Schwerpunkte

Meeresspiegel | E-Mobilität | Wahl

Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

BildVor der industriellen Revolution waren die Menschen der Welt etwa gleich arm. Dann wurden einige Länder sehr reich und seither ist die Welt zweigeteilt: in Industrie- und Entwicklungsländer. Auch beim Klimagipfel in Lima werden beide wieder gegeneinander anreden. Dabei ist die Zweiteilung nicht länger sinnvoll. Teil 6 unseres Lima-Countdowns.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Vor 200 Jahren kam die Ungleichheit in die Welt. Davor war das Pro-Kopf-Einkommen in China, Indien und Europa in etwa gleich: Die meisten Menschen waren sehr arm. Doch dann geschah das "Europäische Wunder": Zuerst in Großbritannien, dann in den Niederlanden und schließlich im Rest Europas begann die Wirtschaft sehr schnell zu wachsen. Dank des zunehmenden Einsatzes von Maschinen in der industriellen Revolution stieg die Produktivität der Europäer rasant und damit auch ihr Einkommen.

Bild
Die Einteilung der Staaten fällt oft nicht so leicht: Für die CIA ist auch die Vatikanstadt ein Industriestaat. Möglicherweise verfügt der US-Geheimdienst über Informationen, die andere nicht haben. (Foto: David Iliff/Wikimedia Commons)

Dank dieses wirtschaftlichen und (waffen-)technischen Vorteils konnten einige europäische Länder weite Teile der Welt kolonisieren. Diese Dominanz wurde selbst durch zwei Weltkriege nicht gebrochen. Nur im Kalten Krieg wurde die Zweiteilung der Welt durch eine Dreiteilung abgelöst: Die "erste Welt" umfasste die USA und ihre Verbündeten, die "zweite Welt" die kommunistischen Staaten und die "dritte Welt" all die Länder, die keinem der beiden Blöcke angehörten. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Einführung der Marktwirtschaft in China ist die "zweite Welt" schon wieder Geschichte.

Nun gilt wieder eine Zweiteilung – in Industrie- und Entwicklungsländer oder kurz "The West and the Rest". Wer zu welcher Kategorie gehört, wurde Anfang der 1990er Jahre auch penibel festgehalten: im Annex II der UN-Klimarahmenkonvention. Dort sind 23 "Industriestaaten" sowie die EU aufgelistet. Niemand erwartete damals, dass sich an dieser Zweiteilung etwas ändern könnte – im Gegenteil: Noch 1997 schrieb der damalige Chefökonom der Weltbank Lant Pritchett, der zunehmende Abstand zwischen reichen und armen Ländern sei "das dominierende Merkmal moderner Wirtschaftsgeschichte".

Aufholjagd der Entwicklungsländer: Historische Ausnahme

Aber dann geschah erneut ein "Wunder": Viele Entwicklungsländer, allen voran China, begannen sehr schnell zu wachsen. 1995 war die Welthandelsorganisation WTO gegründet worden und 2001 trat China ihr bei. Die Wachstumsrate des Welthandels verdoppelte sich auf knapp neun Prozent. Zudem stiegen die Preise für Rohstoffe und Agrargüter, wovon viele Entwicklungsländer profitierten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wurde im Jahr 2008 erreicht. Damals stieg das Pro-Kopf-Einkommen in den Schwellenländern (ohne China) um sechs Prozent schneller als in den USA und mit China sogar um über sieben Prozent. Hätten die Entwicklungsländer dieses Tempo beibehalten können, wären sie in gut einer Generation ähnlich reich wie die US-Amerikaner.

Dieser Wachstumsspurt wurde jedoch von der Finanz- und Wirtschaftskrise gestoppt. Obwohl das Wachstum in den meisten Industriestaaten im Moment sehr niedrig ist, wachsen die Schwellenländer nur wenig schneller. Die Aufholjagd der Entwicklungsländer in den Nullerjahren scheint eine Ausnahme vom historischen Trend zu sein.

Trotzdem ist die simple Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer nicht länger sinnvoll. Das zeigt sich vor allem in internationalen Verhandlungen vom Handel bis zum Klimaschutz. Dort treten die Entwicklungsländer normalerweise als Gruppe der 77 (G 77) auf. Doch die hat immer größere Mühe, eine kohärente Position zu definieren. Es bilden sich immer mehr Untergruppen.

Neue OECD-Mitglieder

Die zahlenmäßig stärkste Fraktion sind die am wenigsten entwickelten Länder, die Least Developed Countries (LDCs). Dazu zählen 48 Länder. Am anderen Ende der Einkommensskala finden sich die Ölförderstaaten am Arabischen Golf. Sie haben ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als viele Industriestaaten. Wegen der wenig diversifizierten Wirtschaft zählt der IWF diese Länder aber trotzdem nicht zu den Industrieländern.

Dazwischen liegt eine Gruppe von Ländern, die oft als "Schwellenländer" bezeichnet werden. Wer genau zu dieser Gruppe gehört, unterscheidet sich aber von Autor zu Autor. Genannt werden meist die BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – sowie die wohlhabenden Staaten Südostasiens: Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Thailand.

In Lateinamerika verfestigen sich derweil zwei Gruppen, die sich durch Ideologie unterscheiden: Die linken Regierungen von Bolivien, Ecuador, Kuba, Nicaragua, Venezuela und vier weiteren Ländern firmieren bei den Klimaverhandlungen unter dem Namen "Bolivarische Allianz der Völker unseres Amerika" kurz ALBA. Ihnen stehen sechs westlich orientierte Länder entgegen, die unter dem Akronym AILAC auftreten: Chile, Costa Rica, Guatemala, Kolumbien, Panama und Peru. Diese verstehen sich als "Brückenbau-Ingenieure", die versuchen, den Gegensatz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu überwinden.

Aber auch die Industriestaaten haben Zuwachs bekommen: Mittlerweile gelten alle neuen EU-Staaten mit Ausnahme von Bulgarien, Rumänien und Kroatien als Industrieländer. Und auch der "Club der Industriestaaten", die OECD, hat neue Mitglieder: die meisten neuen EU-Länder sowie Chile, Israel, Mexiko, Südkorea und die Türkei. Mit Kolumbien und Costa Rica wird über die Aufnahme verhandelt. Die OECD legt dabei nicht nur auf wirtschaftliche Entwicklung wert, sondern hat auch eine strenge "Kleiderordnung": Von Mitgliedern wird Demokratie, Marktwirtschaft und ein Faible für Statistik verlangt. Der Beitrittsantrag Russlands wurde daher in der Folge der Krimkrise ausgesetzt.

Der IWF pflegt eine Liste von Industriestaaten, die neben den bereits erwähnten Ländern zusätzlich Hongkong, Taiwan und Singapur aufzählt. Und schließlich führt der US-Geheimdienst CIA eine Liste von Industriestaaten und zeigt dabei ein Herz für die Kleinen: Hier werden auch Andorra, Bermuda, die Färöer-Inseln, Liechtenstein, Monaco, San Marino und der Vatikan nicht vergessen. Interessanterweise ist für den CIA auch Südafrika ein Industrieland. Quer über alle Listen (IWF, OECD, CIA) kommt man so auf gut 50 Industriestaaten.

Bild
Die Welt wurde immer wieder neu aufgeteilt, zurzeit in Industrie- und Entwicklungsländer. Ihre Verletzlichkeit symbolisiert die Skulptur "Kristallplanet" von Ewa Rossano in Wrocław. (Foto: Benjamin von Brackel)

Und dann gibt es weitere Klassifikationen: So haben gemäß dem Index der menschlichen Entwicklung HDI, der auch die Lebenserwartung und die Bildung berücksichtigt, 49 Länder einen "sehr hohen" und weitere 53 Länder einen "hohen" Entwicklungsstand. Die simple Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer ist also nicht länger sinnvoll. Doch noch fehlt eine neue Beschreibung der Welt, die der Realität besser gerecht wird. Und so werden viele Länder weiter in ihren binär kodierten Schützengräben verharren, statt aufzustehen und Brücken zu bauen.

 
BildUnser Lima-Countdown:

Teil 1: Alles steht und kippt mit Lima
Teil 2: Drei Fonds, aber kein Geld 
Teil 3: "Kein rechtlicher Schutz für Klimaflüchtlinge" 
Teil 4: Die Welt tüftelt am Kohlendioxid-Preis
Teil 5: Warum UN-Klimaverhandlungen wichtig sind
Teil 6: Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen