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Politik für tausend Generationen

Der Atommüll soll eine Million Jahre sicher gelagert werden. Mit dieser Vorgabe lässt sich kaum Politik im Hier und Jetzt machen. Rückholbar aufbewahren oder so sicher wie möglich einschließen – die Parteien haben keine klare Position. Atomindustrie oder Umweltverbände allerdings auch nicht.

Eine Analyse von Felix Werdermann

Ein Positionspapier stellt man sich eigentlich anders vor: eine klare Forderung, dazu eine Reihe an Argumenten zur Unterstützung der eigenen Position. Wenn sich die Grünen zur bestmöglichen Aufbewahrung von Atommüll positionieren, sieht das anders aus: "Alle vorstellbaren Varianten der Endlagerung haben Vor- und Nachteile", heißt es in dem Grünen-Papier. Seitenlang werden sowohl Argumente als auch Gegenargumente genannt. Es geht um die Frage: Sollten wir den Strahlenmüll verbuddeln und die Zugänge sicher verschließen, oder sollten wir die Abfälle zurückholen können, etwa bei neuen Erkenntnissen über eine (un)sichere Aufbewahrung?

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Nein, das ist nicht der Vorschlag des Bundesamts für Strahlenschutz für die rückholbare Atommüll-Lagerung, sondern die Mobile Endlager-Ausstellung 2013, mit der das Amt seit dieser Woche durch die Republik tourt. (Foto: BfS)

Die Frage sprengt unser Vorstellungsvermögen. Es geht um eine Million Jahre, um eine Menschheitsaufgabe, die unmöglich zu lösen scheint. Und wir müssen uns für einen Umgang mit dem Strahlenmüll entscheiden, irgendwann. Aber wann? Jetzt direkt – oder warten wir ab?

Bislang waren die Vorstellungen in Deutschland relativ klar: Der Atommüll kommt unter die Erde, während der Einlagerung sollte er mehrere Jahrzehnte lang noch rückholbar sein. Danach sollte das Endlager verschlossen werden und der strahlende Abfall 500 Jahre lang noch im Notfall geborgen werden können.

Die Frage der Rückholbarkeit wurde lange ignoriert

Mit dem angekündigten Neustart in der Endlagersuche wird auch die Frage der Rückholbarkeit neu diskutiert. In der vergangenen Woche hat der Bundestag das Endlagersuchgesetz beschlossen, am Freitag gab auch der Bundesrat sein Okay. Bestandteil des Kompromisses zwischen Union, FDP, SPD und Grünen ist auch die Einsetzung einer Expertenkommission. Sie soll sich mit allen möglichen Fragen beschäftigen, auch mit der Rückholbarkeit.

Wo nach einem Endlager gesucht wird und welche Kriterien gelten, hängt ganz entscheidend von dem Endlagerkonzept ab. Bei der Einlagerung in einem Salzstock "könnte die Rückholbarkeit schwierig sein", sagt Susanne Neubronner von Greenpeace – und neuerdings gibt ihr sogar EU-Energiekommissar Günther Oettinger Recht. Denn Salzgestein verformt sich schnell und verschließt Hohlräume – was bislang als Vorteil für ein stabiles Endlager gesehen wurde. Greenpeace hat zwar kürzlich mit einer Karte der für ein Endlager infrage kommenden Regionen die Diskussion befeuert, empfiehlt aber selbst weder ein bestimmtes Wirtsgestein wie Salz, Ton oder Granit noch ein bestimmtes Endlagerkonzept. "Es muss erstmal die Debatte geführt werden", sagt Greenpeace-Expertin Neubronner.

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Die tschechische Variante: Das Endlager Hostím bei Prag wurde nach Problemen mit Beton ausgegossen und zugemauert. Jetzt wird das Grundwasser beobachtet. (Foto: ŠJů/Wikimedia Commons)

In Deutschland wurden die Fragen lange ignoriert, weil sich die Endlagersuche allein auf den Salzstock in Gorleben beschränkt hat. In anderen Ländern ist die Diskussion schon weiter. "Der Trend geht zur Rückholbarkeit, weltweit", sagt Jürgen Kreusch, der sich seit 30 Jahren mit der Atommülllagerung beschäftigt und heute als wissenschaftlicher Berater für die Firma Intac arbeitet. Beispielsweise hätten sich Frankreich, die Schweiz und die USA gegen einen Verschluss direkt nach der Einlagerung entschieden. "Aber keines der Länder kann genau sagen, wie lange sie ihr Endlager offenhalten oder wie lange sie die Rückholbarkeit garantieren wollen." Auch die radikale Variante habe sich bislang in keinem Land der Welt durchgesetzt: das "Hüte-Konzept" mit dauerhaft rückholbarer Lagerung, bis die gefährliche Strahlung abgeklungen ist.

Offenbar setzt sich ein Mittelweg durch, aber der ist immer inkonsequent. Alle Argumente für die Rückholbarkeit gelten in den ersten Jahrzehnten nach der Einlagerung – aber eben auch danach.

Letztlich eine Frage des Menschen- und Weltbildes

Der größte Vorteil ist die Möglichkeit, auf neue Erkenntnisse zu reagieren. Wenn die Wissenschaft neue Methoden zur Erhöhung der Sicherheit entwickelt, können diese eingesetzt werden. Wenn sich die Gesteinsschichten so verschieben oder sich das Klima so ändert, wie es zuvor niemand erwartet hätte, dann kann das berücksichtigt werden.

Auf der anderen Seite steht der "passive Schutz" durch geologische Barrieren. Und wenn die Hohlräume verfüllt werden, kann das Endlager stabiler werden. Jeder Verbindungsweg zwischen Atommüll und Außenwelt birgt ein Risiko. Radioaktivität kann nicht nur ungewollt austreten, Terroristen könnten auch versuchen, den Strahlenmüll wieder herauszuholen – wobei man sich fragt, ob es da nicht einfachere Wege gäbe.

Letztlich ist es eine Frage des Menschen- und Weltbilds: Wird die Zukunft besser oder schlechter? Gibt es wissenschaftlichen Fortschritt oder Zerstörung und Krieg? Die Grünen kommen letztlich zu dem Schluss, dass die Rückholbarkeit auf einen "überschaubaren Zeitraum" begrenzt werden sollte. "Es ist unmöglich, geologische Entwicklungen und ihre Stabilität über Jahrtausende exakt vorauszusehen. Es ist aber noch unmöglicher, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und deren Stabilität auch nur über einige Jahrhunderte vorauszusehen. Ein Blick zurück zeigt das überdeutlich."

Generationengerechtigkeit? Gibt es eh nicht

Die Grünen argumentieren auch mit der Generationengerechtigkeit. Wenn der Atommüll dauerhaft rückholbar gelagert werde, müssten künftige Generationen die "Last und Kosten des von uns verursachten Atommülls" tragen. "Vor allem aber schieben wir ihnen den heute nicht lösbar scheinenden Konflikt um die Endlagerung zu und drücken uns selbst vor den damit einher gehenden Auseinandersetzungen."

Diese Argumentation ist aber etwas schräg, schließlich haben künftige Generationen immer unter dem Atommüll zu leiden – entweder durch die Kosten für die Überwachung oder aber durch ein möglicherweise größeres Sicherheitsrisiko, wenn ein Endlager jetzt verschlossen wird, obwohl es in Zukunft bessere Methoden zur Lagerung gibt.

Die Frage der Rückholbarkeit ist immer kompliziert. Warum sollte man sie besser heute beantworten und nicht erst in 1.000 Jahren? Man kann sich für einen baldigen Verschluss entscheiden – aber nicht, weil das die einzig gegenüber folgenden Generationen verantwortbare Lösung wäre, sondern weil ein tiefengeologisches Lager mehr Sicherheit bietet als eine Halle über der Erde.

Nur die Piraten haben einen klaren Kurs

Die Grünen haben sich mit ihrer Position schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt – im Vergleich zu anderen Parteien. Die sind nämlich sehr zurückhaltend. Die SPD vertritt eine ähnliche Position wie die Grünen, die Linkspartei positioniert sich gar nicht. In einem Papier der Linken heißt es bloß, vor einer Entscheidung für ein Verwahrkonzept müsse man sich mit "ethischen Fragen intensiv befasst haben". Die Entscheidung soll aber noch von der jetzigen Generation getroffen werden.

Die Union ist auch zurückhaltend, schließlich soll der Expertenkommission nicht vorgegriffen werden, die nun eingesetzt werden soll. Die Umweltpolitikerin Maria Flachsbarth sagt deswegen auch nur ihre "persönliche Meinung". "Nach meinen bisherigen Erkenntnissen ist es am besten, wenn der Abfall auf Dauer in einem tiefengeologischen Lager eingeschlossen wird, weil ich die Sicherheit sonst nicht für gewährleistet halte."

Sogar der Umweltverband BUND, der mit dem Parteienkonsens eigentlich nichts zu tun hat, gibt sich kompromissbereit. Es gebe eine "gewisse Offenheit", die bisherige Position zu revidieren, sagt Energieexperte Jürgen Becker. Bislang hat der BUND eine Endlagerung in tiefen geologischen Formationen favorisiert.

Auch beim Deutschen Atomforum, dem Lobbyverband der Nuklearindustrie, ist die Haltung noch unentschlossen. Eine offizielle Position gebe es nicht, sagt ein Sprecher. Er formuliert es vorsichtig: "Bei Überlegungen zu einer sehr langen Offenhaltung muss man den Widerspruch zum Ziel eines sicheren Einschluss berücksichtigen."

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Besser immer einen Rückweg offenhalten: Zugang zur Einlagerungskammer 7 des vom Absaufen bedrohten "Versuchs-Endlagers" Asse II bei Wolfenbüttel. (Foto: Asse GmbH)

Nur die Piraten haben einen klaren Kurs: Der Atommüll solle "grundsätzlich" nur rückholbar gelagert werden, heißt es im Wahlprogramm. "Die Lagerung muss stets überwacht werden." Der Pirat Sven Krohlas sagt: "Wir werden nichts finden, das für eine Million Jahre sicher ist."

Diese Position hat mindestens einen klaren Vorteil: Die Piratenpartei hat endlich ihr Alleinstellungsmerkmal in der Umweltpolitik.

Dieser Text ist auch in der Wochenzeitung "der Freitag" erschienen.

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