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Atomausstieg mit Turbo

Atomkraftgegner und Umweltverbände wie der BUND fordern seit langem, den bis 2022 geplanten sukzessiven Atomausstieg zu beschleunigen. Nun könnte es tatsächlich so kommen – zumindest im Fall des bayerischen AKW Grafenrheinfeld, das als nächstes auf der Abschaltliste des 2011 beschlossenen Atomkonsens steht.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Das AKW Grafenrheinfeld kann früher vom Netz gehen als ursprünglich geplant. Die Landesregierung habe dagegen keine Einwände, teilte die Chefin der bayerischen Staatskanzlei, Christine Haderthauer (CSU), nach der Kabinettssitzung am Dienstag in München mit. "Wir sehen die Versorgungssicherheit Bayerns nicht beeinträchtigt", sagte Haderthauer. Auch die Bundesnetzagentur bleibe bei ihrer Einschätzung, dass die Stabilität des Netzes weiter gewährleistet sei.

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Laut Atomausstiegs-Beschluss verliert als nächstes das Eon-AKW im nordbayerischen Grafenrheinfeld Ende 2015 seine Betriebserlaubnis. (Foto: Michael Danner)

Der in Unterfranken gelegene Reaktor soll nach dem Atomausstiegs-Fahrplan Ende 2015 vom Netz gehen. Der Stromkonzern Eon, der Grafenrheinfeld betreibt, erwägt offenbar, den Termin um einige Monate vorzuziehen. Das Unternehmen ließ nach Haderthauers Äußerung wissen, die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks stehe weiter im Fokus, besonders wegen der dafür anfallenden Brennelementesteuer. Es gebe allerdings bisher "keinen Beschluss, das Kraftwerk Grafenrheinfeld vorzeitig vom Netz zu nehmen".

Eon müsste für den AKW-Betrieb 2015 einen zweistelligen Millionenbetrag an Brennelementesteuer zahlen. Außerdem entstehen hohe Kosten durch einen bevorstehenden Brennelemente-Wechsel. Entscheidungen zum weiteren Vorgehen würden "zu gegebener Zeit" getroffen, teilte Eon mit. Der Konzern leidet wie die anderen großen Energieversorger unter den Überkapazitäten im Markt und den in den Keller gegangenen Börsenstrompreisen, beides unter anderem Folge der hohen Ökostrom-Einspeisung. Die Unternehmen haben die Stilllegung einer Reihe von Gas- und Kohlekraftwerken beantragt.

Die Blackout-Sorgen sind plötzlich ausgeräumt

Bayerns Regierungschef Horst Seehofer (CSU) hatte vorige Woche noch vor einem möglichen Blackout durch eine frühere Grafenrheinfeld-Abschaltung gewarnt. Diese Sorgen sind Haderthauer zufolge mittlerweile ausgeräumt. Auch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hatte in den vergangenen Monaten behauptet, es drohten Versorgungsprobleme, und sogar ein Hinausschieben des Atomausstiegs gefordert. Da die Stilllegung eines AKW ein Jahr im Voraus beantragt werden muss, könnte Grafenrheinfeld nun frühestens im März 2015 endgültig vom Netz gehen – falls Eon sich kurzfristig dazu entscheidet. 

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Im AKW Grafenrheinfeld könnten nach neuen Planungen des Betreibers Eon schon in einem Jahr die Lichter ausgehen. (Foto: Rainer Lippert/Wikimedia Commons)

Atomgegner fordern den Konzern hingegen auf, die Anlage schon jetzt vorsorglich abzuschalten – unter anderem, weil die Risiken und Folgen von schweren Unfällen bei noch am Netz befindlichen Atomkraftwerken größer seien als bisher angenommen. "Warum sollte die Bevölkerung ein Risiko hinnehmen, für das auch laut bayerischer Staatsregierung überhaupt keine Notwendigkeit besteht?", fragte Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation Ausgestrahlt. Er sei "gespannt, ob dies jetzt endlich auch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft zur Kenntnis nimmt", die immer wieder unbegründete Ängste vor einem Blackout schüre.

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