"Die UN-Initiative ist enorm hilfreich"

BildParallel zum UN-Gipfel findet in New York eine Konferenz wichtiger Repräsentanten aller Glaubensgemeinschaften der Welt zum Klimaschutz statt. Sabine Minninger, Klimareferentin der Entwicklungsorganisation Brot für die Welt, ist vor Ort. Im Interview mit klimaretter.info spricht sie über Religionen, Zivilgesellschaft, Klimapolitik und den größten Flop von New York.


Bildklimaretter.info: Frau Minninger, parallel zum UN-Klimagipfel und zur Climate Week New York trafen sich führende Vertreter der Weltreligionen in New York. Worum ging es?

Sabine Minninger: Oberhäupter der Muslime, der Juden, Buddhisten, Christen und anderer Weltreligionen haben eine Allianz geschmiedet, um Druck auf die Staats- und Regierungschefs zu machen. Wir brauchen einen ambitionierten Klimavertrag, um die Erderwärmung doch noch auf zwei Grad begrenzen zu können. Dafür ist so viel Druck wie nur möglich notwendig und die Religionen können einen gehörigen Einfluss ausüben, wenn sie sich der Aufgabe annehmen.

Außerdem gab es eine Konferenz der "ACT Alliance". Was ist das?

ACT bedeutet Action by Churches Together – Kirchen helfen gemeinsam. Das ist ein Bündnis der protestantischen Kirchen und ihrer Hilfswerke. Die haben sich im Nachgang des Ban-Ki-Moon-Gipfels getroffen, um über Strategien zu beraten, wie die Gerechtigkeitsfrage besser in den Klimaverhandlungen verankert werden kann. Schuld am Problem sind die heute reichen Staaten, leidtragend die Armen. Das muss bei der Frage, wer welchen Lösungsbeitrag leistet, berücksichtigt werden.

So, wie die Verhandlungen derzeit laufen: Wie wird die Gerechtigkeitsfrage denn berücksichtigt?

Überhaupt nicht. Das Kyoto-Protokoll stammt aus einer Zeit, in der Länder als Entwicklungsländer definiert wurden, die heute längst keine mehr sind – für sich aber immer noch den Status beanspruchen. Katar beispielsweise ist heute mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 75.000 Euro der reichste Staat der Welt. Ein Reichtum, der durch das kostenlose Abladen von Treibhausgasen in der Atmosphäre erkauft wurde: Katar hat pro Kopf mit mehr als 40 Tonnen Kohlendioxidäquivalent eine viermal so große Klimaschuld wie Deutschland. Trotzdem gilt Katar als Entwicklungsland, das keine Reduktionspflichten zu erfüllen hat.

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Wohin, wenn der Meeresspiegel steigt? Diese Plastik, die an das Leid der Boatpeople erinnert, steht vor dem UN-Hauptgebäude in New York. (Foto: Nick Reimer)

Die ärmsten Länder der Erde, die am meisten unter der Klimaschuld der reichen Staaten leiden, finden viel zu wenig Gehör in den Klimaverhandlungen. Und etliche der Least Developed Countries, also der am wenigsten entwickelten Staaten, tun viel mehr als die Industriestaaten. Trinidad und Tobago oder Grenada haben erklärt, ihre Energieversorgung zu 100 Prozent auf Erneuerbare umzustellen, Bangladesch hat ein umfangreiches Klima-Anpassungsprogramm gestartet, obwohl dort die öffentlichen Mittel knapp sind. Die Industrieländer müssen sich an solchen Initiativen ein Vorbild nehmen.

Was wäre notwendig?

Erstens müssen die entwickelten Schwellenländer wie China, Brasilien oder Südafrika aufhören, so zu tun, als ob sie nichts zum Problem beitragen. Zweitens müssen die Industrieländer viel massiver den ärmsten Ländern helfen. Mit Geld, mit Logistik, mit Partnerschaft. Das findet noch viel zu wenig statt.

Sie waren selbst Beobachterin des Ban-Ki-Moon-Gipfels: Wie fällt Ihr Urteil aus?

Ich finde die Initiative, dass Staatsoberhäupter zum Rapport geladen werden, enorm hilfreich. Natürlich waren hier keine Beschlüsse zu erwarten, dafür war dieser Gipfel auch nicht gedacht. Er hat das Thema aber weltweit wieder ins Bewusstsein der Politiker gerückt und zurück auf die Agenda gebracht.

Zurück zu den Kirchen: Wie können sie die ärmsten Staaten der Welt unterstützen?

Auf dreierlei Weise. Natürlich unterstützen die kirchlichen Hilfswerke wie Brot für die Welt auch Klimaprojekte vor Ort finanziell. Zweitens geht es um Bildung: Wir unterstützen unsere Partner dabei, ein Verständnis für die Erderwärmung, für die Klimaverhandlungen zu bekommen, damit sie agieren können. Drittens geht es aber auch um Lobbyarbeit. Wenn die Anliegen der Least Developed Countries in den Verhandlungen nicht gehört werden, dann müssen wir unsere Regierungsdelegationen eben zwingen, zuzuhören.

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Auch diese Statue steht am Sitz der UNO: "Schwerter zu Pflugscharen" – das war einst Motto der unabhängigen DDR-Friedensbewegung. In der Bibel heißt es dazu beim Propheten Micha: "Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (Foto: Reimer)

Wie zum Beispiel?

Cornelia Füllkrug-Weitzel, die Präsidentin von Brot für die Welt, saß hier in New York beispielsweise auf einem Podium mit der Chefin des UN-Klimasekretariats Christiana Figueres. Natürlich hat sie gefordert, bei den Verhandlungen die Belange der ärmsten Staaten der Welt stärker in die Betrachtung einzubeziehen.

Was war der größte Flop von New York?

Eindeutig Angela Merkel. Die Rede von Barack Obama hat mich zwar auch nicht überzeugt. Aber der US-Präsident hat wenigstens Zeugnis abgelegt vor der Staatengemeinschaft. Dass Merkel nicht angereist ist, kann nur als Affront Deutschlands gegen den Klimaschutz gewertet werden.

Interview: Nick Reimer

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Alle Beiträge zum Ban-Ki-Moon-Gipfel finden Sie in unserem New-York-Dossier

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