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PIK: Gefährliche "Green Economy"

Vor dem UN-Gipfel im brasilianischen Rio de Janeiro ist das Konzept der "Green Economy" in aller Munde. Jetzt warnen Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung: Das Paradigma des grünen Wachstums habe das Potenzial, die Erfolge der vergangenen zehn Jahre wieder zunichtezumachen. Gemeinsam mit der Entwicklungshilfeorganisation Misereor fordern sie, die Nachhaltigkeitsdebatte stärker auf Fragen der Gerechtigkeit zu konzentrieren.

Aus Potsdam Eva Mahnke

"Wir müssen anfangen, der Green Economy etwas entgegenzusetzen." Mit diesen Worten hat Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) am Dienstag vor einem Scheitern des Weltgipfels Rio+20 gewarnt. Gut zwei Wochen sind es noch, bis sich Staatschefs und Minister aus aller Welt im brasilianischen Rio de Janeiro treffen wollen. Edenhofer: "Das Paradigma der Green Economy hat das Potenzial, die Erfolge der vergangenen zehn Jahre wieder zunichtezumachen."


Wacht über den Dächern von
Rio de Janeiro: ein 38 Meter hoher Jesus Christus aus Stein. Vom 20. bis 22. Juni empfängt er die Staatenvertreter zu einem weiteren Nachhaltigkeitsgipfel – 20 Jahre nach "Rio". (Foto: Welch14/Wikimedia Commons)

Auf dem Erdgipfel von Rio 1992 hatte sich das Konzept der Nachhaltigkeit durchgesetzt. Diesmal schickt sich der Gipfel an, dieses durch ein Konzept der "Green Economy" zu ersetzen. In Anlehnung an die Millennium Development Goals sollen außerdem Nachhaltigkeitsziele, die sogenannten Sustainable Development Goals, verabschiedet werden. Zudem soll versucht werden, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP aufzuwerten und einen Fahrplan auszuhandeln, nach dem die Wirtschaft zu der erwähnten Green Economy umgebaut werden kann.

"Wir müssen die Illusion zerstören, dass ein paar Aktionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien auf nationaler Ebene ausreichen würden, um am Ende die Emissionen im erforderlichen Umfang reduzieren zu können", warnte Edenhofer am Dienstag. Das Konzept der Green Economy stelle insbesondere für die Klimapolitik eine Gefahr dar, denn es drohe als Ersatz hierfür diskutiert zu werden, so Edenhofer.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP definiert "Green Economy" als eine Wirtschaftsform, die "das menschliche Wohlergehen und die soziale Gleichheit befördert und hierbei Umweltschäden und ökologische Knappheiten merklich reduziert." Die Wirtschaft soll auch nach diesem Modell weiter wachsen. Allerdings soll der Motor für dieses Wachstum nicht mehr fossil betrieben werden. Vielmehr sollen öffentliche und private Investitionen vor allem in Energie- und Ressourceneffizienz, die Verhinderung des Verlusts der Artenvielfalt und Maßnahmen zur Senkung der Kohlendioxidemissionen fließen. Das Versprechen hinter der grünen Vision: Die Transformation ist eine große Win-win-Situation, in der es keine Verlierer gibt.

"Klimawandel, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit"

Diese Win-win-Situation kann Edenhofer im Vorfeld von Rio+20 nirgendwo sehen: "Die Welt ist weit davon entfernt, sich in ein neues Zeitalter zu transformieren." Stattdessen erlebten die fossilen Energien gerade einen neuen Aufschwung: Der Anstieg der Öl- und Gaspreise habe nicht nur zu einer Kohle-Renaissance geführt, sondern auch die Erschließung unkonventioneller Öl- und Gasvorkommen lukrativ gemacht. Die Internationale Energieagentur (IEA) feiert bereits das "Goldene Zeitalter der Gasversorgung". Der Preis: ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 3,5 Grad Celsius – statt der zwei Grad Celsius, auf die sich die Weltgemeinschaft als maximale Höchstgrenze verständigt hat.

"Wir haben uns in den vergangenen Jahren in der Diskussion zu sehr auf die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien beschränkt", kritisiert Ottmar Edenhofer. "Dabei haben wir die Dynamik der Angebotsseite der fossilen Energien unterschätzt." Angesichts der Mengen an Kohle, Öl und Gas, die sich noch im Boden befänden, brauche es eine effektive Begrenzung des Abbaus. Energieeffizienz und erneuerbare Energien reichten hier nicht aus. Klar ist: Nimmt man den Klimaschutz ernst, muss die fossile Wirtschaft verlieren. Es kann nicht nur Gewinner geben, so wie es das Konzept der Grünen Ökonomie gern verspricht. "Hierzu aber gibt es bislang keine öffentliche Debatte", kritisiert Edenhofer.

Um diese Debatte ins Rollen zu bringen, sind Edenhofer und seine Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung eine ungewöhnliche Allianz eingegangen. Drei Jahre lang haben sich die Wissenschaftler mit dem Zusammenhang von Klimawandel und Entwicklungspolitik befasst und holten sich dafür auch NGO-Vertreter an Bord. Das von der Gesellschaft Jesu gegründete Institut für Gesellschaftspolitik München war genauso Partner wie die katholische Entwicklungshilfeorganisation Misereor und die Münchener Rück Stiftung. Herausgekommen ist der Sammelband "Climate Change, Justice and Sustainability" (Klimawandel, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit). Er gibt einen Überblick über die Folgen des Klimawandels und die Verwundbarkeit einzelner Regionen, über Optionen und Kosten für Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen. Die Hauptbotschaft des Buches aber lautet: Die Debatte um den Klimawandel muss als eine Debatte um globale Gerechtigkeit geführt werden.


Justitias Last: Die PIK-Experten fordern mehr Auseinandersetzung um die Verteilung knapper Güter – also mehr Gerechtigkeit. (Foto: Roland Zumbuehl/Wikimedia Commons)

"Wir müssen anfangen, der "großen Erzählung" der Green Economy etwas entgegenzusetzen", fordert Ottmar Edenhofer. "Was wir brauchen, ist eine 'große Erzählung' der Gerechtigkeit." Erst aus dieser Perspektive werde zum Beispiel klar, dass der "Deponieraum Atmosphäre" nicht als freies Land angesehen werden dürfe, sondern als ein globales Gemeingut, dessen Eigentums- und Nutzungsrechte ausgehandelt werden müssen. Verteilungskonflikte seien hier unvermeidlich und bräuchten tragfähige internationale Abkommen, fordert Edenhofer. Das Paradigma der Green Economy mit seinem Win-win-Versprechen lenke hiervon ab.

 

Ottmar Edenhofer u. a. (Hrsg.):
Climate Change, Justice and Sustainability
Linking Climate and Development Policy
Springer, Heidelberg 2012
380 Seiten, ISBN 978-94-007-4539-1

 

 


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