"Für Risiken widerstandsfähiger werden"

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Die Politik muss für den Fall von Naturkatastrophen besser vorsorgen und nicht erst warten, bis es zu spät ist, sagt Thomas Silberhorn, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesentwicklungsministerium. Doch oftmals fällt es schwer, Geld für etwas freizugeben, was noch nicht sichtbar ist. Die Folgen fehlender Prävention sind aber gerade in Zeiten häufigerer und stärkerer Extremwetterereignisse verheerend, meint Silberhorn, der Deutschland auf der derzeit laufenden 3. Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge in Japan vertritt.

klimaretter.info: Herr Silberhorn, in Japan berät die UNO mit 6.000 Delegierten über die Zukunft der Katastrophenvorsorge, gleichzeitig verwüstet ein Zyklon den Inselstaat Vanuatu – wie groß ist der Handlungsdruck?

Thomas Silberhorn: Der Zyklon zeigt, wie dringend notwendig eine bessere Katastrophenvorsorge ist. Wir müssen vermehrt mit Naturkatastrophen und extremen Wetterlagen rechnen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass wir heute schon jährlich Verluste von bis zu 300 Milliarden US-Dollar durch die Folgen von Katastrophen erleiden. Deshalb müssen wir vorsorgen und rechtzeitig investieren – und nicht erst reagieren, wenn ein Unglück bereits passiert ist.

Was soll und kann die UN-Konferenz dazu beitragen?

Es müssen alle zusammenarbeiten, um besser gegen Katastrophen gewappnet zu sein. Vor allem Entwicklungsländer und die ärmsten Bevölkerungsgruppen sind betroffen. Aber auch Industrieländer leiden unter den Folgen von Katastrophen. Deshalb geht das Thema alle an.

Geht es auch um Finanzen? Immerhin kostet Vorsorge ja auch viel Geld, das viele Länder und Kommunen oft nicht haben.

Natürlich braucht man Geld, aber das allein reicht noch nicht aus. Wir müssen dafür sorgen, dass nicht nur die Staatenwelt miteinander spricht, sondern auch die Zivilgesellschaft und die Forschung mit ins Boot genommen werden. Auch die Medien spielen eine große Rolle, denn bei Frühwarnsystemen geht es darum, in sehr kurzer Zeit so viele Menschen wie möglich zu informieren. Und vor allem müssen die Kommunen vor Ort gut auf einen Notfall vorbereitet sein, aber auch schon durch vorausschauende Planung – etwa beim Küstenschutz – widerstandsfähiger werden.

Ban Ki Moon hat am Wochenende von sechs Milliarden Dollar gesprochen, die weltweit pro Jahr in die Prävention investiert werden müssten...

Dieses Jahr wird die Entwicklungspolitik eine ganz besonders große Rolle spielen. Wir wollen im September bei den Vereinten Nationen eine Agenda über nachhaltige Entwicklungsziele verabschieden. In diesem Kontext wird auch über Geld gesprochen werden. Die Konferenz in Japan ist also nur der Auftakt für ein debattenreiches Jahr. Dabei wollen wir die Entwicklungszusammenarbeit generell stärker auf Prävention ausrichten.

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Ein einziges Trümmerfeld hinterließ der Taifun Haiyan 2013 in der philippinischen Stadt Tacloban. (Foto: Eoghan Rice/Caritas/Wikimedia Commons)

Auch beim Weltklimavertrag spielt die Entwicklungshilfe in Form des Grünen Klimafonds eine wichtige Rolle. Ist die Risikovorsorge ein Teil dieses Budgets?

Der Grüne Klimafonds und die Maßnahmen zum Klimaschutz sind nur ein Teil der Katastrophenvorsorge. Aber er macht anschaulich, wie grundlegend und umfassend diese Aufgabe ist. Es geht hier in Japan deshalb beispielsweise auch darum, wie man Planungsprozesse in Kommunen von Beginn an auf Risikovorsorge ausrichtet.

Welches Beispiel fällt Ihnen da bei deutschen Kommunen ein?

Bei Überflutungen beispielsweise stellt sich die Frage, wo man bauen darf und wie ‎man ausreichend Retentionsraum schafft. Auch bei bestehenden Wohngebieten muss über einen wirksamen Hochwasserschutz nachgedacht werden. Vorsorge ist auch eine Frage der Mentalität. Man muss schon dann vorsorgen, wenn die Gefahren noch nicht sichtbar sind. Es fällt der Politik oft schwer, Geld für etwas auszugeben, was man noch nicht sehen kann. Wenn jedoch nicht vorgesorgt wird, hat das gravierende finanzielle Konsequenzen: Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Kosten für Schadensbeseitigung und Wiederaufbau viermal so hoch sind wie für Vorsorge.

Wie wollen Sie das vermitteln?

Das ist auf der Konferenz sehr anschaulich: Wir sind hier im japanischen Sendai an einem Ort, wo man noch heute die Auswirkungen des schrecklichen Tsunamis von 2011 sehen kann. Vier Jahre später arbeitet die Kommune immer noch daran, diese Gebiete wieder zugänglich zu machen und zu beleben. Das macht eines deutlich: Dort, wo extreme Wetterereignisse passieren, werden die betroffenen Länder oft um Jahre zurückgeworfen. Das ist für Entwicklungsländer verhängnisvoll. Deshalb müssen wir rechtzeitig hinschauen und nicht erst reagieren, sondern vorher agieren.

Interview: Susanne Götze

Ergänzung am 18. März zur zu Ende gehenden Konferenz in Japan: Neuer UN-Vorstoß gegen Katastrophen

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