Rolle rückwärts in Spanien
Die Regierung verlängert die Laufzeit des Atomkraftwerks Santa Maria de Garoña. Begründung: Spanien könne es sich nicht leisten, auf Herstellungskapazitäten von Energie zu verzichten. Dabei haben die Konservativen gerade per Moratorium die erneuerbaren Herstellungskapazitäten abgedreht.
Von Charlotte Schumann
Industrieminister José Manuel Soria hat an diesem Samstag die Verlängerung der Laufzeit des ältesten Atomkraftwerks Spaniens um weitere fünf Jahre angekündigt. Das AKW Santa María de Garoña im Norden des Landes war 1971 ans Netz gegangen. Die nationale Atom-Aufsichtsbehörde Consejo de Seguridad Nuclear (CSN) habe dem Plan bereits zugestimmt, sagte der Minister in Sevilla.

Das 1971 ans Netz geschaltene Atomkraftwerk mit dem schönen Namen "Santa Maria"...
Ursprünglich war die Betriebserlaubnis des Siedewasser-Reaktors mit 466 Megawatt Leistung am 5. Juli 2009 abgelaufen. Die sozialistische Regierung hatte damals aber einer Laufzeitverlängerung bis Ende 2013 zugestimmt. Nun gibt es für Betreiber Nuclenor also fünf Jahre obendrauf. "Spanien kann es sich nicht leisten, auf Herstellungskapazitäten von Energie zu verzichten", zitieren spanische Medien den Minister.
So ganz stimmig ist die Begründung des konservativen Energieministers allerdings nicht: Die neue Regierung Spaniens hatte nämlich Ende Januar genau das beschlossen - auf Herstellungskapazitäten von Energie zu verzichten. Per Moratorium beschlossen die Konservativen, dass neue Ökostrom-Anlagen keine Einspeisevergütung mehr erhalten. Spanien hatte sich ein Fördergesetz nach Vorbild des deutschen EEG gegeben. Und weil die Erneuerbaren auch in Spanien trotz besserer Sonnenenergie-Werte noch nicht wettbewerbsfähig sind, bedeutete dieses Moratorium das Aus für Windkraft, Biomasse und Co.
Das entsprechende "Königliche Dekret 1/2012" wurde dann Anfang Februar veröffentlicht, was den Aufschrei noch vergrößerte. Mit der Veröffentlichung waren nämlich auch Anlagen vom Einspeisetarif-Stopp betroffen, die gerade im Bau waren. "Die Regierungsbeschlüsse legen die gesamte Branche der erneuerbaren Energien in unserem Land lahm. Sie zerstören einen boomenden Wirtschaftszweig", protestierte die Asociación de Productores de Energías Renovables (APPA), die Vereinigung der Produzenten regenerativer Energien (APPA).
Schon heute werden 33 Prozent des Strombedarfs regenerativ gedeckt
Dabei ist Spanien bei der Nutzung der Regenerativen Vorreiter. Nach Angaben des Stromnetzbetreibers Red Eléctrica de España (REE) wurden im vergangenen Jahr bereits 33 Prozent des spanischen Stromverbrauchs aus Sonne, Wind und Co. gedeckt. Die Windkraft ist mit 14,6 Prozent im Strommix demnach am stärksten ausgebaut, gefolgt von der Wasserkraft, die etwa 11,9 Prozent zur Stromversorgung beiträgt. Zum Vergleich: In Deutschland decken die Erneuerbaren "erst" zu 20 Prozent den Strombedarf.
Atomkraft spielte in Spanien dagegen nicht so eine große Rolle wie in Deutschland. Sechs Atomkraftwerke mit acht Reaktorblöcken und einer installierten Bruttogesamtleistung von 7.728 Megawatt sind am Netz, sie tragen zu 20 Prozent zur Stromversorgung Spaniens bei. Zwei Reaktorblöcke mit einer Bruttogesamtleistung von 650 Megawatt wurden bereits stillgelegt, Santa Maria sollte im kommenden Jahr folgen.

... verströmt nun nicht wirklich den Charme von sicherer Zukunftstechnologie. (Fotos: CSN)
Die neue Energiepolitik der Konservativen wird - anders als in Deutschland - auch von den Gewerkschaften heftig attackiert. Die größte Gewerkschaft CCOO bezeichnete das Moratorium als "historischen Fehler". Getroffen werde einer der "wenigen Sektoren der heimischen Wirtschaft, in denen Spanien weltweit eine Führungsposition einnimmt". Spanien ist mit einer Arbeitslosigkeit von derzeit 23 Prozent besonders von der aktuellen Krise betroffen. Und auch hier argumentierten die Konservativen: Die Ökostromumlage sei zu teuer.
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