Zementindustrie: Mauern aus Beton

Das Bundesumweltministerium hat angekündigt, die Ausnahmen bei der EEG-Umlage zu überprüfen. Doch auch für dieses Jahr haben mehr als 2.000 Unternehmen einen Antrag auf Befreiung gestellt – entsprechend mehr müssen Privathaushalte und öffentliche Einrichtungen zahlen. In einer fünfteiligen Serie fragt klimaretter.info: Für wen zahlen die Verbraucher die Zeche? Teil 5 der Serie "Wenn Ausnahmen zur Regel werden"

Von Silvana Steiniger

Was würden Sie tun, wenn Sie über sieben Millionen Euro geschenkt bekommen würden? Wahrscheinlich würden Sie erst mal einen Freudentanz aufführen. Mindestens. Aber was für die meisten Menschen gilt, hat in der Zementindustrie wohl keine Bedeutung. Denn hier machen die derart begünstigten Unternehmen der Branche in einem öffentlichen Argumentationspapier des Vereins Deutscher Zementwerke (VDZ) deutlich, dass nicht nur ihre Produkte mit Beton zu tun haben, sondern offensichtlich auch das Innere ihrer Köpfe.


Zementwerke waren schon immer Großverbraucher von Energie. (Foto: Huhu Uet/Wikimedia Commons)

In einer Vorbemerkung zu dem Papier rechnet der VDZ vor, dass ohne die Härtefallregelung im Erneuerbare-Energien-Gesetz die Zementbranche in diesem Jahr mit zusätzlichen 190 Millionen Euro belastet werden würde. Jeder Arbeitsplatz würde dadurch 25.000 Euro mehr kosten. Doch was dann folgt, ist so dreist und verströmt das beißende Odeur der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) auf eine Art und Weise, dass Sie sich besser setzen sollten. Denn dann wird auf das EEG geschossen. Hauptursache für den steigenden Strompreis seien nicht die Entlastungen für die Industrie – dieser Anteil sei "relativ gering" –, vielmehr seien die Überförderung und der maßlose, ungesteuerte Ausbau der Photovoltaik verantwortlich für die Mehrbelastung der Bürger und öffentlichen Einrichtungen. Die Zementbranche sieht dadurch sogar die ganze Energiewende in Gefahr. 

Relativ ist ein sehr dankbares Wort, denn was der VDZ hier als "relativ gering" bezeichnet, sind volle 20 Prozent. Diesen Anteil hat der vergünstigte "privilegierte Letztverbrauch" der Industrie bei der EEG-Umlage. Die Förderung der bösen Photovoltaik ist für 29 Prozent der Umlage verantwortlich. Das ist zwar mehr als die Industrieförderung – dass diese jedoch der zweitgrößte Posten der EEG-Umlage ist, hält der Verein unter Zementstaub verborgen.

Weiter heißt es in dem Papier, dass eine Entlastung der Industrie weiterhin dringend erforderlich sei und einzig und allein einen "Nachteilsausgleich" im europäischen und internationalen Wettbewerb darstelle. Der Verband fordert deshalb einen Umbau des Fördersystems – und weiß auch gleich, wie das aussehen soll: Das vom Bundeswirtschaftsministerium vorgeschlagene Quotenmodell soll Abhilfe schaffen

2012 waren 23 Zement-Unternehmen bei der EEG-Umlage begünstigt

Hier ist beim VDZ wohl folgende Information nicht im Zementmischer gelandet. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat das EEG mit dem Quotenmodell verglichen und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: "Für den Ausbau der erneuerbaren Energien hat sich das EEG bisher als ausgesprochen wirkungsvolles Instrument erwiesen." Bei einem Quotenmodell dagegen, so das DIW, gerieten sowohl kurz- als auch langfristige Ziele zur Nutzung regenerativer Energien in Gefahr. Auch würden die Kosten des Quotenmodells oft unterschätzt werden, da hier keine festen Vergütungssätze und damit auch keine Planungssicherheiten existierten.

Das haben auch Länder eingesehen, die sich – mit wenig Erfolg – am Quotenmodell versucht haben. Großbritannien zum Beispiel, das schon vor zwei Jahren auf das EEG-Modell umgesattelt hat. Seitdem steigen auch dort die Ausbauzahlen für Wind und Sonne. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen vom Verein Deutscher Zementwerke also einmal in London informieren. Falls die Zementindustrie tatsächlich den Anteil erneuerbarer Energien steigern will – und nicht nur ihre Gewinne. 


Im vergangenen Jahr betrug der gesamte privilegierte Stromverbrauch der Zement-Branche 3,2 Millionen Megawattstunden. (Foto: Digfarenough/Wikimedia Commons)

Insgesamt waren 23 Unternehmen der Zementindustrie 2012 bei der EEG-Umlage begünstigt. Der gesamte privilegierte Stromverbrauch dieser Branche beträgt 3.195 Gigawattstunden, im Durchschnitt also 139.000 Megawattstunden pro Unternehmen. Befreite Unternehmen sind:

Cemex GmbH (drei Standorte), Dyckerhoff AG, HeidelbergCement (zwei Standorte), Holcim AG, Lafarge GmbH (zwei Standorte), Märker Zement GmbH, Phoenix GmbH, Portlandzementwerk Wotan H. Schneider KG, Portlandzement Wittekind Hugo Miebach Söhne KG, Portland-Zementwerk Gebr. Seibel GmbH, Sebald Zement GmbH, Seibel & Söhne GmbH, Spenner Zement GmbH, Südbayerisches Portland-Zementwerk, Zement- und Kalkwerke Otterbein GmbH, Zementwerk Lübeck GmbH.

Serie: Ausnahmen bei der EEG-Umlage

Teil 1: Das gesamte Ausmaß
Teil 2: Vattenfall: Kostenlos das Klima killen
Teil 3: Wiesenhof: Mästen bis zum Umfallen
Teil 4: Moksel: Geldwerdung des Fleisches

Die Serie entstand in Kooperation mit Campact – Demokratie in Aktion und ist dort in der Rubrik Energiewende erschienen. Alle Rechte für diese Serie liegen bei klimaretter.info

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