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Der Klimawandel erreicht den Kreml

Russische Unternehmen müssen künftig ihren CO2-Ausstoß erfassen. Experten gehen davon aus, dass Russland bald auch die Emissionen regulieren wird. Zwar gibt es Widerstand im Energiesektor und die Wirtschaftslage ist schwierig, ein erstes Klimaschutz-Paket haben die Ministerien aber schon vorgelegt.

Aus St. Petersburg Angelina Davydova

Im Mai war es so weit: Russland gab sich ein Verfahren zur Erfassung und Berichterstattung seiner Treibhausgase. Es sieht vor, den Ausstoß von Kohlendioxid zunächst in Pilotregionen zu erfassen. In diesem und im kommenden Jahr soll das Monitoringsystem noch verfeinert werden. Bislang ist geplant, dass ab 2016 alle Unternehmen mit einem jährlichen CO2-Ausstoß über 150.000 Tonnen berichten müssen. Ab 2017 betrifft das dann auch Firmen ab 50.000 Jahrestonnen sowie Luftfahrt, Schienenverkehr und Schifffahrt.

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Russlands Wirtschaft hängt am Energieexport. Genau der kommt jetzt auch noch durch den Klimawandel unter Druck. Aussitzen geht aber nicht mehr. (Foto: Rosneft)

Die Erfassung der Emissionen ist nur der erste Schritt. "Fast alle großen Emittenten auf der Welt haben nicht nur Vorschriften für die Treibhausgas-Berichterstattung erlassen, sondern auch diverse Vorgaben zur Regulierung, darunter auch einige BRICS-Staaten", sagt Anton Galenowitsch, der eine Arbeitsgruppe des Wirtschaftsministeriums und des Industrieverbandes Business Russia leitet, die die Treibhausgasregulierung voranbringen soll.

Experten rechnen deswegen damit, dass Russland nach Einführung des Monitorings bald auch die Emissionen regulieren wird. "Nach zwei, drei Jahren Erfahrung mit dem System kann Russland sich langsam überlegen, ob es sich eher für eine Kohlendioxidsteuer oder einen Emissionshandel entscheidet", sagt Wladimir Berdin, Vizechef des International Sustainable Energy Development Center, einer Organisation unter dem Dach der Vereinten Nationen, die Ökoenergien in Russland voranbringen soll.

Energiesektor muss sich modernisieren

So oder so wird es vor allem die Branche treffen, die für mehr als 80 Prozent des russischen Treibhausgasausstoßes verantwortlich ist: den Energiesektor. Erst kürzlich erklärte der russische Umweltminister Sergej Donskoj auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg, dass sich der Energiesektor modernisieren müsse, um seine Emissionen zu senken.

Die beiden Energieriesen Gazprom und Lukoil führen bereits Buch: Sie nehmen am Carbon Disclosure Project teil, einem von der gleichnamigen Organisation ins Leben gerufenen freiwilligen Programm zur Erfassung der CO2-Emissionen. Zudem sprach sich Donskoj für eine größere Rolle der erneuerbaren Energien und eine stärkere Nutzung von Erdgas aus.

Investoren fragen nach der CO2-Bilanz

Druck kommt auch von außen. Seit Jahren schon erkundigen sich ausländische Unternehmen bei ihren russischen Partnern nach der Treibhausgasbilanz. "Handelspartner sehen den Kohlendioxidausstoß zunehmend als wichtiges Kriterium für die Zusammenarbeit an", sagt Igor Makarow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau. Auch mögliche internationale Entscheidungen erzeugen Handlungsdruck. "Bislang regulieren wir den Ausstoß von Kohlendioxid nicht", erläutert Makarow. "Globale Regulierungen würden also unsere Unternehmen hart treffen. Je mehr Länder einen Preis für Kohlendioxid einführen, desto eher läuft Russland Gefahr, dass es beim Export seiner Waren künftig CO2-Zölle zahlen muss."

Russland gilt weltweit als der zweitgrößte Netto-Exporteur von Treibhausgasen – nach China. Das liegt vor allem an der Struktur der Exporte: 65 Prozent sind fossile Brennstoffe. Dagegen importiert Russland Waren, deren CO2-Bilanz relativ günstig ist.

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Elektromobilität in der Millionenstadt Kasan an der Wolga: In Regionen ohne fossile Abhängigkeiten soll Russland jetzt den Klimaschutz ausprobieren: (Foto: Andrej Surikow/Wikimedia Commons)

Die Einführung einer Treibhausgasregulierung dürfte alles andere als einfach werden. "Die Angst der russischen Wirtschaft vor einer Kohlendioxid-Bepreisung ist hoch, vor allem unter den Öl- und Gasunternehmen", sagt Oleg Pluschnikow. Der frühere Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums leitet heute die Klima-Abteilung beim Industry Round Table for Cooperation with the European Union. "Diese Unternehmen werden sagen, dass die CO2-Regulierung viel zu früh kommt und sie dafür noch nicht bereit sind."

Immer weniger Geld für Klimaprojekte

Zum Widerstand aus dem Energiesektor kommt die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sich Russland durch die internationalen Sanktionen befindet. Während das Land das Treibhausgas-Monitoring einführt, kürzt es zugleich massiv die Förderungen für den Klimaschutz. Auch internationale Gelder fließen weniger. Die Globale Umweltfazilität, ein internationaler Mechanismus zur Finanzierung von Umweltschutzprojekten in Entwicklungs- und Schwellenländern, hat sogar die Unterstützung für bereits zugesagte Projekte gestrichen. "Solche Schritte behindern die gemeinsamen Anstrengungen für den Klimaschutz", beklagt sich Alexander Bedrizki, Klimaberater von Russlands Präsident Wladimir Putin.

Der Zugang Russlands zu internationalen Programmen, Krediten und Technologietransfer ist dabei eminent wichtig. "Die gegenwärtigen Sanktionen schaden dem Klima", sagt Oleg Pluschnikow. "Wir brauchen Perspektiven für Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz." Das sieht offenbar auch die EU so. Ihre Klimakooperation mit Russland wurde gerade erneuert und zusätzlich das Gesprächsformat "Moskauer Klimadialog" vereinbart.

Vorreiter-Regionen gefragt

Trotz der Finanzschwierigkeiten will Russland sein CO2-Reduktionsziel für 2020 von minus 25 Prozent gegenüber 1990 erreichen. Vor einigen Wochen legten mehrere Ministerien ein Bündel an Maßnahmen vor, die den Umstieg auf ein emissionsärmeres Wirtschaften befördern sollen. So soll ein Teil des bei der Erdölförderung anfallenden Erdgases nicht mehr abgefackelt werden. Kommunale und landwirtschaftliche Abfälle sollen nicht mehr auf Deponien landen, wo sie große Mengen Methan freisetzen.

Weiter stehen Projektfinanzierungen für klimafreundliche Technologien nach dem Vorbild des Joint-Implementation-Mechanismus auf dem Programm. Auch die staatseigenen Unternehmen sollen sich mit "Innovationsprogrammen" beteiligen. In die Vorschriften zur "besten verfügbaren Technik" werden CO2-Standards Eingang finden. Diese müssen dann von den Unternehmen eingehalten werden, wollen sie Strafzahlungen vermeiden.

Dennoch kommt die Klimagesetzgebung in Russland nur schleppend voran. Zuletzt wurden deshalb die Stimmen lauter, die vorschlagen, dass einzelne Regionen oder auch Städte mit gutem Beispiel vorangehen sollten. "Städte wie Moskau, Kasan oder Archangelsk, die keine fossilen Bodenschätze haben, sollten eine lokale CO2-Steuer einführen", fordert etwa Jewgeni Schwarz vom WWF Russland. Die Moskauer Verwaltung hat diese Idee Anfang Juni bereits diskutiert. Im Gespräch ist, die Stadt zur Klima-Pilotregion zu machen, den Ausstoß von Kohlendioxid zu begrenzen und eigene Instrumente zur Senkung von Emissionen zu entwickeln.

Russland spürt die Folgen der Erwärmung

Auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum hat das Land zum ersten Mal öffentlich anerkannt, dass der Klimawandel auch für Russland enorme Schäden bedeutet. "Die negativen Auswirkungen sind sehr viel größer als die positiven Folgen des Klimawandels etwa auf den Agrarsektor oder durch geringere Heizkosten", sagte Umweltminister Donskoj.

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Auch in Moskau zieht man jetzt Verbindungen zwischen Energieverbrauch, Treibhausgasausstoß und den spürbaren Folgen des Klimawandels. (Foto: Wecameasromans/Wikimedia Commons)

In Russland steigen die Durchschnittstemperaturen zweieinhalb mal so schnell wie im globalen Durchschnitt. "Im vergangenen Jahr gab es 570 gefährliche Wetterereignisse", bilanzierte Donskoj, die zum Teil erhebliche finanzielle Schäden bedeuteten. Erst vor kurzen war die Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer durch Starkregen geflutet worden. Flughafen und Bahnhof mussten geschlossen werden. Strom und Gas fielen aus.

Donskoj schätzt, dass der Klimawandel Russland ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten kann, in einigen Regionen könnten es vier bis fünf sein. Donskoj: "Wir müssen uns anpassen, um die Verluste und Risiken zu senken."

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