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Agrarwende im Land der Schweinemäster

Am 20. Januar wird im Agrarland Niedersachsen ein neuer Landtag gewählt. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Tiermastanlagen wie hier. Ein neu entstandenes Agrarbündnis will der industriellen Landwirtschaft die Rote Karte zeigen. Teil 3 der klimaretter.info-Wahlbeobachtung zur Niedersachsenwahl 2013.

Von Haidy Damm

Massentierhaltung, Gentechnik, Monokultur. Nach Ansicht vieler Kritiker der industriellen Landwirtschaft ist es in Niedersachsen Zeit für eine Agrarwende. Gegenüber dem konventionellen Bauernverband hat sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft etabliert und Bündnispartner gesucht. Denn auch im Land der Schweinemäster wächst der Protest. Umwelt- und Tierschützer, Verbraucherinitiativen und Öko-Landwirte haben das Agrarbündnis Niedersachsen gegründet. In einem eigenen Kandidatencheck hat das Bündnis die Direktkandidaten für die Landtagswahl befragt, wie sie zu einem Wechsel in der Agrarpolitik stehen – weg von der industriellen und hin zur ökologischen, fairen und regionalen Landwirtschaft. 


Lebensbedingungen, von denen die meisten Schweine in Niedersachsen nur träumen können. (Foto: Konstanze Staud)  

Denn in Niedersachsen, vor allem im Oldenburger Land, konzentriert sich nicht nur seit Jahrzehnten die Schweinemast. In den vergangenen zwei Jahren kam es mit Unterstützung der Landesregierung zu einem Stallbauboom im Geflügelsektor. Inzwischen wird in Niedersachsen mehr als die Hälfte der deutschen Masthühnchen gehalten. Insgesamt fristen hier rund zehn Millionen Schweine und 63 Millionen Masthühner in Intensivmastanlagen ihr Dasein. Medikamentenmissbrauch, Gülleflut und Tierquälerei sind die Begleiterscheinungen dieser Mega-Ställe und neue Schlachtanlagen wie in Wietze mit Kapazitäten von bis zu 135 Millionen geschlachteten Hühnern pro Jahr die Folge. 

Unterstützt wird das Agrarbündnis von den Grünen und der Linken. Sollte es also nach der Wahl am kommenden Sonntag ein Bündnis mit der SPD geben, müssten die Impulse von den kleinen Parteien kommen. Denn die Sozialdemokraten halten sich, was die Agrarpolitik angeht, in ihrem Regierungsprogramm eher bedeckt. Sie wollen zwar den "Ökolandbau unterstützen und die Agrarforschung in dem Bereich des Ökolandbaus ausweiten", die industrielle Landwirtschaft zurückdrängen wollen sie nicht. Die CDU dagegen wehrt sich gegen eine Agrarwende und bedient damit ihre Wählerklientel – viele konventionelle Landwirte sehen sich in erster Linie als Unternehmer. 

Einig gegen die "Vermaisung"

Neben der Tiermast haben die Biogasanlagen zugenommen, in vielen Landkreisen und Gemeinden ein Streitpunkt. Zunächst gefeiert als Möglichkeit, aus landwirtschaftlichen Abfällen Energie zu gewinnen, entpuppte sich der stetige Ausbau als Bumerang. Die Folge des zunehmenden Maisanbaus ist eine bisher nicht gekannte Monokultur. Gefördert durch das alte EEG, werden in Niedersachsen mittlerweile mehr als 200.000 Hektar Ackerfläche genutzt, um Mais als sogenannten nachwachsenden Rohstoff für Biogasanlagen anzubauen – ein regelrechter Boom. In vielen Dörfern protestieren die Menschen gegen einen weiteren Ausbau beim Biogas, unter anderem mit der Begründung, dass die Anlagen sich negativ auf den Tourismus auswirken. Die "Vermaisung" der Landschaft beschleunigt zudem den Artenschwund, da Mais – anders als Grünland oder herkömmliche Ackerkulturen – Tier- und Pflanzenarten keinen adäquaten Lebensraum bietet. Hier sind sich alle Parteien einig: Maismonokulturen sollen begrenzt werden. 


Der Biogasboom führt dazu, dass immer mehr Mais angebaut wird – eine Pflanze, die kaum Platz für andere Arten lässt. (Foto: Schulze von Glaßer)

Weniger Einigkeit gibt es bei der Gentechnik. Das Agrarbündnis wirft der Landesregierung vor, trotz ablehnender Haltung der Bevölkerung die Gentechnik zu fördern. Ein Beispiel sei das Modellprojekt HannoverGEN. Das Schulprojekt hat mit einem Budget von über einer Million Euro in vier Schulen Gentechniklabore aufgebaut, in denen Schüler gentechnische Versuche durchführen können. Ziel ist laut HannoverGEN, dass die Schüler "ihr Wissen über Biotechnologie und Grüne Gentechnik erweitern, durch Experimentieren praktische Laborerfahrungen erwerben und ihre Urteilsfähigkeit über Nutzen und Risiken der Gentechnik erweitern". Die CDU will weiter an dem Projekt festhalten, bei ihrem Koalitionspartner regt sich leiser Protest. Sollte es zu einem Regierungswechsel kommen, wird das Gen-Projekt wohl eingestampft.

Lesen Sie auch:
Teil 1: Wahlen im Windland
Teil 2: Energiewende und Atomlasten

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