20 Prozent soll's an den Kragen gehen

BildDie New-Yorker "Declaration of Forests" soll endlich mehr Waldschutz bringen. Noch immer entstammen 20 Prozent der weltweiten Emissionen aus dem Verlust von Wäldern. Unterschrieben haben auch 41 Konzerne, die bislang von Umweltschützern als "Abholzer" gebrandmarkt wurden.

Aus New York Angelina Davydova und Nick Reimer

Eine der zweifelsfrei positiven Entscheidungen des Ban-Ki-Moon-Gipfels ist die "New York Declaration on Forests": Kanada, die USA, Großbritannien, Norwegen, Deutschland, Indonesien, die Philippinen und 20 weitere Länder wollen mit dieser Erklärung die Abholzung von Wäldern bis 2030 stoppen. In einem ersten Zwischenschritt soll bis zum Jahr 2020 der Verlust der Waldfläche halbiert werden.

Bild
Ban-Ki-Moon-Klimagipfel in der UN-Vollversammlung: Die Walddeklaration ist ein gutes Signal. (Foto: Reimer)

Zudem beschloss die Initiative, insgesamt 350 Millionen Hektar Wald weltweit wieder aufzuforsten – eine Fläche größer als Indien. Derzeit besteht noch ein Drittel der weltweiten Landmasse aus Wald. Nach den Kraftwerks-Emissionen ist die zweitgrößte Treibhausgasquelle das Abholzen von Bäumen, jährlich werden 13 Millionen Hektar Waldfläche vernichtet, was 20 Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen ausmacht.

"Russland verfügt über 19 Prozent der weltweiten Wälder. Deswegen muss in einem neuen Klimaabkommen der Wald als Kohlenstoffsenke auch unbedinkt eine starke Rolle spielen", erklärte Russlands Chefunterhändler Alexander Bedrizki im Plenum der UN-Generalversammlung. Waldwuchs bindet Kohlendioxid. Russland möchte sich diese gebundenen Treibhausgase auf das nationale Reduktionsziel anschreiben lassen. "Kalkulationen von russischen Wirtschaftsexperten kommen zu dem Schluss, dass Emissionsminderung durch Waldschutz durchschnittlich halb so teuer ist wie Emissionsminderung im Energie- und Industrie-Sektor", sagt Konstantin Kobjakow, der beim WWF Russland für Waldschutz zuständig ist.

Russland ist der New Yorker Wald-Deklaration bislang noch nicht beigetreten. Umweltschützer kritisieren schon länger die Untätigkeit der russischen Regierung beim Waldschutz. Der Kreml solle eine aktivere Rolle spielen und die heimischen Wälder endlich besser schützen, fordert der WWF Russland. "Statt Wald ausschließlich als Kohlenstoffsenke zu sehen und mit im Wald gebundenem Kohlendioxid zu kalkulieren, wäre es wichtiger, millionenfach Waldhektar mit einem Schutzstatus zu versehen, in denen dann keine kommerzielle Abholzung mehr stattfinden darf", urteilt Alexej Kokorin, Leiter des Klima- und Energieprogramms der Umweltorganisation.

Modellprojekte gibt es bereits

Tatsächlich nämlich sind Russlands Wälder von großräumiger Abholzung geplagt; die Rodungen betreffen immer mehr Gebiete. Wird der Trend nicht gestoppt, verliert das Land die Fähigkeit seiner Wälder zur Kohlendioxid-Speicherung. Forscher der Hochschule für Wirtschaft in Moskau haben errechnet, dass spätestens 2040 die Senkenfunktion kippt, sollte das bisherige Tempo des Kahlschlags andauern. Russlands Wälder würden dann zu einer Kohlendioxid-Quelle, weil mehr abgeholzt wird als nachwachsen kann.

Russlands Ökologen fordern deshalb eine neue Politik der nachhaltigen Forstwirschaft. Der WWF Russland hat vorgeschlagen, den Waldschutz in ein internationales Zertifizierungs-Programm aufzunehmen. Waldflächen, die vor Einschlag geschützt werden, könnten dazu dienen, Treibhausgase aus Flugkilometern zu kompensieren. Das so eingespielte Geld könnte dann für den Schutz der Wälder investiert werden.

Modellprojekte dafür gibt es bereits. In einem Kooperationsprojekt zwischen WWF Russland und WWF Deutschland konnten Urwälder im Bikin-Flusstal in der Region Primorje am Japanischen Meer unter Schutz gestellt werden. Gefördert wurde die Zusammenarbeit vom deutschen Umweltministerium, der Förderbank KfW und der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) der Bundesregierung.

An Bord sind auch 41 Konzerne

Raubbau, Brandrodung, illegaler Holzeinschlag – seit 1990 ging der weltweite Waldbestand um 300 Millionen Hektar zurück, das entspricht der Fläche Argentiniens. Besonders betroffen sind Indonesien und Malaysia, wo riesige Regenwaldflächen gerodet wurden, um Ölpalmen-Plantagen anzulegen, sowie Brasilien, wo unter anderem Sojafarmen angelegt wurden. Palmöl ist in der Chemie- und Lebensmittelindustrie billiger als einheimische Öle, auch Soja wird bis nach Europa exportiert als Eiweiß-Futter für deutsche Rinder.

Die New Yorker Walddeklaration will das nun beenden. 41 international agierende Konzerne haben unterschrieben, darunter auch in die Kritik geratene Multis wie Asia Pulp and Paper (APP) oder Barclays. Unterschrieben haben auch 63 Umweltschutz- und Forschungsorganisationen, die sich verpflichtet haben, die Vereinbarung zwischen Staaten und Konzernen zu überprüfen. An Bord sind auch Menschenrechtsgruppen für indigene Völker.

Bild
Ist das legaler Einschlag? Umweltorganisationen sind Partner der Walddeklaration. Sie sollen deren Einhaltung überprüfen. (Foto: Eskinder Debebe/UN)

Funktionieren soll das Abkommen zunächst über bilateral transferiertes Geld. Norwegens Premierministerin Erna Solberg hat Liberia 150 Millionen Dollar zugesagt, damit das westafrikanisches Land die Regenwaldabholzung beendet. Justine Greening, die britische Entwicklungshilfeministerin, sagte in New York 182 Millionen Euro für den Waldschutz zu. Deutschland unterstützt den Tropenwaldschutz in Peru in zweistelliger Millionenhöhe.

Allerdings hat die New Yorker Walddeklaration zwei entscheidende Mängel. Erstens ist sie völkerrechtlich nicht bindend, also derzeit nur auf den guten Willen aller Beteiligten angewiesen. Zweitens hat das Waldland Brasilien nicht unterzeichnet. Zuletzt war dort wieder mehr Regenwald abgeholzt worden.

Bild


Alle Beiträge zum Ban-Ki-Moon-Gipfel finden Sie in unserem New-York-Dossier

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen