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"Wir brauchen den Willen zur Veränderung"

Der Weltklimarat IPCC hat heute in Kopenhagen den abschließenden Synthese-Band seines neuen Sachstandsberichts vorgelegt. Bis 2020 müssen die Treibhausgas-Emissionen ihr Maximum erreicht haben, bis zum Ende des Jahrhunderts muss die fossile Energieproduktion "nahezu vollständig" verschwunden sein, heißt es darin klipp und klar. "Wenn wir nicht schnell handeln, wird es immer teurer."

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Wer noch irgendwelche Zweifel gehabt haben sollte – nach der Veröffentlichung des Synthese-Bandes des neuen Weltklimaberichts gibt es dafür keinerlei Argumente mehr: Der menschliche Einfluss auf das Klimasystem ist eindeutig, konstatiert der UN-Klimarat IPCC in seinem am heutigen Sonntag in Kopenhagen vorgelegten vierten und letzen Teil-Report. Die Emissionen von Treibhausgasen sind demnach die höchsten in der Geschichte. Ohne effektive Gegenmaßnahmen "wächst die Wahrscheinlichkeit für ernste, umfassende und dauerhafte Auswirkungen auf die Menschheit und das Ökosystem".

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Die Teile des Puzzles ergeben ein Bild: Der Synthesebericht des Weltklimarates fasst die vorangegangenen Teilberichte zusammen. (Abbildung: IPCC)

Dennoch gibt es Hoffnung. Weil es einen "unbestreitbaren Zusammenhang" zwischen menschlichen Aktivitäten und der Klimaänderung gibt, so der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri, gebe es auch "Möglichkeiten, über die nächsten Jahrzehnte eine so substanzielle Reduktion der Emissionen zu erreichen, wie sie notwendig ist, um die Erhöhung der globalen Temperatur auf zwei Grad zu begrenzen". Aber: "Was wir brauchen, ist der Wille zur Veränderung", betonte Pachauri. "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Wenn wir nicht schnell handeln, wird es immer teurer."

Ohne CCS seien die Klimaziele vermutlich nicht erreichbar

Wolle man mit finanziell vertretbaren Optionen zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels arbeiten, müsse der globale Klimagasausstoß 2020 sein Maximum erreicht haben und bis 2050 im Vergleich zu 2010 um 40 bis 70 Prozent fallen. Bis zum Jahr 2100 müsse die fossile Energieproduktion "nahezu vollständig" verschwunden sein. Jedenfalls soweit sie nicht mit wirksamen technischen Systemen zur Abspaltung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage, CCS) kombiniert werde. Dieser CCS-Technik räumt der IPCC ein großes Potenzial ein: Vermutlich seien die Klimaziele ohne die – bislang noch nicht ausgereifte – Technologie zur Abscheidung und Einlagerung von Kohlendioxid nicht erreichbar, fürchten die Wissenschaftler.

Auf dem Weg zum Null-Emissions-Ziel sollte der Anteil erneuerbarer Stromproduktion bis 2050 von gegenwärtig 30 auf 80 Prozent gesteigert werden, so der Weltklimarat. Notwendig sei ein schneller Ausstieg aus der Kohle, für eine Übergangszeit auch in "CO2-ärmere" Fossilbrennstoffe. Auch die Atomenergie wird als Möglichkeit genannt. Der Bericht betont außerdem die Bedeutung von Verhaltensänderungen: Eine geänderte Ernährung mit weniger Fleischkonsum könne ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Reduktion von Emissionen spielen.

Größte Bedrohung in der Geschichte der Menschheit

Überraschende Neuigkeiten waren es also insgesamt nicht, die in Anwesenheit von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der kürzlich den Klimawandel als größte Bedrohung in der Geschichte der Menschheit bezeichnet hatte, in der dänischen Hauptstadt präsentiert wurden. Doch das war auch nicht zu erwarten gewesen. Denn in den 116-seitigen Synthese-Band und seine 40-seitige Zusammenfassung für politischen Entscheidungsträger gingen keine neuen Zahlen oder Erkenntnisse ein. Die Zusammenstellung soll "nur" eine integrierte Sicht der drei vorherigen Teilberichte – über die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels, seine Folgen und mögliche ökonomische, technologische und politische Gegenmaßnahmen – herausdestillieren.

"Aber mehr als eine bloße Zusammenfassung ist es schon", betont der Klimaforscher Arthur Petersen, Mitglied der niederländischen Delegation in Kopenhagen. "Es ist ein eigenständiges Dokument, das Grundlage für die UN-Klimakonferenz in Paris 2015 sein wird." Oder, wie es Alden Meyer von der US-amerikanischen Union of Concerned Scientists formulierte, "das letzte Wort, das die Wissenschaft den Politikern für ihre Entscheidungen dorthin mit auf den Weg gibt".

Übersetze man die Sprache der Wissenschaft in eine für die breite Öffentlichkeit verständliche Sprache, sei das für die Politik natürlich nicht unbedingt bequem, meint Meyer: "Es schließt sich ja logisch die Frage an, was nun konkret zu tun ist." Weshalb wieder um nahezu jeden Satz und jede Grafik gerungen worden sei, als Wissenschaftler und Regierungsvertreter in der vergangenen Woche die entscheidende "Summary for Policymakers" verhandelten – ähnlich wie bei der Vorlage des Syntheseberichts zum Vierten Sachstandsbericht 2007, ebenfalls in Kopenhagen. Zwar enthalte der Bericht viele langfristige und globale Zielsetzungen, bleibe aber zum wiederholten Mal ausgesprochen vage, wo es darum geht, was auf nationaler Ebene konkret getan werden sollte, kritisiert Meyer.

Null-Emissions-Ziel belastet Wirtschaft nicht über Gebühr

Eine insgesamt positive Bilanz zieht John Nordbo, dänischer Klimaexperte der Umweltstiftung WWF: Zum ersten Mal werde in dieser Eindeutigkeit ein Nullemissionsziel aufgestellt und außerdem betont, dass dieses erreichbar sei, ohne die Volkswirtschaften über Gebühr zu belasten. Auch Annika Jacobson, Vorsitzende von Greenpeace Schweden, spricht insoweit von einer "unerhört starken und wichtigen Botschaft".

Nun müsse die Politik das auch umsetzen, fordert Nordbo. Als positives Beispiel verweist er auf das Gastgeberland. Die dänische Regierung hatte vergangene Woche angekündigt, auf Kohle als Brennstoff in der Energieproduktion spätestens 2025 vollständig verzichten zu wollen – statt erst 2030 wie bislang geplant.

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Präsentation des Synthese-Berichts heute Mittag in Kopenhagen. In der Mitte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, rechts von ihm IPCC-Chef Rajendra Pachauri. (Foto: Screenshot/IPCC)

Martina Krüger, Klima- und Energieexpertin von Greenpeace Schweden, sieht im IPCC-Bericht eine deutliche Botschaft an alle, die in Deutschland noch immer eine Zukunft für die Braunkohleverstromung sehen wollen: "Der Rapport ist eine deutliche Warnung, dass Investitionen in fossile Brennstoffe zu einem Verlustgeschäft werden." Ein erster notwendiger Schritt wäre nun, die geplanten neuen Braunkohletagebaue sofort zu stoppen.

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