkommen ausgegeben werden, eingespart werden – das ist dann ein Einkommens-"Zuwachs" von 0,1 Prozent –, oder ob das Einkommen pro Jahr um ein Prozent steigt und es dann für zusätzliche Energiedienstleistungen ausgeben werden kann.

Mehr Konsum und Produktion, mehr Wohnfläche pro Kopf, mehr Fernreisen, immer größere Fernseher und PS-starke Fahrzeuge sind vor allem durch steigende Einkommen und Luxusansprüche zu erklären. Mehr Einkommen sind wiederum Resultat von Wirtschaftswachstum, das zuallererst durch steigende Arbeits- und Kapitalproduktivität sowie die Ausbeutung billiger Ressourcen ermöglicht wird – und nur zu einem geringen Teil durch Rebound-Effekte.

Rebound-Effekte durch kluges Nachsteuern minimieren

In Ländern wie Deutschland mit trendmäßig geringem Wirtschaftswachstum und tendenziell zurückgehender Bevölkerung gilt nach wie vor, dass mit ambitionierten Effizienzzielen erhebliche absolute Minderungen des Energieverbrauchs technisch möglich sind. Dennoch ist das Ziel der Bundesregierung, den Primärenergieverbrauch bis 2050 zu halbieren, sehr ehrgeizig. Es erfordert eine weitaus entschiedenere Energiesparpolitik als bisher – aber es lässt sich auch erreichen, sofern Rebound-Effekte eingedämmt werden. Auch weltweit wäre trotz wachsender Bevölkerung und Gebäudefläche eine absolute Reduktion des Energieverbrauchs für Heizen und Kühlen im Gebäudesektor um 45 Prozent bis 2050 möglich.

Rebound-Effekte lassen sich oft durch eine entsprechende Programmgestaltung reduzieren. So sollten bei einer Förderung energieeffizienter Kühl- und Gefriergeräte Prämien nur für Geräte bis zu einem bestimmten Kühlvolumen gezahlt werden und nur dann, wenn eine adäquate Entsorgung des Altgeräts gewährleistet ist. Energiekennzeichen sollten keinen Anreiz zum Kauf größerer Geräte bieten, wie dies beim EU-Label für Waschmaschinen und besonders bei TV-Geräten der Fall ist. Hier sind die Effizienzkriterien so definiert, dass sich mit größerem Volumen eine höhere Effizienzklasse erreichen lässt. Ein ermutigendes Gegenbeispiel sind die neuen EU-Verbrauchsgrenzen für Staubsauger, die in absoluten Leistungswerten, also in Watt, definiert sind.

Um die durch mehr verfügbares Einkommen und niedrigere Energiepreise induzierten Rebound-Effekte zu verringern, schlägt zum Beispiel Ernst Ulrich von Weizsäcker vor, die Energiesteuern im gleichen Maße zu erhöhen, wie die Energieeffizienz gesteigert wird. Ein Teil der Steuer könnte genutzt werden, um den ökologischen Umbau von Wirtschaft und Konsum noch zu beschleunigen und zugleich soziale Härten zu vermeiden.

Auch werden europaweit absolute Obergrenzen des Energieverbrauchs diskutiert. Mit der Energieeffizienzrichtlinie von 2012 hat die EU beschlossen, dass sich alle Mitgliedsstaaten bis 2020 verbindliche Minderungsziele von 1,5 Prozent pro Jahr für den Energieverbrauch setzen müssen. Das Europaparlament fordert für die EU bis 2030 eine verbindliche Effizienzsteigerung von 40 Prozent.

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Einspartipps für elektrische Herdplatten: Nie ohne Topf anheizen und immer die Nachwärme nutzen – und, wenn möglich, Ökostrom für den Hauhsalt beziehen. (Foto: Eva Mahnke)

Trotz alledem bleiben jedoch die unerwünschten Effekte einer rein quantitativ ausgerichteten Wachstumsmaximierung auf den Energie- und Ressourcenverbrauch ein bisher ungelöstes Problem. Es ist daher wichtig, nicht nur die Rebound-Effekte präziser zu erfassen und zu reduzieren, sondern die Koppelung von Effizienz- und Suffizienzpolitik wissenschaftlich besser zu untermauern und politisch umsetzbar zu machen.

Dabei geht es auch um die Frage, ob und inwieweit durch eine gestaltende Industrie- und Dienstleistungspolitik und den hierbei angestrebten wirtschaftlichen Strukturwandel "ressourcenleichtere" Wachstumsfelder angeregt werden können. Könnten durch eine entsprechende Steuer- und Ausgabenpolitik ressourcenintensive Branchen wie der fossil-industrielle Komplex durch ressourcenleichtere Dienstleistungsbereiche wie Ausbildung, Gesundheit, Pflege oder Kultur längerfristig ersetzt werden, würde dies den Trend zu sinkendem Energie- und Ressourcenverbrauch stärken, ohne in der Summe das Wachstum zu reduzieren.

 
Der Ökonom Peter Hennicke ist Mitglied des Club of Rome und ehemaliger Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Der Physiker Stefan Thomas leitet die Forschungsgruppe Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal-Institut

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Debatten-Serie:
"Reicht das?"

Teil 1: Jochen Flasbarth: "Deutschland muss es vormachen"
Teil 2: Josef Göppel: "Wir müssen Menschen zu Akteuren machen"
Teil 3: Annalena Baerbock: "Jetzt die richtigen Weichen stellen"
Teil 4: Charlotte Ruhbaum: "Die Effizienz-Bilanz ist zwiespältig"
Teil 5: Stefan Krug: "Der Techno-Diskurs motiviert nicht"
Teil 6: Johannes Lackmann: "Im Autoland fehlt der politische Wille"
Teil 7: Peter Hennicke und Stefan Thomas: "Rebound-Effekte nicht
              immer unerwünscht"

[Erklärung]  
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